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Kultur Sommerfestival auf Kampnagel beginnt
Mehr Welt Kultur Sommerfestival auf Kampnagel beginnt
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06:15 15.08.2012
Von Martina Sulner
Depression in Argentinien: Das Stück von Lola Arias erzählt von der Krankheit ihrer Mutter. Quelle: Kampnagel
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Hamburg

Thessaloniki ist in wenigen Minuten aufgefressen, und die Gegend um Athen hält auch nicht viel länger. Sieben Schweine schickt der spanische Installationskünstler Santiago Sierra in eine Arena, auf deren Boden eine Nachbildung Griechenlands aus Teig klebt. Unter andächtigem bis amüsiertem Interesse der Zuschauer knabbern die Tiere den stechend süßlich riechenden Teig an - Schweinefutter, das zu Brei verarbeitet ist - und fressen ihn auf. Die Tiere stammen aus Hamburg. Sierras Projekt soll die Zuschauer beim Hamburger Sommerfestival auf Kampnagel daran erinnern, so heißt es, dass billig in Griechenland gemästete Schweine auch in Norddeutschland zu Kotelett und Wurst verarbeitet in den Handel kommen.

Sierra, der vor sieben Jahren die hannoversche Kestnergesellschaft unter Schlamm gesetzt hat, will es dem Kunstpublikum nicht einfach machen. Dort böse Finanzhaie, die von der Wirtschaftskrise profitieren, hier gute Kunstinteressierte, die sich aus allem heraushalten: Diese simple Gleichung versucht der Künstler mit seinen Arbeiten zu durchbrechen, auch mit „The Hellenic Peninsula Devoured by Pigs“.

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Mit diesem Ansatz ist Sierra beim Sommerfestival gut aufgehoben. Unter Matthias von Hartz, der das Fest mehrere Jahre geleitet hat und künftig das Tanz- und Theaterprogramm der Berliner Festspiele betreut, hat sich das Festival politisiert. In den vergangenen Jahren ging es mal ums Thema Konsum und Nachhaltigkeit, mal um Allgemeingüter. In diesem Sommer loten zahlreiche Künstler, Wissenschaftler und Publizisten die Grenzen des Wachstums aus.

Auf kleine Beiträge zum Thema Wachstum stößt man beim Rundgang über das ehemalige Fabrikgelände an mehreren Orten. Im Foyer etwa ist Weizengras ausgesät. Auf einem Schild heißt es: „Wächst wie Wahnsinn und macht wunderschön: Weizengras“. Hinter den alten Hallen, im Festival-Biergarten, steht eine Lehm-Stroh-Wand, daneben eine Erklärung über die Vorteile des Bauens mit Stroh. Am kommenden Sonnabend dann steht ein achtstündiger „Marathon“, wie die Veranstalter es nennen, auf dem Programm: In Vorträgen, Performances und einem Hörspiel soll es um Wachstum, Finanzkrise und den Rückbau von Industriestandorten gehen.

Wer wollte, konnte auch in dem Eröffnungsabend einen Beitrag zum Themenkomplex Wachstum und Reduktion erkennen. Der französische Choreograf Boris Charmatz zeigte mit „Levée des conflits“, einer deutschen Erstaufführung, eine Produktion, die von Fülle und Minimalismus gleichermaßen lebt. Gut zwei Dutzend Tänzer betreten nach und nach die leere Bühne, jeder führt zeitversetzt die Bewegungen seines Vorgängers aus. Erst wirkt das ruppig und rau, doch dann kommen die Körper immer enger zusammen und bilden irgendwann einen einzigen großen Organismus - bis sich in diesem Spiel der Körper, zu dem so gut wie nie Musik erklingt, wieder Tänzer lösen. Der Anblick der wogenden Körper hat etwas angenehm Pures und Zurückgenommenes, fast schon Meditatives.

Äußerlich unspektakulär, inhaltlich aufregend ist „Melancholie und Protest“ der argentinischen Theatermacherin Lola Arias, die auch schon beim niedersächsischen Theaterformen-Festival vertreten war. Arias erzählt von der Depression ihrer Mutter und verbindet - wie in Projekten zuvor - das persönliche Schicksal mit der Geschichte Argentiniens. Hat der Ausbruch der Depression 1976 zu tun mit dem Putsch des Militärs in jenem Jahr, fragt Arias. Oder vielleicht doch mit ihrer eigenen Geburt 1976? Arias als Erzählerin und fünf Schauspieler umkreisen dieses Thema feinfühlig und durchaus mit Humor.

Die Theatermacherin holt die Geschichte in die Gegenwart. Die fünf alten Schauspieler wollen sich, ebenso wenig wie zahlreiche (argentinische) Senioren, zu Statisten degradieren lassen. Lauthals schleudern sie dem Publikum ihren Protest entgegen - gegen geringe Rente, aber auch dagegen, dass sie nur noch als Alte und nicht als Menschen mit sexuellen Wünschen wahrgenommen werden. Vielleicht, deutet die Inszenierung an, hilft solch ein Protest gegen das Versinken in Melancholie.

Vom Aufbäumen gegen die Verhältnisse handelt Árpád Schillings Stück „Die Priesterin“: Eine junge Schauspiellehrerin aus Budapest kommt in die Provinz und gerät dort wegen ihrer unorthodoxen Lehrmethoden mit der Direktorin, dem Pfarrer und einigen Schülern aneinander. Schwer einzuschätzen, welche (Film-)Szenen fiktiv, welche dokumentarisch sind. Gerade diese Unsicherheit macht den Reiz der Inszenierung aus, die dem Zuschauer das Gefühl gibt, ein bisschen von der Stimmungslage in Ungarn begriffen zu haben.

Bis 25. August, Informationen und Karten unter www.kampnagel.de.

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