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Kultur Sonnabend beginnen die Festspiele
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09:26 23.07.2009
Proben für die Bayreuther Festspiele. Quelle: Handout
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Wie die Bayreuther Festspiele mal gemeint gewesen sind? Als er noch wie ein richtiger Revolutionär empfindet und gerade noch leibhaftig auf den Barrikaden gestanden hat, schreibt Richard Wagner an den Freund Ernst Benedikt Kiez über seine „allerkühnsten pläne“, vorausgesetzt er hätte das Geld dazu: „Dann würde ich überall hin an diejenigen, die für meine werke sich interessieren, einladungen ausschreiben … und – natürlich gratis – drei vorstellungen in einer woche hintereinander geben, worauf dann das theater abgebrochen wird und die sache ihr ende hat.“ Diese Intention sollte man vielleicht doch mal als Flugblatt zur Festspielpremiere kursieren lassen.

Wie fast jeder durchs Fernsehen vermittelte Eindruck täuscht da im Übrigen das Bild von der Parade auf dem roten Teppich zur Eröffnung mit den Merkels und Gottschalks. Wer in die Oper geht, um vor der Oper gesehen und nach der Oper exquisit versorgt zu werden, geht nicht in Bayreuth in die Oper. Mit Minimalinteresse, mühsam rückversichert durch kurzes Programmheftstudium, ist es hier nicht getan. Wer die Stücke nicht kennt, versteht (fast) kein Wort, Zusammenhänge bleiben vollends finster. Und wenn man bedenkt, dass die Übung im Normalfall von 16 bis gerne mal 23 Uhr dauert, kann die Zeit ganz schlimm lang werden. Es sei denn, man schliefe.

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Weidlich unbeobachtet ginge das aber sowieso nur in den wenigen Logen, ansonsten sitzt man wie auf der Gegengeraden eines riesigen, leicht veralteten Fußballstadions (Marke Maracana), also Äonen vor der Erfindung der Business Seats. Auf Holz, hart und heiß, und wenn der Nachbar mehr als 90 Kilo hat, wird’s eng. Zudem versagen während des letzten Aufzugs jeder Vorstellung verlässlich auch die härtesten Deos. Dafür sitzt man im einzigen Theater der Welt, das sich sein Schöpfer allein nach seinen Plänen und nur für seine Werke hat bauen lassen. Wenn man denn eine Karte bekommt, deren jeweiliger Preis auf Plätzen im hinteren Drittel auf dem Niveau von U2-Konzerten liegt. Nicht drüber. Bayreuth ist nicht Salzburg.

Trotz in diesem Jahr erstmals möglicher Internetbestellung muss sich der Erstbewerber aber immer noch auf zehn Jahre Wartezeit einstellen, es sei denn – Wagner war schließlich mal Sozialist –, man ist Gewerkschaftsmitglied, da gibt es zwei geschlossene Sondervorstellungen. Wer dann aber drin ist, ist drin und dient sich, angefangen von den Frühwerken, langsam hoch: Nach ein paar Jahren gibt’s den „Ring“, und wenn man den einmal im Spätsommer erlebt hat, also im letzten Zyklus, tut sich eine andere Welt auf in Bayreuth. Dann ist die fränkische Kleinstadt Ende August bevölkert von Franzosen, Spaniern und Italienern, denen traditionsgemäß die letzten Vorstellungen gehören, und jeder Verdacht von Deutschtümelei wird obsolet. Schön, dass ausgerechnet den Südeuropäern die eher kargen, auch auf Wagners Wünsche zurückgehenden Bewirtungsstrategien gefallen: Außer einem überteuerten Festspielrestaurant mit frisiertem Kantinenessen ist eigentlich nur Bratwurst und Bier im Angebot. Und das reicht auch.

Für viel mehr als Wagner (Wagner hören, Wagner sehen, Wagner lesen, über Wagner lesen, über Wagner reden) bleibt dem Festspielbesucher keine Zeit. So er nicht über das Geschehen berichtet, kann er nach dem Aufstehen eigentlich direkt wieder das Abendgewand anlegen. Diesbezüglich haben sich die Sitten, wie überall, sehr gelockert, in Bayreuth gilt’s bekanntermaßen der Kunst und nicht der Krawatte. Auch ein schöner Zug.

von Mirko Weber