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Kultur „Softporno würde ich das nicht nennen“
Mehr Welt Kultur „Softporno würde ich das nicht nennen“
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12:23 27.01.2015
Von Stefan Stosch
Dieter Kosslick: Seit 2001 ist der 66-Jährige Berlinale-Direktor. Quelle: Jörg Carstensen
Hannover

Herr Kosslick, erwarten Sie bei der kommenden Berlinale auch Besuch aus Nordkorea, das gerade durch den Streit um den Film „The Interview“ auf sich aufmerksam gemacht hat?

Davon war ich ausgegangen. Bislang sind die Nordkoreaner jedes Jahr gekommen, auch wenn sie gar keinen Film bei der Berlinale hatten. Vermutlich war die Verwirrung um die Komödie „The Interview“ der Grund für die Absage. Sie dachten fälschlicherweise, der Film gehöre zum Festivalprogramm. Wir hatten nie vor, den Film zu zeigen, und Sony hat uns „The Interview“ auch nie angeboten. Ich habe das Missverständnis durch ein Gespräch mit dem nordkoreanischen Botschafter hoffentlich ausräumen können.

Als einen der ersten Berlinale-Filme haben Sie ausgerechnet „Fifty Shades of Grey“ nominiert: einen Film über Fesselspielchen. Nun gibt es einen Softporno-Verdacht bei der Berlinale: Muss das sein?

Das ist die Verfilmung eines globalen Bestsellers, der in 51 Sprachen übersetzt wurde. Ein Millionenpublikum wartet auf dieses Kinoevent. Da haben wir bei der Berlinale schon ganz andere Filme gezeigt. Lars von Triers „Nymphomaniac“ und Nagisa Oshimas „Im Reich der Sinne“, der einzige Film, bei dem die Polizei wegen Pornoverdachts einschritt. Aber diese Filme kann man sowieso nicht vergleichen.

Das war Filmkunst.

Stimmt, aber Sie wissen ja nicht, was Sie jetzt sehen werden. Softporno würde ich das nicht nennen. Ich habe den ersten Band der Romantrilogie hier liegen und kann mal ein paar Seiten vorlesen, was die beiden Protagonisten so miteinander anstellen. Das machen die Menschen auch in Hannover, Leipzig oder Rostock.

Im Grönland-Abenteuer „Nobody wants the Night“, das die Berlinale eröffnet, spielt Juliette Binoche. Wie stellen Sie sicher, dass Ihr Star auf dem roten Teppich aufläuft?

Wenn Juliette Binoche absagt, stecken wir im Packeis fest - um im Film zu bleiben (lacht). Aber ich bin von ihr noch nie enttäuscht worden. Und die Regisseurin Isabel Coixet war schon in der Berlinale-Jury, es liefen hier mehrere Filme von ihr. Ich bin da sehr zuversichtlich.

Sie haben das US-Regiegespenst Terrence Malick eingeladen. Er ist berüchtigt dafür, sich nicht zu zeigen.

Wussten Sie, dass Malick Deutsch spricht und Heidegger zum Teil ins Englische übersetzt hat? Wir haben schon sehr lange Kontakt miteinander. Ich gehe davon aus, dass er sich dieses Mal mit seinen Stars Christian Bale und Cate Blanchett zeigt - anders als bei „The New World“ 2006. Da habe ich mit ihm während der Vorführung vor der Tür geplaudert und wollte ihn in den Saal bugsieren. Ist mir leider nicht gelungen. Aber dieses Mal ...

Auf wen freuen Sie sich ganz besonders?

Ich finde es toll, dass die Deutschen so stark repräsentiert sind: Andreas Dresen, Sebastian Schipper, Werner Herzog im Wettbewerb, dazu Wim Wenders und Oliver Hirschbiegel!

Können Sie wie beim Wein abschätzen, ob 2015 ein guter Jahrgang wird?

Beim Film ist es komplizierter als beim Bordeaux. Letztlich handelt es sich um eine Frage der Betrachtung: Ich habe mir die Freiheit genommen, nicht nur alte Hasen, sondern auch neue, junge Filmkünstler zu programmieren. Das ist ein Risiko. Aber wenn wir den Mut nicht aufbringen, gibt es keine Entwicklung.

Setzen Sie sich eine Frauenquote?

Haben wir nicht, aber dafür haben wir tatsächlich Frauen im Programm. Ganz so einfach ist das aber nicht: 50 Prozent Filmschaffende im Programm schaffen wir nicht. Es gibt diesmal eine Initiative für eine größere Beteiligung von Frauen am Film, die unterstützen wir.

Das ist jetzt Ihre 14. Berlinale. Wie behalten Sie Ihre Neugier?

Ich bin auch sonst neugierig geblieben. Ich habe ein zehnjähriges Kind und sehe die natürliche Neugier. Das steckt an. Bei 6000 eingereichten Filmen ist Neugier die erste Pflicht eines Festivalchefs.

Es muss aber ermüdend sein, immer wieder die alten Vorwürfe zu hören: Zu viel Mittelmaß, Cannes ist besser ...?

Ja, klar. Aber später wird man oft bestätigt: Die Berlinale-Filme des Vorjahres - „Boyhood“ oder „Grand Budapest Hotel“ - räumen gerade in Hollywood Preise ab und sind heiße Oscarkandidaten. Die Schläge, die ich abbekomme, sehe ich inzwischen als Ritterschläge.

Worin besteht die größte Veränderung der Berlinale in Ihrer Amtszeit?

Zum einen in der Technologie. Früher haben sich die Kopien bis zur Decke gestapelt, heute sieht es im Filmlager wie bei Mr. Spock auf der Kommandobrücke aus - überall Computer. Wir bringen alle Filme digital ins Kino - über unser eigenes Glasfasernetz.

Und zum anderen ...?

... haben wir die Berlinale inhaltlich auf ein breites Fundament gestellt. Zu uns kann jeder kommen, der etwas mit Audiovision zu tun hat. Wir haben zum Beispiel einen Koproduktions- und einen Büchermarkt und die Talentplattform für den Nachwuchs. Und bei all diesen Veränderungen ist uns das Publikum mehr als treu geblieben: 325 000 Karten haben wir im Vorjahr verkauft.

Wohin geht die Reise bis 2019? So weit reicht ja Ihr Vertrag.

„Drama Series“ ergänzen das Programm: Wir zeigen hochwertige Serien. Millionen Menschen weltweit begeistern sich für diese neuen audiovisuellen Angebote und laden sich ihre Filme übers Netz herunter.

Moment - schaffen Sie sich gerade selbst ab?

Es wird immer Zuschauer geben, die Kino lieber im Kino schauen. „Ben Hur“ will man nicht auf dem Smartphone schauen. Aber wir müssen reagieren, wenn Filme künftig über Satellit kommen und gleich in 20 000 Kinos Premiere haben. Vielleicht braucht das Festival eine eigene Plattform, um attraktiv zu bleiben.

Die Berlinale gilt als sehr politisch. Gilt das auch für die 65. Ausgabe des Festivals?

Die Berlinale ist schon per Geburtsurkunde politisch: Das Festival wurde 1951 im Kalten Krieg als Schaufenster des Westens eröffnet. Es hat immer für Toleranz und Menschenwürde gestanden. Ich kann Ihnen versprechen: Auch die Themen der 65. Berlinale sind hart. Sie spiegeln die Wirklichkeit. Wir stehen auf der Seite der Entrechteten, Gefolterten, Ausgebeuteten. Solange ich den Job habe, bleibt das auch so. Man kann sich aber trotzdem ohne schlechtes Gewissen abends schick machen, um ins Berlinale-Kino zu gehen und am Roten Teppich Stars zu gucken.

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