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08:24 06.05.2011
Von Karl-Ludwig Baader
„Bin Laden – Sie werden mich nicht lebendig bekommen“ betitelte der britische Cartoonist Steve Bell seine bitterböse Zeichnung, die zurzeit im Wilhelm-Busch-Museum zu sehen ist. Quelle: Steve Bell
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Jubel und Triumph: Die spontanen Freudenkundgebungen auf amerikanischen Straßen, die den gewaltsamen Tod Osama bin Ladens feierten, sorgten hierzulande bei nicht wenigen für Erschrecken, zumindest für Befremden. Der Erzfeind, der zehn Jahre gejagt worden war, war von einem amerikanischen Kommando erschossen worden – und diese Nachricht wurde eben nicht nur mit Erleichterung aufgenommen, sondern als Sieg ausgekostet – Ähnlichkeiten mit den antiamerikanischen Hasskundgebungen in arabischen Ländern waren nicht zu übersehen. Und dass es in fundamentalistisch-christlichen Gemeinden, in denen auch schon mal ein Koran verbrannt wird, zu Hasspredigten kommt, ist zumindest nicht undenkbar.

Die christlichen Stimmen, die sich in der Bundesrepublik äußerten, betonten ihre Missbilligung, nicht zuletzt über die Wortwahl der Kanzlerin, die bekannte, sich über den Tod bin Ladens „gefreut“ zu haben. Dass sie nun einen Rückzieher machen musste, zeigt, dass die Stimmung hierzulande, aber auch in Europa insgesamt, anders ist: Kriegerische Gewalt wird auf dieser Seite des Atlantiks nicht offensiv wie in Amerika gerechtfertigt, beim Afghanistan-Einsatz wurde bei uns sogar lange der Begriff Krieg vermieden – mit der Folge, dass die rhetorischen ­Eiertänze zunehmend grotesker wirkten.

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Was auch immer eine empirische Untersuchung über die Befindlichkeiten der einzelnen Amerikaner ergeben wird: Der politische Stil im Umgang mit Krieg und Gewalt unterscheidet sich signifikant. Besonders deutlich wurde das angesichts des Streits um den zweiten Irak-Krieg 2003, als gegen das Europa der Unwilligen von US-Seite Vorwürfe der Feigheit und Weichheit gerichtet wurden. Auch von Dekadenz war die Rede – mit dem Hinweis auf demografische Entwicklungen: das junge Amerika gegen das alte und alternde Europa. Der amerikanische Politologe Robert Kagan beschrieb den Konflikt so polemisch wie metaphorisch: Europäer lebten auf der Venus, die Amerikaner auf dem Mars, der seinen Namen dem römischen Kriegsgott verdankt. Von europäischer Seite wurde den Amerikanern imperialistische Machtpolitik im ökonomischen Interesse vorgeworfen und ein rücksichtsloser Umgang mit dem Völkerrecht und internationalen Organisationen. Tatsächlich sind die Vorstellungen von einer globalen Ordnung nicht identisch.

In Europa setzt man aufgrund der Erfahrungen mit den verheerenden europäischen Kriegen allenthalben auf Verhandlungslösungen. Viele Europäer sehen in der Art, wie Europa auf friedliche Weise zusammenzuwachsen versucht, nämlich auf dem mühsamen Weg der Kompromisse, ein Modell für eine friedliche globalisierte Welt. Die europäischen Staaten hoffen, dass sich alle darauf einlassen. Sie haben gelernt, auf einen Teil ihrer Souveränitätsrechte zu verzichten, von ihrer einstigen Macht­politik blieb nicht viel übrig.

Die Vereinigten Staaten, ohne die die Vereinten Nationen gar nicht zustande gekommen wären, wollen sich dagegen von übernationalen Gremien nicht fremdbestimmen lassen. Sie haben ein ungebrochenes Verhältnis zur nationalen Souveränität und lehnen ja auch eine internationale Gerichtsbarkeit ab.

Die USA gehen nicht nur von der universalen Geltung ihre freiheitlichen Werte aus, ihr Selbstverständnis als gelobtes Land der Freiheit bestärkt auch missionarische Tendenzen, die zuweilen zu Selbstermächtigungen führen, wie sie bei George W. Bush mit seiner plumpen Kreuzzugsrhetorik offensiv formuliert wurden – was für europäische Ohren ausnehmend schrill klang. Dass der rhetorisch brillante Barack Obama durchaus auch eine ausgeprägt amerikanische Perspektive auf die Dinge einnimmt, ist vor seiner Präsidentschaft in Europa lange übersehen wurden – glänzend analysiert wurde dessen traditionell amerikanische Vorstellungswelt von dem hannoverschen Juraprofessor Ulrich Haltern in seiner 2009 erschienenen Studie „Obamas politischer Körper“.

Dass die USA sich als Sheriff verhalten, ist kein Zufall. Dieser aus dem Kinowestern bekannte Mann des Gesetzes unterstreicht seinen Anspruch mit der tausendfach benutzten Formulierung „Ich bin das Gesetz“. Er muss als Einzelner für Recht und Ordnung in einer Landschaft sorgen, in der der Staat noch schwach ist und klassische Institutionen wie Gerichte weit weg sind. Die Staatenwelt befindet sich in dieser Vorstellung in einem Naturzustand, wie er so ähnlich nicht von Thomas Hobbes, sondern von John Locke beschrieben wurde: ein Zustand, in dem zwar Rechte anerkannt sind, in dem es aber keine internationale Institution gibt, die über das Gewalt­monopol verfügt und das Recht durchsetzen kann.

Dem Selbstverständnis und dem Selbstbewusstsein Amerikas als einzig verbliebener Supermacht entspricht auch die überlegene militärische Stärke. Aus der Sicht des vergleichsweise militärisch schwachen Europas sind Bündnisse, Kompromisse und Abkommen viel dringlicher. Die Politik ist darauf gerichtet, möglichst militärische Auseinandersetzungen zu vermeiden.

Die Kritik am amerikanischen Verhältnis zur kriegerischen Gewalt, das den meisten Europäern viel zu unkompliziert ist, stößt wiederum auf Kritik von einigen deutschen Intellektuellen, die hier antiamerikanische Ressentiments wittern. Der von dieser Seite erhobene Vorwurf des selbstgerechten Moralismus geht einher mit einem Selbstverständnis als unerschrockener Realist, der vor realen Bedrohungen durch diktatorische Mächte oder den Terrorismus warnt, die die naiven Kontinentaleuropäer, allen voran die Deutschen, ignorieren. Aber wie jede Kritik am Moralismus geht auch diese mit einer moralischen Verurteilung einher. Hier trifft es den angeblichen europäischen Bequemlichkeitspazifismus und dessen angebliche Bereitschaft zum Appeasement.

Die Differenzen verdanken sich auch den doch sehr unterschiedlichen historischen Erfahrungen. Im Zweiten Weltkrieg wurde Europa verwüstet, es starben weit mehr Zivilisten als Soldaten. Amerika war seit seinem Bürgerkrieg kein Kriegsschauplatz mehr, kennt überhaupt keine Invasion fremder Mächte – gerade deshalb war der Anschlag vom 11. September ein so traumatisches Erlebnis: Der Mythos der Unverletzlichkeit fiel angesichts der einstürzenden Türme in New York in sich zusammen.
Kriegsversessen ist die amerikanische Gesellschaft trotz der martialischen Reaktionen auf Osamas Tod nicht. Wenn auf fernen Schlachtfeldern die Kriegsverluste steigen und kein Sieg in Aussicht steht, dann ändert sich auch in den USA schnell die Stimmung. Der Zulauf zu den Rekrutierungsbüros der Freiwilligenarmee hält sich in Grenzen, und die jungen amerikanischen Soldaten reagieren auf die Belastungen an den Fronten mit nicht weniger psychischen Störungen als andere. Einiges spricht für die These, dass auch die USA trotz des dort gepflegten, populären robusten Stils auf außenpolitischer Bühne zu den „post­heroischen“ Gesellschaften gehören.

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