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Kultur „Sockeltagebuch“ von Walter Kempowski erschienen
Mehr Welt Kultur „Sockeltagebuch“ von Walter Kempowski erschienen
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08:00 26.10.2012
Von Heinrich Thies
Schriftsteller Walter Kempowski starb 2007 im Alter von 78 Jahren in einem Krankenhaus in Rotenburg/Wümme bei Bremen. Quelle: dpa
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Hannover

„Gestern morgen öffnete sich das Tor und ein ehemaliger Strafgefangener, zu 25 Jahren Zwangsarbeit verurteilt, amnestiert, wird dem Leben gegeben. Einem unbegreiflichen Leben. Er allein geht, und tausend bleiben.“ Mit dieser Eintragung vom 8. März 1956 beginnt das Buch. Hinter Kempowski liegen zu diesem Zeitpunkt acht Jahre Bautzen, verurteilt wegen Spionage. Die Hafterfahrung wird den Reedersohn aus Rostock auch in den nächsten Jahren verfolgen wie ein Schatten. Gleichwohl gelingt es Kempowski in kurzer Zeit, sein Abitur zu machen, ein Pädagogikstudium zu absolvieren, eine Familie zu gründen und als Dorfschullehrer Fuß zu fassen.

Bei aller Zufriedenheit mit dieser Rückkehr in ein bürgerliches Leben lässt der Autor durchblicken, wie ihn sein lange vergeblicher Kampf um die Anerkennung als politischer Gefangener quält. Auch der pädagogische Ehrgeiz ist nicht ungebrochen. Neben liebevollen Spötteleien über seine Schüler in Breddorf und Nartum (Kreis Rotenburg/Wümme) finden sich auch verbale Wutausbrüche. So stöhnt Kempowski darüber, „sich morgens mit den wahrhaftig saudummen Kindern plagen zu müssen, ohne von Eltern, Behörde oder Regierung verstanden zu werden“. Auch die Erwachsenen nerven ihn oft mächtig, und mancher wird mit abfälligen Bemerkungen wie „dämlich“ oder gar „widerlich“ bedacht. Ein bisschen abgemildert wird die immer wieder aufblitzende Arroganz durch Kempowskis Selbstironie. „Wenn ich schon nicht gut bin, so will ich doch wenigstens nett sein“, notiert er am 6. Juni 1958.

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Was ihn aber vor allem bewegt - offenbar mehr noch als seine Frau und seine beiden Kinder -, ist sein Kampf um die Anerkennung als Schriftsteller. Der Traum vom Bücherschreiben wird zu einer realen Möglichkeit, als Kempowski durch eine wundersame Fügung den Lektor des Rowohlt-Verlages kennenlernt: Fritz J. Raddatz, Pflegesohn eines früheren Bautzener Anstaltspfarrers, der ihn 1962 besucht. Und Raddatz prüft wohlwollend kritisch Kempowskis erste Manuskripte und leitet sie zur Begutachtung an führende Repräsentanten der damaligen Literaturszene weiter: an Hans-Magnus Enzensberger, Peter Rühmkorf, Walter Jens und Joachim Kaiser. Das Urteil der Experten indessen fällt nicht sonderlich euphorisch aus. Besonders hart geht Kaiser, Literaturpapst der „Süddeutschen“, mit Kempowski ins Gericht, bescheinigt ihm „gepflegten Dilettantismus“ und eine „altmodische Sprache“ und rät von einer Veröffentlichung dringend ab.

Kempowskis Mutter, die das Gutachten vor ihrem Sohn in die Finger bekommt, ist empört. „Mein Liebster“, schreibt sie ihrem Walter. „Ich habe hin und her überlegt, ob ich dir diese Scheiße überhaupt nachschicken soll. Das ist ja wie ein Hammerschlag nach dem anderen direkt vor den Kopf.“ Doch der Sohn lässt sich davon nicht entmutigen. „Man findet keine Worte für solche Blödheiten“, schreibt er einem Freund. „Kaiser und Jens gehören natürlich, wie auch Raddatz, dieser merkwürdigen Gruppe 47 an. Das ist so eine Art Trust, das riecht nach Ostzone und Käthe Kollwitz.“

Der Autor hat sich bekanntlich am Ende durchgesetzt. Nach einem quälend langen Diskussions- und Redigierprozess von fast sieben Jahren erscheint der Haftbericht „Im Block“ schließlich 1969 bei Rowohlt. Das Nachfolgeprojekt „Im Sturm“ jedoch lehnte Verlagschef Heinrich Maria Ledig-Rowohlt persönlich ab. Wenige Tage später aber schon erhielt Kempowski die Zusage des Hanser-Verlags - und unter dem Titel „Tadellöser & Wolff“ wird das Buch zum Bestseller mit Millionenauflage und Fernsehverfilmung.

Dass er einmal einen solchen Erfolg landen würde, hatte Kempowski bis dahin selbst nicht für möglich gehalten. Durch seine Aufzeichnungen zieht sich die Skepsis wie ein roter Faden. Der Titel spricht Bände: „Wenn das man gut geht“.

Walter Kempowski: „Wenn das man gut geht. Aufzeichnungen 1956-1970“. Knaus. 624 Seiten, 29,99 Euro.

26.10.2012
Ronald Meyer-Arlt 28.10.2012