Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Kultur Kinder machen
Mehr Welt Kultur Kinder machen
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
07:38 28.03.2014
Von Jutta Rinas
Foto: Louise Joy Brown, das erste Retortenbaby der Welt, beim ersten Fernsehauftritt in der amerikanischen „Donahue Show“ am 7. September 1979.
Louise Joy Brown, das erste Retortenbaby der Welt, beim ersten Fernsehauftritt in der amerikanischen „Donahue Show“ am 7. September 1979. Quelle: dpa
Anzeige
Hannover

Er ist 22 Jahre alt, Ergotherapeut, arbeitet mit lernbehinderten Kindern. Und er ist schon Vater von Kindern. Vermutlich jedenfalls. „Papa“ werden sie aber nie zu ihm sagen. Möglicherweise werden sie ihn treffen, wenn sie volljährig sind, um etwas über ihre genetische Herkunft zu erfahren. Ansonsten bleibt dieser Vater verborgen hinter der Chargennummer 44 438. Er ist Samenspender in der „Berliner Samenbank“ und trägt gegen 120 Euro pro Spende dazu bei, unfruchtbaren Paaren zu einem Kind zu verhelfen.

„Chargennummer 44 438“ ist einer von vielen Protagonisten der modernen Reproduktionsmedizin, die Andreas Bernard, Journalist und Kulturwissenschaftler an der Leuphana Universität Lüneburg, für sein Buch „Kinder machen. Samenspender, Leihmütter, Künstliche Befruchtung“ (S. Fischer Verlag, 21,99 Euro) aufgesucht hat.

Die Schriftstellerin Sibylle Lewitscharoff hatte die Akteure moderner Fortpflanzungstechniken unlängst als „Erben Frankensteins“ verteufelt und damit eine Debatte über die künstliche (Er-)Zeugung des Menschen ausgelöst. Auf ihrer Lesereise mit ihrem Roman „Killmousky“, einem Katzenkrimi, kommt es seitdem zu Diskussionen über „Kopulationsheime“ und „Menschenzucht“ (O-Ton Lewitscharoff). Das Buch von Andreas Bernard kann man als medizinisch und kulturgeschichtlich fundierten Kontrapunkt zur Lewitscharoff-Debatte lesen.

Beide Autoren kommen jetzt nach Hannover. Lewitscharoff liest am 10. April von 19.30 Uhr im Literaturhaus aus „Killmousky“. Andreas Bernard spricht am Montag, 31. März, von 20 Uhr an im Literarischen Salon über „den Menschen im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit“.

Es gehört zu großen Leistungen des Sachbuchautors, dass er sich der Reproduktionsmedizin – anders als Lewitscharoff – vorurteilsfrei über Fakten nährt. Er verschweigt nicht deren Widersprüchlichkeit: hier die Sehnsucht von unfruchtbaren Paaren nach Kindern, dort die Möglichkeiten, mit dem medizinischen Fortschritt viel Geld zu verdienen. Bernard hat weltweit in Laboren und Samenbanken recherchiert. Er beschreibt die „California Cryobank“, die größte Samenbank Amerikas, in der Klienten vom Aussehen (Haar- und Augenfarbe, Gewicht, Größe) über den Gesundheitszustand bis zu Freizeitvorlieben alles über den Spender erfahren. Bernard besucht auch die Klinik „Biotexcom“ in Kiew, einen „Magneten des europäischen Reproduktionstourismus“, in dem unfruchtbare Paare sich mit Leihmüttern und Eizellspenderinnen für 38 000 Euro ihren Kinderwunsch erfüllen können.

Er beschreibt das Glück reicher Eltern, die sich so ihre Kinder kaufen und die Perspektive armer Osteuropäerinnen, die Bauch oder Eizellen zur Verfügung stellen. Es entsteht eine oft bizarr anmutende Welt, in der Kinder von Samenspendern plötzlich bis zu 150 Halbgeschwister haben und die Rolle der Mutter in drei Teile zerfällt: den der genetischen Mutter (der Eizellspenderin), der „Tragemutter“ (die das Baby austrägt) und der „Auftragsmutter“ (bei der das Kind aufwächst).

Befremdlich mutet diese „schöne neue Welt“ oft an. Aber Bernard kommt auch zu Einsichten, die denen von Sibylle Lewitscharoff widersprechen. Eine These ist: Ausgerechnet die auf dem Wege der künstlichen Zeugung entstandenen Familien sichern in Zeiten von immer mehr Scheidungen, Alleinerziehenden und Patchworkfamilien das Überleben der traditionellen Kleinfamilie.

Dass man Kinder künstlich zeugen kann, ist spätestens seit der Geburt des ersten Retortenbabys, Louise Brown, einer breiten Öffentlichkeit bekannt. Weltweit berichteten Medien 1978 darüber, dass es dem späteren Nobelpreisträger Robert Edwards gelungen war, ein Kind in einer Petrischale zu zeugen. Weniger bekannt ist, wie weit die Reproduktionsmedizin heute verbreitet ist. Weltweit gibt es, so Bernard, inzwischen mehr als fünf Millionen durch In-vitro-Fertilisation entstandene Menschen. Jede 40. Geburt gehe derzeit in Deutschland auf eine künstliche Befruchtung zurück.

Grund genug also, sich zu fragen, wie solche „Regenbogenfamilien“ unsere Vorstellung von Familie verändern. Viel wichtiger aber ist, dass Bernard beschreibt, wie die von Lewitscharoff als „abartig“ verteufelten Regenbogenfamilien nach Jahren in der Anonymität vor allem in den USA eine neue Kultur der Offenheit leben. Immer mehr Eltern klären ihre „Spenderkinder“ über deren Herkunft auf, suchen über spezielle Websites oder Spenderregister nach den biologischen Eltern und nehmen mit Halbgeschwistern Kontakt auf.

Bernards erstaunlicher Befund: Es gelingt den Kernfamilien, „randständige Figuren wie Samenspender, Eizellspender oder Halbgeschwister zu integrieren“. Die Sehnsucht von Kindern, etwas über ihre genetische Abstammung zu erfahren, und die Sehnsucht von unfruchtbaren Paaren oder homosexuellen Lebensgemeinschaften, eine Familie zu gründen, müssen nicht im Widerspruch zueinander stehen. Die Bande der modernen Familie sind – so kann es jedenfalls Bernard belegen – elastischer als man denkt.

27.03.2014
Kultur Feo Aladags neuer Film - Am Schnittpunkt
27.03.2014
Kultur Kinokritik zu SciFi-Drama „Her“ - Liebe in digitalen Zeiten
Stefan Stosch 26.03.2014