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Kultur Sind Skandale gut für die Berlinale, Dieter Kosslick?
Mehr Welt Kultur Sind Skandale gut für die Berlinale, Dieter Kosslick?
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09:44 29.01.2019
Dieter Kosslick, Direktor der Internationalen Filmfestspiele Berlin, im Kino Zoo Palast Berlin. Quelle: Michael Gottschalk/Imago

Herr Kosslick, im Februar 2019 bringen Sie Ihre letzte Berlinale über die Bühne: Werden Sie sich im Februar 2020 fürchterlich langweilen?

Ich habe mich noch nie gelangweilt. Ich freue mich darauf, mich nach meinem letzten Festival mit Dingen zu beschäftigen, für die ich nie Zeit hatte. Meine Leben ist endlich, und ich bin immer noch nicht vorangekommen mit dem Klarinettenspiel. Und dann muss ich auch noch das letzte Kapitel meiner Autobiografie schreiben.

Was werden Sie nach dem Ende Ihrer Dienstzeit wohl am meisten vermissen?

So ein Berlinale-Betrieb hat auch eine wichtige soziale Komponente. Man tauscht sich aus, versucht, Dinge auf den Weg zu bringen. Und wenn es gelingt, ist man gemeinsam glücklich. Das wird mir fehlen. Andererseits: Vielleicht habe ich dann endlich mal Zeit, mit Berlinale-Kollegen Pizza zu essen, ohne mit ihnen nur über Filme zu reden.

Wie sah die Berlinale aus, als Sie 2001 angefangen haben?

Auf jeden Fall anders als die Berlinale, die ich jetzt verlasse. Das Festival zählte Anfang des Jahrtausends noch lange keine 340 000 Besucher wie 2018. Auch der so wichtige Filmmarkt war viel kleiner, wo Produzenten und Verleiher Filmrechte rund um den Globus handeln. Vor allem gab es nicht all die Initiativen: kein Berlinale Talents für den Nachwuchs, keine Kooperation mit der Frankfurter Buchmesse, kein Kulinarisches Kino, kein Kiez-Kino, kein World Cinema Fund, keine Berlinale Series … Jedes Jahr kamen neue Ideen hinzu, die sich am Ende zu insgesamt einem guten Dutzend Projekten summiert haben.

Genau diese Ausdehnung des Programms ist Ihnen aber auch als Beliebigkeit um die Ohren gehauen worden. Gehen Sie mit einer gewissen Bitterkeit?

Nein. Man muss das in Relation setzen: Ein paar Dutzend Leute regen sich auf, aber 340 000 kaufen sich Kinokarten. Unser Filmmarkt war bereits zwei Monate vor dem Festival ausverkauft. Wenn die 340 000 gesagt hätten, dass die Berlinale bescheuert ist: Das hätte mich getroffen. Aber das Gegenteil ist der Fall: Die Besucher würden gern noch viel mehr Tickets kaufen. Die nie zu stillende Publikumsnachfrage ist vielleicht der größte Erfolg der Berlinale.

Was ist in all der Zeit komplizierter geworden?

Hollywood nach Berlin zu holen: 2004 wurde die Oscar-Verleihung von Ende März auf Ende Februar vorgezogen, und von da an wurde es schwierig, US-Stars herbeizulocken. Die Einladungspolitik wurde zu einem mühsamen Geschäft. Die Berlinale lag einfach nicht mehr in der zeitlichen Einflugschneise der Oscars. Die Stars wurden in Hollywood bei Partys und Empfängen benötigt. Dass dennoch so viele über die Jahre anreisten, belegt die Attraktivität unseres Festivals.

Da ist es ja gut, dass Sie jetzt gehen: 2020 werden die Oscars sogar auf Anfang Februar vorgezogen.

Das Datum, an dem man geht, ist immer das richtige.

Welchen Moment zählen Sie zu den aufregendsten in Ihren 18 Jahren?

Die Rolling Stones auf dem roten Teppich 2008. Der Besuch barg allerdings gewisse Komplikationen: Nebenbei musste ich damals dafür Sorge tragen, dass die Jungs in ihrem Hotel nicht vom Baustellenlärm am Humboldt-Forum gestört werden. Damals ging es wirklich darum, ob sie bleiben oder gleich wieder abreisen. Hat ja dann gut geklappt.

Und was hat mal nicht so gut geklappt?

Beim Eröffnungsfilm „Cold Mountain“ ließ sich 2004 kein einziger angekündigter Star auf dem Potsdamer Platz blicken, weder Nicole Kidman noch Jude Law noch Renée Zellweger. Dieter Kosslick stand ganz allein in der Kälte rum und sah ziemlich blass aus.

Immer mit rotem Schal: Dieter Kosslick präsentiert verschiedene Souvenirs aus dem Merchandising-Angebot der Berlinale. Quelle: Jens Kalaene/dpa

Was war die ungebührlichste Forderung eines Stars?

Einer bestand darauf, dass die Zimmerbeleuchtung in seiner Hotelsuite zur Farbe der Äpfel auf dem Gästetisch passt.

Welcher Apfelliebhaber war das denn?

Festivaldirektoren sind diskret, und der Star lebt noch.

Sind Skandale gut für ein Festival?

Wenn Sie einen Gast haben wie die chinesische Schauspielerin Bai Ling, die in die Festivalgeschichte einging als die „Berlinackte“, dann dürfen Sie jeden Tag mit dicken Schlagzeilen rechnen. Wir hatten auch einige nackte Männer und Frauen auf dem roten Teppich, die für Menschenrechte eintraten. Die habe ich dann gebeten, sich wieder anzuziehen bei der Kälte. Aber angezeigt haben wir nie jemanden. Die politischen Skandale begleiten die Festivalgeschichte.

Welche politischen Aufregungen bleiben unvergesslich?

Einen ordentlichen Aufschrei gab es 2003 um drei unschuldige Häftlinge aus dem US-Gefangenenlager Guantanamo, die entlassen worden waren. Sie liefen bei uns über den roten Teppich, als wir Michael Winterbottoms Film „The Road to Guantánamo“ zeigten.

Und wenn Sie noch ein bisschen tiefer ins Nähkästchen greifen?

Es gab 2003 noch eine andere Geschichte, die nicht so an die Öffentlichkeit drang: Ich hatte Fidel Castro eingeladen. Der US-Regisseur Oliver Stone hatte den Dokumentarfilm „Commandante“ über ihn gedreht, und ich ließ Castro über die kubanische Botschaft ausrichten: Lieber Commandante, wir laden zu all unseren Filmen die Hauptdarsteller ein. Mögen Sie auch kommen?

Wollte Castro?

Er ließ mich wissen, dass er gern vorbeischauen würde. Castro kannte sogar das Kino International im Osten Berlins, wo wir den Film zeigen wollten. Aber unsere Einladung erreichte ihn just ein paar Wochen vor dem Einmarsch der USA in den Irak. Die Amerikaner waren damals sowieso stinksauer, dass die Deutschen bei dem Krieg nicht mitmachen wollten.

Und dann?

Auf höchster Ebene wurde der Besuch abgesagt. Intern gab das damals einen Riesenwirbel. Hinterher hat mir Castro einen freundlichen Brief geschickt und mich nach Kuba zum 50. Jahrestag der Revolution eingeladen. Allerdings war das nicht besonders schön, was ich bei dem Besuch über das Alltagsleben auf der Insel erfahren habe. Aber ein toller Scoop wäre Castros Besuch auf jeden Fall gewesen!

Klingt so, als würden Berlinale-Chefs sich mitunter in die Weltpolitik einmischen.

Jedenfalls hat die Berlinale damals nach den Worten eines hohen Politikers den Weltfrieden gefährdet. Das geht natürlich nicht.

Kann man die Welt mit den Mitteln des Kinos besser machen?

Aber ja. Und zwar in vielerlei Hinsicht. Man kann zum Beispiel Zuschauer glücklicher machen. Vielen Regisseuren in der Kinogeschichte ist das gelungen, egal ob Charlie Chaplin oder Ernst Lubitsch. Ebenso trägt Kino dazu bei, dass sich die Menschen besser verstehen: Sie sehen auf der Leinwand Dinge, die ihren Horizont erweitern. Filme prangern auch unhaltbare Zustände an, wie wir es etwa in dem Dokumentarfilm „Standard Operating Procedure“ über den Folterskandal im Abu-Ghraib-Gefängnis gesehen haben.

Aber gelingt es dem Kino auch, etwas zum Guten oder wenigstens Besseren zu wenden?

Nehmen Sie „Esmas Geheimnis“ der bosnischen Regisseurin Jasmila Žbanic. Ihr Film handelte vom systematischen sexuellen Missbrauch beziehungsweise von Vergewaltigungen im Bosnienkrieg. Die enorme Öffentlichkeit für den Film durch den Goldenen Berlinale-Bären im Jahr 2006 hat mit dafür gesorgt, dass die Frauen in ihrer Heimat als Kriegsopfer anerkannt wurden.

Politisches Kino trifft auf Hollywood-Glanz: Die damalige Jurypräsidentin Meryl Streep und Dieter Kosslick auf dem roten Teppich der 66. Berlinale im Jahr 2016. Quelle: Kay Nietfeld/dpa

So richtig gut sieht es in der Welt trotz all der vielen weltverbessernden Berlinale-Filme aber immer noch nicht aus.

Stimmt, eine neue Weltpolitik muss her. Es muss viel mehr getan werden gegen die Klimaerwärmung und den Hunger. Wir brauchen eine neue Landwirtschaftspolitik, eine neue Lebensmittelpolitik. Wir dürfen keine Waffen mehr verkaufen, die zu Kriegen und letztlich zu neuen Flüchtlingen führen, die sich nach Europa zu retten versuchen. Das ist ein Teufelskreis auf Kosten der Steuerzahler.

Moment, haben Sie vor, in die Politik wechseln?

Höchstens zum ADAC, weil die die gelben Westen verteilen, in denen nun überall gegen Ungerechtigkeit protestiert wird. (lacht)

Wird es in ein paar Wochen sentimental auf dem Berlinale-Teppich?

Klar. Die Umarmungen werden fester werden. Viele persönliche Verbindungen haben sich über die Jahre entwickelt, da darf man sich ein bisschen drücken lassen. Ich war ja immer ein Festivaldirektor zum Anfassen und bin nie mit erhobener Besserwissernase über den Potsdamer Platz gelaufen.

Bedroht der Erfolg der Streamingdienste das Geschäftsmodell Festival?

Wir befinden uns in einer Übergangsphase. Gerade wird viel darum gestritten, ob und wie Netflix Filme im Kino zeigt. Das sind aber nur die üblichen Verteilungskämpfe. Die Geschichte dahinter ist viel, viel größer. Stellen Sie sich vor, Netflix würde jährlich nicht nur Milliarden Dollar in eigene Filme investieren, sondern auch noch eigene Kinos oder einen Verleih aufmachen. Oder Amazon entdeckt plötzlich seine Leidenschaft für die große Leinwand. Da kriegen Sie dann alles, die Nachttischlampe, die „Washington Post“ und den Blockbuster obendrauf. Das allerdings wäre eine Revolution.

Werden die Leute künftig überhaupt noch ins Kino gehen?

Das Kino wird nicht an Netflix sterben, genauso wenig, wie es am Tonfilm gestorben ist.

Haben Sie das Gefühl, bei der Berlinale eine Art Gegenwartsmuseum für bedrohte Filmkunst zu betreiben?

Wir bei der Berlinale waren schon immer für bedrohte Künste zuständig, übrigens auch für bedrohte Menschen oder Minderheiten. Völkerverständigung ist unser Ziel, und das wird auch in Zukunft so bleiben. Eines kann ich Ihnen versprechen: Unpolitisch wird auch die Berlinale 2019 nicht werden.

Die #MeToo-Debatte hat die Festivals längst erreicht: Wie viele Frauen laden Sie denn im Februar in den Wettbewerb ein?

17 Filme konkurrieren um die Bären – und sieben davon sind von Regisseurinnen. Das ist doch wirklich schon ein guter Anfang.

Was geben Sie Ihrem Nachfolgerduo Carlo Chatrian und Mariette Rissenbeek mit auf den Weg?

Die Berlinale möge immer so eng mit dem Publikum verbunden bleiben. Ich bin aber überzeugt, dass die beiden darauf achten werden.

Gibt es eine Geheimklausel auch für die Zeit nach Ihrem Abgang, wonach Ihre Lieblingsreihe Kulinarisches Kino für immer Bestandteil der Berlinale bleiben muss?

Wenn die Reihe rund um Kino, Kochen und nachhaltige Ernährung abgeschafft werden soll, dann kann ich das nicht verhindern. Aber deshalb wird sie nicht vergessen sein: Ich führe eine ähnliche Reihe schon jetzt außerhalb des Festivals im Schloss Neuhardenberg fort. Woran Sie sehen können: Es gibt ein Leben nach der Berlinale!

Die Nachfolger: Mit dem italienischen Filmpublizisten und Festivalleiter, Carlo Chatrian (r.), und der Niederländerin Mariette Rissenbeek hat die Berlinale künftig eine Doppelspitze. Quelle: Christian Ditsch/Imago/epd

Zur Person: Dieter Kosslick

Am Sonntag, 17. Februar, geht auf dem Potsdamer Platz in Berlin eine Ära zu Ende: Dieter Kosslick verabschiedet sich nach 18 Jahren von der Berlinale-Leitung. Carlo Chatrian und Mariette Rissenbeek übernehmen als Duo Deutschlands wichtigstes Filmfestival, der eine zuständig für die Filmkunst, die andere für das Finanzielle.

Kosslick hat diese Aufgabe 18 Jahre lang allein gestemmt. Im Vorjahr noch hatte es heftige Debatten vor allem um seine Filmauswahl gegeben. Die Latte für die beiden Neuen liegt aber hoch: Kosslick war eine echte Marke. Mit rotem Schal und schwarzem Hut hielt er Hof auf dem Potsdamer Platz. Das Festival entwickelte unter seiner Ägide eine enorme Anziehungskraft.

Der bekennende Yoga-Fan, Vegetarier und Bagel-Experte (Autor von „Das Buch Bagel. Ein Gebäck rollt um die Welt“) erfand auch die Reihe „Kulinarisches Kino“, in der Spitzenköche das jeweils passende Menü zum Film servieren.

Eröffnet wird die Berlinale 2019 am 7. Februar mit dem Film „The Kindness of Strangers“ der dänischen Regisseurin Lone Scherfig. Kosslick wird sie mit Überschwang empfangen.

Von Stefan Stosch

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