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12:29 03.07.2009
Von Karl-Ludwig Baader
Mit neuem Schwimmanzug zum Weltrekord: Britta Steffen.
Mit neuem Schwimmanzug zum Weltrekord: Britta Steffen. Quelle: Martin Bureau/AFP/ddp
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Manchmal bringen Fernsehinterviews die Befragten in sehr merkwürdige Situationen: Die Schwimmsportlerin Britta Steffen musste jüngst immer wieder betonen, dass sie ihren um drei Zehntelsekunden verbesserten Weltrekord auch ihrer Anstrengung und nicht nur, wie von Journalisten gelegentlich suggeriert, dem neuen „Wunderanzug“ namens „Hydrofoil“ verdankt, einem beschichteten Hightech-Textil, auf dem Sportler wie auf einer Luftmatratze übers Wasser gleiten –und die Weltrekorde purzeln lassen. 

Die naiven Fragen legen nahe, dass es etwas Besonderes sei, wenn Spitzensportler technologische Hilfen in Anspruch nehmen. Das ist aber der Normalfall, nicht nur bei Sportarten wie Motor- oder Radsport, in denen die Technik eine große Rolle spielt. Die Verbesserung der Ausrüstung lässt sich überall beobachten. Das Gewicht, die Elastizität oder die aerodynamische Eigenschaft des jeweiligen Materials wurden stetig den Bedürfnissen der Sportler angepasst.

Nichts ist normaler: Der Sport ist nur ein Beispiel dafür, dass der Mensch, der immer zugleich Natur- und Kulturwesen ist, schon immer Werkzeuge als verlängerten Arm entwickelt hat, ob es sich nun um Bohrmaschinen, Bomben oder eben Badeanzüge handelt. Der Mensch, heißt es unter Anthropologen, kann viel, aber nichts wirklich gut. Er wusste aber aus seiner Schwäche Stärken zu entwickeln, weil sein Erfindergeist seine natürlichen Defizite mehr als nur kompensiert.

Allerdings bedarf es zur Steigerung von sportlichen Leistungen eines immer größeren und aufwendigeren materiellen und finanziellen Aufwandes, will heißen: Immer mehr Einsatz bringt immer weniger Ertrag.

Der Grund ist ein biologischer. Die Optimierung der natürlichen Ressourcen, der Körperfunktionen, zur Leistungssteigerung ist dank des konzertierten Einsatzes von Medizinern, Trainingswissenschaftlern, Physiotherapeuten, Ernährungswissenschaftlern und Mentaltrainern weit gediehen – die effektive Formierung des Körpers ist möglich, wenn neben Talent und Ehrgeiz auch noch die natürlichen Voraussetzungen stimmen: Große Hände und Füße sind im Schwimmsport nützlich, ein langes Fersenbein hilft dem Sprinter. 

Schon mit den inzwischen üblichen und legalen Trainingsmethoden ist die Grenze zur Überforderung, zum forcierten Verschleiß überschritten, bringt doch eine Optimierung bestimmter Körperfunktionen das Gesundheit sichernde Gleichgewicht des Gesamtkörpers mehr oder weniger in Unordnung. 

Die Vernunft rät zu illusionsloser Akzeptanz einer in absehbarer Zeit erreichten absoluten Grenze für das menschliche Leistungsvermögen. Aber die finanziellen Interessen der Sportbranche wie die herrschende Mentalität des „Höher, schneller, weiter!“ vertragen sich nicht mit dieser Einsicht – und so kann es nicht überraschen, wenn ehrgeizige Ziele auf krummen Aus- und Irrwegen zu erreichen versucht werden. Wenn Leistungssportler auf ein durch Doping angetriebenes Wachstum setzen, nehmen sie sogar Selbstzerstörung in Kauf. Und schon droht ein weiterer Schritt auf dem Weg zur Homunkulisierung des Sportlers: In manchen Laboren wird an der Technik des Gendopings gearbeitet.

Da die Schäden, von einzelnen Todesfällen einmal abgesehen, meist erst viel später bemerkbar werden, können sie lange Zeit verdrängt werden. Insofern gibt es eine Analogie zur ökologischen Krise, die sich derzeit ja als Häufung „einzelner“ Naturkatastrophen ankündigt.

Aber auch Analogien zur Finanzkrise drängen sich auf. Während in der Realwirtschaft der ausgewachsenen Industriegesellschaften die Wachstumsrate im unteren einstelligen Prozentbereich bleibt, versprach (und verspricht gelegentlich noch heute) die Finanzwirtschaft ganz andere Steigerungs- und Profit?raten, Renditen von mehr als zwanzig Prozent. Sie waren, wir wissen es heute, nur möglich durch Luftbuchungen.

Spekulationen mit fiktiven Werten schufen ein monströses Pseudowachstum, das nun zusammengebrochen ist und andere Teile des Wirtschaftskörpers, die Realwirtschaft, an den Rand des Kollaps treibt. Die Logik der Selbstzerstörung durch unrealistische Wachstumsimperative greift auch hier. 

Dabei zeigt sich, wie leicht sich doch mit Zahlen manipulieren lässt, die, wenn sie in einer Statistik (zumal auf einer nach oben führenden Kurve) Aufstellung nehmen, eine mysteriöse Überzeugungskraft entfalten – und keiner fragt mehr nach der realen Basis jener dubiosen (Un-)Wertpapiere, die zurzeit in einer Bad Bank weggeschlossen sind.

Die Funktionsweise dieser „Finanzprodukte“ können wir uns genauso wenig vorstellen wie die Zeiteinheiten, in denen sportlicher Fortschritt gemessen wird. Verbesserungen lassen sich in vielen Sportarten nur noch erzielen, wenn die Uhren immer genauer gehen und die Schnelligkeitsrekorde nicht mehr nur in Zehntel, sondern auch in Hundertstel- und Tausendstelsekunden erfasst werden.

Da ist es kein Wunder, dass die künstliche Schwimmhaut von Britta Steffen mit ihrem Beschleunigungspotenzial von drei Zehntelsekunden schon als „Wunderanzug“ gefeiert wird – Physik und Metaphysik gemeinsam im Dienste des Wachstumsfetischs. Je inniger der beschworen wird, desto größer wird aber auch die Chance für faulen Zauber.