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Kultur Spektakulärer Kunstfälscher-Prozess: Angeklagte schweigen
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13:16 01.09.2011
Unter großem Medienandrang hat am Donnerstag am Kölner Landgericht der Prozess um einen der spektakulärsten Kunstfälscherskandale seit Jahrzehnten begonnen. Quelle: dpa
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Köln

Die angeblichen Meisterwerke waren falsch bis ins kleinste Holzwurmloch: In einem der spektakulärsten Kunstfälscherprozesse der deutschen Nachkriegsgeschichte müssen sich seit Donnerstag vier Angeklagte vor dem Kölner Landgericht verantworten. Beim Prozessauftakt hüllten sie sich in Schweigen.

Die Staatsanwaltschaft wirft dem Quartett vor, über Jahre hinweg bis zu 47 raffiniert gefälschte Werke von Avantgarde-Künstlern des beginnenden 20. Jahrhunderts wie Max Ernst und Max Pechstein in den internationalen Kunstmarkt geschleust zu haben. Dafür sollen sie fast 16 Millionen Euro kassiert und sich einen „luxuriösen Lebensstil“ mit Millionen-Anwesen in Südfrankreich und Freiburg geleistet haben. Große Auktionshäuser, Galerien sowie namhafte Kunstsachverständige sollen auf den Betrug hereingefallen sein.

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Die Anwälte schlossen nicht aus, dass sich die drei Hauptangeklagten bald vor Gericht äußern werden. Das aus dem Rheinland stammende Ehepaar Wolfgang (60) und Helene (53) B. sowie ihr mutmaßlicher Komplize, der 67-jährige Otto S., sitzen seit ihrer Festnahme vor rund einem Jahr in Untersuchungshaft und schweigen zu den Vorwürfen. „Es spricht einiges dafür, dass sie sich äußert“, sagte Anwalt Ferdinand Gillmeister über seine Mandantin Helene B. Die vierte Angeklagte, Jeanette S. (54), die Schwester von Helene B., ist auf freiem Fuß.

Die Beschuldigten erfanden eine Herkunftslegende um die fingierten Sammlungen „Werner Jägers“ und „Wilhelm Knops“. Dabei handelte es sich um die Großväter der zwei Schwestern sowie von Otto S. Die Sammler hätten die Werke von Pechstein, Ernst und Heinrich Campendonk in der Vorkriegszeit bei dem berühmten Galeristen Alfred Flechtheim in Berlin gekauft.

„Die Großväter Jägers und Knops haben sich nie kennengelernt und auch zu keinem Zeitpunkt Gemälde von Flechtheim (...) erworben oder ihn gar persönlich gekannt“, sagte Staatsanwältin Kathrin Franz.

Den Pinsel führte nach Ansicht der Staatsanwaltschaft der „künstlerisch versierte“ Wolfgang B., der möglicherweise Helfer gehabt habe. Zusammen mit seiner Frau habe er „in besonderem Maße“ die Geschichte der Malerei des beginnenden 20. Jahrhunderts studiert und sich mit Stilen, Maltechniken und chemischen Zusammensetzungen der Farben, Rahmen und Leinwände der Zeit befasst.

Größtenteils habe die Bande verschollene Werke oder Gemälde gefälscht, von denen es keine Abbildungen gab. Auf die Rückseiten klebten sie ebenfalls gefälschte Aufkleber namhafter Galerien der 20er Jahre.

Für die Fälschungen holten die Beschuldigten laut Anklage Echtheitszertifikate bekannter Kunstexperten ein. Den Kontakt zu den Galerien in Paris, die die Werke weiterverkauften, stellte häufig Otto S. her, Helene B. lieferte bei Auktionshäusern ein. In drei Fällen soll auch ihre Schwester beteiligt gewesen sein.

dpa

01.09.2011
Karl-Ludwig Baader 01.09.2011
31.08.2011