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Kultur Sprengel-Preis für Friedrich Kunath
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10:19 21.11.2012
Zündende Ideen hat Friedrich Kunath reichlich, einige präsentiert der Künstler in seinem neuen Video. Quelle: dimi anastassakis
Hannover

Als Friedrich Kunath beim vorigen Mal in Hannover war, vor fast genau drei Jahren, da hatte er eine Ausstellung im hiesigen Kunstverein. Wer sie damals sah, wird sie schwerlich vergessen haben. Und sei es auch nur wegen eines kleinen Bildes, das der Künstler dort zeigte. Ein informelles Gemälde, in dessen glühenden Farben ein krakeliger, unsicher geschriebener Satz den Betrachter fragt: „If you leave me, can I come, too?“ (Wenn du mich verlässt, nimmst du mich dann mit?) Ein bittersüßes, kluges und mehrdeutiges Werk. Das herzzerreißende Paradox dieser Frage lässt nicht allein an die Widersprüche der Liebe denken, sondern reflektiert auch das Verhältnis von Kunstwerk und Betrachter.

Jetzt ist der 1974 in Chemnitz geborene Multimediakünstler - er fertigt Gemälde und Zeichnungen, Objekte und Installationen, Filme und Fotografien - wiedergekommen, um den von der Niedersächsischen Sparkassenstiftung verliehenen Sprengel-Preis für Bildende Kunst entgegenzunehmen. Er ist mit 12500 Euro dotiert und wird alle zwei Jahre an einen jüngeren Künstler mit einem bedeutenden Werk vergeben, der einen biografischen Bezug zu Niedersachsen hat. Kunath studierte von 1993 bis 1998 bei Walther Dahn an der Hochschule für Bildende Künste in Braunschweig. Dann brach der junge Mann aus dem Osten - nach einem kurzen Intermezzo in Köln - weiter nach Westen auf. Bis nach Los Angeles, um dort als Künstler sein Glück zu machen.

Das ist ihm bisher sehr gut gelungen. Er hat in der Stadt der Engel Aufnahme in der angesehenen Galerie Blum & Poe gefunden und Ausstellungen in wichtigen Kunstinstituten in Los Angeles und New York gehabt. Nächstes Jahr stellt er im renommierten Oxford Museum of Modern Art in Großbritannien aus. Wo immer auf der Welt Kunaths hintergründige Kunstwerke gezeigt werden, liebt das Publikum ihren absurden Witz, ihre melancholische Erzählweise und ihr heroisches Anlächeln gegen den Widersinn der Welt. Das alles zeichnet auch den poetischen Parcours aus, den das Sprengel Museum dem Preisträger aus Anlass seiner Ehrung in den oberen Sammlungsräumen seines Hauses ausgerichtet hat. In seinem Mittelpunkt steht die Figur des traurig weisen Clowns, ein Alter Ego des Künstlers.

Der schaut als Querdenker auf die Welt. Schon der Titel von Kunaths Sprengel-Schau „Your Life Is Not for You“ ist eine subtile Invektive gegen die Körperfetischisten und Lifestyle-Hedonisten unserer Zeit. Unter ihnen, die ihr Glück vornehmlich in der Feier des eigenen Ichs finden, leidet der sensible Künstlerclown. Ihnen dreht er eine besonders große Nase. Mit Werken, in denen ein Sonnenuntergang zur wichtigsten Sache der Welt wird. Was Kunath betont und zugleich ironisch bricht, indem er eine Leiter ans Ufer des Meeres schafft und sie erklimmt, um die Strahlen der verlöschenden Sonne noch etwas länger als alle anderen zu genießen. Oder mit einer beeindruckenden, sich über die ganze Eingangswand des Museums spannenden, neuen Neonarbeit, in der er für seine Liebste mit einem blauen Lasso den gelben Mond einfängt. Für den Titel des Werks hat er sich eine schöne Zeile aus einem Popsong ausgeliehen: „Come back romance, all is forgiven.“

Das Werk macht deutlich, dass für Menschen, die die Welt und Wirklichkeit durch das Prisma des Gefühls sehen, das Leben nicht immer einfach ist. Auch eine wunderbare Buchskulptur verweist darauf. Ihre Titel summieren sich zu einer kleinen Sinfonie des persönlichen Scheiterns, von dem der Künstler ein eigenes Lied zu singen weiß. Die Titelpyramide geht vom überschäumenden „No Greater Love“ zum ernüchternden „Illusions of Love“ hin zum deprimierten „Make Death Love Me“. In solchen Fällen hilft Selbstironie, wie sie in dem Werk zum Ausdruck kommt, aber auch ein Sinn für die Wunder des Alltäglichen. Ein poetisches Gefühl für die Welt, das Friedrich Kunath ganz unzweifelhaft besitzt. Es entfaltet sich, wenn er große Schuhskulpturen mit wundersamer Ladung durch das Sprengel Museum segeln lässt oder uns in seinen wie im hellsichtigen Fieberwahn gemalten Bildern zu Zeugen seiner Träume macht.

Ein neuer Videofilm versammelt Schlüsselmotive seiner Kunst. Sein Protagonist, ein nicht mehr junges, von allerlei Selbstzweifeln gequältes männliches Model, lässt sich gleichfalls als Alter Ego von Friedrich Kunath verstehen. Als Porträt des Künstlers in 20 Jahren. Immer noch treiben ihn dieselben existenziellen Fragen um, die auch die unseren sind: Wer sind wir, wenn wir „Ich“ sagen? Wie bewältigen wir Einsamkeit, wie gelingt uns Gemeinsamkeit? Und die Einsicht, was für ein zugleich schönes und schreckliches Leben wir doch haben. Zwischen barocker Fülle und unvermeidlichem Verlust bis hin zu unserem Tod. Das alles vorgetragen in ebenso stillen und meditativen wie burlesken und slapstickartigen Bildern. Das Leben ist eben immer mehr als eines.

Deshalb ist auch Friedrich Kunath nicht auf das Etikett des Romantikers und Melancholikers festzulegen. Dafür ist er bei aller Sinnlichkeit ein viel zu analytischer Kopf. „I love melancholy“ lesen wir auf einer großen Button-Skulptur von ihm und als Titel des Werks das Eingeständnis: „Actually, I Don’t“.

Bis zum 3. März 2013 im Sprengel Museum Hannover.

Michael Stoeber

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