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Kultur Souveräner Auftritt von Vorjahressiegerin Suyoen Kim
Mehr Welt Kultur Souveräner Auftritt von Vorjahressiegerin Suyoen Kim
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18:46 27.09.2009
Von Rainer Wagner
Souverän: Vorjahressiegerin Suyoen Kim Quelle: Jana Striewe
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Vor dem Ausblick steht der Rückblick. Es ist eine schöne Tradition beim Internationalen Violinwettbewerb Hannover, dass beim Eröffnungskonzert der Sieger oder die Siegerin (bislang steht die Geschlechterbilanz drei zu drei) des vorangegangenen Wettkampfs an die Stätte des Triumphs zurückkehrt. Da können die neuen Anwärter auf den Siegersessel schon mal miterleben, auf welchem Niveau man musizieren muss, um die Nase vorn zu haben.

Viele der Kombattanten des neuen Wettbewerbs waren im Auditorium auszumachen – und mancher mag sich Sorgen gemacht haben, ob er die Souveränität der jetzt gerade mal 21 Jahre alte Suyoen Kim wird erreichen können. Kim brachte ein Werk mit, das mittlerweile eine Rarität im Repertoire geworden ist. Vor 36 Jahren konnte der Musikschriftsteller Rudolf Kloiber in seinem „Handbuch des Instrumentalkonzerts“ noch schreiben, dass Alexander Glasunows Violinkonzert wegen seiner „brillanten und dankbaren Geigenwirkungen ... von den großen Virtuosen mit besonderer Vorliebe gespielt wird“. Das hat sich seitdem stark geändert. V

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iele der Musikfreunde im hannoverschen Opernhaus, die nicht hauptberuflich mit dem Geigespiel zu tun haben, dürften dieses Stück zum ersten Mal live erlebt haben. Und sich gefragt haben, warum dieses Werk so aus der Mode gekommen ist: Es ist virtuos, effektvoll – und obendrein noch sympathisch kurz angebunden. Zugegeben: Die Form ist raffinierter, als es auf den ersten Blick scheint. Das vermeintlich einsätzige Konzert hat drei Sätze, von denen der langsame als Durchführung in den ersten Satz eingebaut ist.

Nach Hannover passt Glasunows Konzert besonders gut. Immerhin ist es dem berühmten russischen Virtuosen und Pädagogen Leopold Auer gewidmet. Der hat die Uraufführung auch gespielt – ganz im Gegensatz zum Fall Tschaikowsky, der sein Violinkonzert ebenfalls für Auer schrieb. Der allerdings lehnte dieses Stück als unspielbar ab und führte es später nur in einer eigenen Überarbeitung auf. Glasunows Konzert aber fand Auers Achtung. Und Auer hat eine besondere Beziehung zu Hannover und zu Joseph Joachim, dem der Internationale Violinwettbewerb Hannover schließlich gewidmet ist. Auer war zwei Jahre lang in Hannover Schüler von Joachim und nannte diese Zeit einen Wendepunkt in seiner Karriere (er kam als 16-Jähriger hierher), weil er bei Joachim „nicht nur mit meinen Händen, sondern auch mit dem Kopf“ lernte. Keine schlechte Basis, um nicht nur ein guter Geiger, sondern auch ein ernsthafter Musiker zu werden.

Suyoen Kim hatte also gut gewählt – und führte respektheischend vor, wie gut sie diese Musik erfasst. Das vage Suchende, verhalten Vorwärtsstrebende des Kopfsatzes setzt sie mit warmem Ton um, im Andante sostenuto wechselt sie zwischen vollmundigem Gesang und lebhafterem Ausbruch (nur in der Kadenz ist sie kurzfristig in Gefahr, sich selbst zu hetzen). Das ebenso schwung- wie effektvolle Finale mit seinem von den Trompeten angestimmten Jagdthema macht Suyoen Kim zu einer Bravournummer, bei der die raffiniert zugemischten Orchesterfarben Pointen setzen.

Das Niedersächsische Staatsorchester unter seinem Chef Wolfgang Bozic war dabei ein geistreicher Partner. Begonnen hatte das Orchester an diesem Abend mit Michail Glinkas Ouvertüre zu „Ruslan und Ludmilla“, die den jungen Geigern vor Ohren führte, was einem blüht, wenn es zur Solistenkarriere nicht reicht: Dann muss man als Geiger virtuos unisono spielen (was gut gelang) und doch erleben, dass das Seitenthema von den Celli viel wirkungsvoller intoniert wird. Die Cello-Gruppe verspielte diesen Punktevorsprung nach der Pause mit einem recht unscharfen Beginn von Dvoraks Sinfonie „Aus der Neuen Welt“, in der sich die Bläser insgesamt wirkungsvoller präsentieren können als die Streicher.

Das wird sich ändern: In den nächsten Tagen haben in Hannover die Geigen das Sagen. Am Montag und Dienstag läuft die erste – öffentliche – Vorrunde jeweils von 10 bis 14 und von 17 bis 21 Uhr in der Hochschule für Musik und Theater Hannover.