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Kultur So arbeitet Cornelius Meister in Wien
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21:01 28.01.2013
Von Jutta Rinas
Dirigent Cornelius Meister machte 2005 als jüngster Generalmusikdirektor Deutschlands Schlagzeilen. Quelle: Rosa Frank
Hannover

Zuhörer sind an diesem Morgen eine Rarität. Nur ganz hinten im Probensaal des Radio-Symphonieorchesters Wien (RSO) sitzt ein ganz in Schwarz gekleideter Mann: der in seine Partitur vertiefte Komponist Miroslav Srnka. Auf den vorderen Plätzen liegen Mäntel, Schals und Instrumentenkoffer. Die im Konzert meist in edles Schwarz gewandeten Orchestermusiker sitzen in Alltagskleidern auf der Bühne: Die Harfenistin prüft ihre E-Mails, ein Hornist gähnt herzhaft, bevor es an den ersten Einsatz geht. Wien, ORF-Radio-Kulturhaus, Orchesterprobe: eine Uraufführung, ein Klavierkonzert des 37-jährigen Avantgardekomponisten Srnka, steht auf dem Programm. Chef am Pult ist der aus Hannover stammende Cornelius Meister.

Seit 2010 steht der Mann, der 2005 mit seinem Engagement in Heidelberg im Alter von 25 Jahren als jüngster Generalmusikdirektor Deutschlands Schlagzeile machte, dem RSO vor. Seine Ära in Heidelberg hatte Meister im Sommer 2012 beendet. „Als Dirigent bleibt man nicht sein Leben lang in einer Stadt“, sagt der Vater dreier Kinder, der seinen „Familienwohnsitz“ in Heidelberg behalten will. Er fand, dass es ein guter Zeitpunkt sei, ein Orchester in einer „so wunderbar ungetrübten Zeit“ zu verlassen. In Wien hatte der 32-jährige da schon eine der wichtigsten Schlachten seines jungen Dirigentenlebens geschlagen. Die Zukunft des RSO, stand - ungefähr zeitgleich mit Meisters Vertragsunterzeichnung - plötzlich auf der Kippe. „Ich hatte noch gar nicht angefangen, da musste ich schon um das Orchester kämpfen“, sagt Meister. „Das war eine schwere Zeit.“ Jetzt hat sich das RSO konsolidiert, Meister hat seinen Vertrag bis 2016 verlängert. Daneben bleibt ihm Zeit für Gastspiele - am 31. Januar gibt er mit dem RSO in Hannover sein Pro-Musica-Debüt: im Kuppelsaal mit Bruckners Vierter und Webers Klarinettenkonzert mit Sabine Meyer.

An diesem Morgen im Probensaal des RSO schallt einem kraftvolle, moderne Musik entgegen. Eine Musik, die sich um ein Motivzentrum zu bewegen scheint und in Skalen durch die Instrumente wandert. Er habe die traditionellen Tonleitern ins Zentrum gestellt und versucht, aus dem oft zum Etüdenstoff degradierten Material Musik zu machen, sagt Komponist Srnka. Eigentlich redet der Mann nur ungern über seine Werke. Dann erzählt er aber doch von den „Leitern“ seines Konzerts, von den „Linien“, die entstehen, wenn man „in einem dreidimensionalen Raum einen sich fortwährend bewegenden Punkt immer weiter verfolgt“. Es ist erstaunlich, wie schön das in der Partitur eher spröde wirkende Stück schon in der Probe klingt. Das sich ständig verändernde Fließen des Klangs steht so stark im Vordergrund, dass man das Gefühl hat, Claude Debussy habe sich ins 21. Jahrhundert gebeamt und ein Stück geschrieben, das nicht von den Wasserspielen der Impressionisten, sondern von den Spektralanalysen moderner Physik inspiriert ist.

Meister und das RSO verwandeln den „Zeichencode der Partitur“ (so Srnka) in mal fein gesponnene, dann wieder ausufernde orchestrale Flächen, zwischen denen Tonrepetitionen und grelle Glissandi des britischen Pianisten Nicolas Hodges hervorblitzen. Meister kennt die Werke Srnkas gut: Als Generalmusikdirektor am Heidelberger Theater nahm er den Tschechen als „Komponist für Heidelberg“ unter Vertrag. Das Klavierkonzert von 2012 ist unter anderem ihm gewidmet. Wohl auch deshalb bringt er die Musik schon in dieser Probe so zum Leuchten.

Später, bei der Uraufführung, ist das Stück mit Dvoráks selten gespielter „Karneval“-Ouvertüre und der 7. Symphonie zu hören. Dass Meister bekannte und unbekannte Werke großer Komponisten mit Musik der Gegenwart kombiniert, ist charakteristisch für seine Programme. Zur Saisoneröffnung 2012/2013 hat er unter Kompositionen von Strauss und Wagner John Cages radikales Stück über die Stille „4’33“ gemischt. Bruckners gewaltige 9. Symphonie erklingt mit Korngolds Violinkonzert in D-Dur und einer Uraufführung von Shoichi Yabita. Erstaunlich: In Zeiten, in denen mancher Konzertveranstalter mit Neutönern in der Publikumsgunst fällt, hat Meister mit seinen mutigen Kombinationen Erfolg. Eine Steigerung der Abonnementzahlen der RSO-Konzerte im Konzerthaus um 42 Prozent habe er erreicht, erzählt er nach der Probe in seinem Stammcafé, dem „Café Museum“, wo schon Gustav Klimt, Robert Musil und Alban Berg saßen.

„Sie hören in Wien an jeder Ecke Musik“, sagt er, während er ein Rindsgulasch mit Serviettenknödel und Naschmarktgurkerl isst und dazu Omas Schoko-Häferl mit Schlagobers trinkt. „Wir müssen Abende bringen, die andere so nicht bieten.“ Begeistert berichtet er von seinem Konzertprojekt mit dem Komponisten Bernhard Gander in einem Wiener Einkaufszentrum: Dort trat das RSO mit Beatboxern, Rappern und Slam-Poetry-Performern auf. Zwischen Rolltreppen und Geschäften habe es auf mehreren Stockwerken DJ- und Orchestermusik, Videos und Breakdance gegeben. Man habe das Publikum da abholen wollen, wo es auch sonst ist, und etwa 1000 Leute erreicht. Innovativ, neugierig, offen, gesamtgesellschaftlich aktuell müsse ein Orchester sein, sagt Cornelius Meister. „Man muss aufsaugen, was in der Luft ist.“ Man merkt: Er brennt für sein neues Orchester.

Am meisten am Herzen liegt ihm an diesem Tag aber sein Hannover-Konzert. Das liegt nicht nur am Programm: Zu Bruckners Sinfonien hat er eine besondere Beziehung. Schon mit 16 Jahren spielte er sie alle mit seinem inzwischen verstorbenen Vater und Lehrer, dem hannoverschen Musikhochschulprofessor Konrad Meister, am Klavier. Dennoch wollte er sie nicht vor seinem 30. Lebensjahr aufführen, aus Respekt vor dem Werk. Mehr noch bedeutet es dem 32-jährigen aber offenbar, in seiner Heimatstadt aufzutreten, der er so viel verdanke.

Die Friesenschule, das Kaiser-Wilhelm- und Ratsgymnasium, die Musikschule, die Musikhochschule, alles habe er noch in bester Erinnerung. Ja, er sei glücklich, in Hannover geboren zu sein, in einer Stadt mit einem so reichhaltigen Angebot. Ein paar Tage nach dem Interview ruft er noch einmal an, um zu betonen, wie viel er auch seinen hannoverschen Lehrern Martin Brauß und Eiji Oue und dem Jungen Sinfonieorchester Hannover verdankt. Am 31. Januar, wenn er um 11.30 Uhr an der Musikhochschule am Emichplatz in einem „Alumniforum“ über seine Erfahrungen als Dirigent spricht, wird man möglicherweise noch mehr darüber hören. Und im Kuppelsaal sind auch noch ein paar Plätze frei.

Karten für das Konzert am Donnerstag, 31. Januar, gibt es unter (0511)363817. Der Eintritt für Meisters Auftritt in der Musikhochschule in Raum E45 von 11.30 Uhr an ist frei.

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