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14:59 17.01.2014
Verwirrt seine Leser gern – und erzählt doch eine ganz romantische Geschichte: Erfolgsautor Jeffrey Eugenides.
Verwirrt seine Leser gern – und erzählt doch eine ganz romantische Geschichte: Erfolgsautor Jeffrey Eugenides. Quelle: Tringale
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Ist gleich der erste Satz in Jeffrey ­Eugenides’ neuem Roman „Die Liebeshandlung“ ein Täuschungsmanöver? Ist gleich die erste Szene eine Finte, eine, die an poststrukturalistischen Denkern wie Roland Barthes oder Jacques Derrida geschulte Leser und Literaturkritiker in die Irre führt? Eugenides gilt als einer der klügsten und sprachmächtigsten Autoren in den USA. Er wird immer wieder mit seinem Freund, dem amerikanischen Schriftsteller Jonathan Franzen, verglichen. Sein vor neun Jahren erschienener Roman „Middlesex“ wurde in 38 Sprachen übersetzt und drei Millionen Mal verkauft. Sofia Coppola hat sein Debüt „Die Selbstmordschwestern“ verfilmt. Am Dienstag erscheint Eugenides’ neues Buch „Die Liebeshandlung“ in Deutschland, nur wenige Wochen, nachdem es in den USA in die Buchläden kam.

Dem 51-jährigen Autor, Pulitzerpreisträger und Professor für „Kreatives Schreiben“ in Princeton, ist es als einem von wenigen US-Schriftstellern zuzutrauen, dass er souverän mit den Versatzstücken poststrukturalistischer Literaturtheorie spielt. In „Die Liebeshandlung“ handelt gleich der erste Satz nicht von der Liebe, sondern von Liebesliteratur, wie die gesamte Einstiegsszene. ­Eugenides legt damit nahe, dass „Die Liebeshandlung“ ein postmodernes, mit intertextuellen Verweisen spielendes Buch über Bücher ist.

„Zunächst einmal, schauen Sie sich all die Bücher an“, spricht ein Erzähler zu Beginn des ersten Kapitels seine Leser an. Dann wird die Bibliothek der Studentin Madeleine Hanna beschrieben, einer der Hauptfiguren in einer romantisch-tragischen Dreiecksgeschichte um drei Absolventen der amerikanischen Brown-Universität. Etliche Klassiker der Liebesliteratur hat die Studentin im Regal stehen: angefangen von Romanen Jane Austens bis hin zu Gegenwarts­autoren wie John Updike oder Anthony Trollope. Madeleine schreibt ihre Jahresarbeit über den „Marriage Plot“, einen aus dem Viktorianischen Zeitalter stammenden Roman-Topos über die Schwierigkeiten, den richtigen Mann zu finden und ihn zu heiraten.

„The Marriage Plot“ heißt Eugenides’ Buch im Original, es spielt also schon im Titel auf die literarische Tradition aus dem 19.  Jahrhundert an. Fast befürchtet der Leser da, dass Eugenides sich auch auf den weiteren Seiten seines umfangreichen Romans nur dem postmodernen Spiel mit Zitaten und Verweisen widmen wird. Allerdings hat er in Interviews immer wieder betont, dass „Die Liebeshandlung“ den klassischen Liebesroman wiederbelebt. Der Autor vergleicht postmoderne Romane mit atonaler Musik und zitiert Arnold Schönberg, um seine Thesen von der Wiederkehr des „tonalen Romans“ zu belegen: Der Erfinder der Zwölftonmusik habe einmal gesagt, es sei „immer noch möglich, Musik in C-Dur zu schreiben“, so Eugenides. Auch die Literatur brauche C-Dur, betont er, plausible Charaktere, die einen in eine nachvollziehbare Handlung mitnehmen. Er glaube an die Melodie und an die tonale Literatur, die auch Ungeschulte von alleine verstehen könnten: „Dafür muss man sich nicht schämen.“

Tatsächlich finden sich in seinem Buch ganze Kapitel, in denen auf Anspielungen auf Literaturgeschichte und -theorie verzichtet wird. Eugenides erzählt die Geschichte der Studenten Madeleine, Mitchell und Leonard in realistischem Tonfall. Er beschreibt lediglich mal aus der Sicht des einen, mal aus der eines anderen Protagonisten. Mitchell ist unglücklich in Madeleine verliebt. Der Theologiestudent bleibt immer zweite Wahl und setzt sich irgendwann nach Indien ab, um in spirituellen Erfahrungen einen Ersatz für die große Liebe seines Lebens zu finden. Leonard liebt Madeleine, und Madeleine liebt ihn. Aber der Biologiestudent leidet an einer schweren Depression, mit der die schöne, aber biedere Madeleine überfordert ist.

Geht es also im Roman letztlich doch ganz klassisch um die große Liebe, um glaubhaft dargestellte Gefühle, um Sehnsucht, Rausch, Eifersucht und die Einsamkeit desjenigen, der ungeliebt zurückbleibt? Nach 624 Seiten Lektüre hat man den Eindruck, dass Eugenides in seinem neuen Buch tatsächlich so etwas wie die Quadratur des Kreises versucht. Er bemüht sich, seinen Stoff – die Liebe – zugleich realistisch zu erzählen und literarisch zu dekonstruieren. Das ist ein gigantomanisches Unterfangen, bei dem der Autor zwangsläufig scheitern muss: Die Ideale der Postmoderne und des Realismus sind viel zu widersprüchlich, um sie ohne Reibungsverluste miteinander zu verbinden.

Ungeschulte Liebesromanleser werden sich passagenweise wie in einem Literaturseminar fühlen, in dem ihnen wahlweise viktorianische Liebesromane oder Roland Barthes’ „Fragmente ­einer Sprache der Liebe“ nahegebracht werden. Literaturtheoretiker werden sich dagegen an der realistisch erzählten Handlung stören. Dennoch sollte man den Roman unbedingt lesen. Viele Anspielungen sind kunstvoll gemacht und zugleich leicht nachzuvollziehen. Und die Liebesszenen, in denen Leonard sich seiner Geliebten widmet, weil er seinen düsteren Gedanken mithilfe von Medikamenten für kurze Zeit entkommen kann, gehören zum Berührendsten, was die Gegenwartsliteratur zu bieten hat.

Jeffrey Eugenides: „Die Liebeshandlung“. Aus dem Englischen von Uli Aumüller und Grete Osterwald. Rowohlt. 634 Seiten, 24,95 Euro.

Jutta Rinas