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Kultur Seilschaften und Verstrickungen
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00:15 21.11.2013
Von Ronald Meyer-Arlt
Manche Rede ist auch eine Art Seiltanz: Susana Fernandes Genebra, Sebastian Schindegger und Elisabeth Hoppe bereiten sich auf den Aufschwung vor. Quelle: Katrin Ribbe
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Hannover

O, wie sie sich winden. O, wie sie immer wieder dasselbe kundtun. O, wie sie Worte, Worte, Worte aneinanderreihen und am Ende doch so gut wie nichts sagen. Es kann schlimm sein, zuzuhören, wenn Politiker reden. Andererseits kann es hochkomisch, wunderbar absurd und sehr erhellend sein, dieselbe schlechte Politikerrede im Theater zu hören. Wenn gute Schauspieler Politiker spielen und so reden, wie die reden – mit all den Phrasen und Verschleierungen, all der Hohl- und Aufgeblasenheit – dann zeigt Theater, diese gute alte Nachahmungskunst, was es kann. Es führt uns die Wirklichkeit so vor, dass wir sie klarer sehen können.

„Sie können das alles senden! Reden in der Demokratie. Ein Trainingslager“ heißt ein Theraterabend mit und über Politikerreden auf der Cumberlandschen Bühne. Er beginnt mit Berlins Regierendem Bürgermeister Klaus Wowereit und Matthias Platzeck, dem damaligen Ministerpräsidenten Brandenburgs. Beide haben eine unangenehme Botschaft zu vermitteln. Der Flughafen Berlin-Brandenburg wird nicht planmäßig eröffnet werden können. Rainer Frank spielt Wowereit, Susana Fernandes Genebra Platzeck. Für … ausgebildete ….. Schauspieler muss es eine erhebliche …. Anstrengung gewesen … sein, Pausen, immer ausgerechnet an den ... falschen Stellen zu … setzen. Aber die ... beiden machen das … famos. Wie sie nichts zu sagen haben, dafür aber richtig viel Zeit brauchen – großartig.

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Gigantisches Unwohlsein

Sehenswert ist auch das Körperspiel von Susana Fernandes Genebra. Wie sie den grauen Anzug (die Uniform aller auftretenden Redner) wie einen Panzer trägt. Manchmal schrumpft sie schildkrötenartig in die Hülle hinein, dann wieder wächst sie hinaus – und immer ist ganz wunderbar ein gigantisches Unwohlsein zu spüren. Rainer Frank als Wowereit wirkt wie ein Abziehbild von Regierungssprecher Steffen Seibert. Wie ein menschgewordenes Radargerät taxiert er fortwährend das Publikum, sehr bewusst wägt er Wort um Wort, trotzdem spricht er flüssig und klar – und sagt doch oft dasselbe mit stets etwas anderen Phrasen. Die Flughafenrede war der großartige Beginn von anderthalb Stunden Polittheater – das gegen Ende hin zwar nicht ganz das hielt, was der Anfang versprach, aber im Ganzen doch sehr unterhaltsam und lehrreich war.

Sehr stark war auch das Rednertraining (mit Nicola Fritzen als resolutem Lehrer). „Fassen Sie Ihre Gedanken klar, und konzentrieren sich auf die Hauptaussagen. Ich sage da immer: ,Nicht aus jedem Dorf ein Köter‘. Suchen Sie sich drei Kernthesen, und wiederholen Sie diese immer wieder: wiederholen, wiederholen, wiederholen.“ Oder, auch sehr bedenkenswert: „Sie müssen wissen, nur zehn Prozent ihres Auftritts vermittelt der Inhalt, zwanzig Prozent dann die Sprache und ganze siebzig Prozent die Persönlichkeit.“ Sebastian Schindegger als verunsicherter Politschüler hört andächtig zu, das Publikum auch. Solch Rednertipps sind viel Wert – jedenfalls für den, der sie gibt. Die Schauspieler haben sie von einer Agentur, die in Berlin Politikercoaching betreibt. Der Coach nimmt 350 Euro Honorar – pro Stunde.

Reden, in denen es um was geht

Ein hübsches Kabinettstückchen politischen Sprechens präsentierte Wolf List, der als Sportpolitiker langatmig über das Vereinsförderungsgesetz schwadronierte – und zwar am 9. November, als anderswo in Deutschland gerade Geschichte gemacht wurde. Regisseur Christoph Frick hat die Vereinsrede geschickt mit einer starken Rede der Bürgerrechtsbewegung zusammengeschnitten, die Rainer Frank vorträgt. Man merkt: Es gibt auch Reden, in denen es um etwas geht.
Dem Regisseur, der die Texte mit seinem Ensemble zusammengestellt hat, geht es nicht nur darum, schlechte Redner zu desavouieren, es ist ihm auch wichtig zu zeigen, was eine gute Rede ausmacht. Die erste Rede des ersten Alterspräsidenten des ersten deutschen Bundestages, Paul Löbe, war ein schönes Beispiel für eine gehaltvolle und mitreißende Rede.

Das Schöne dieses Theaterabends ist, dass sich das Theater hier mit Sprache auseinandersetzt. Die Bühne, das gerät durchaus manchmal in Vergessenheit, kann ein guter Ort für Sprachkritik und auch eine Schule des Hörens sein. Aber merkwürdig: Kaum will sich das Theater auf Sprache besinnen, da hält es die Wortlastigkeit gleich wieder nicht aus und muss körperlich werden. Es ist, als zeige sich hier eine tiefsitzende Angst vor Sprache. Regisseur Frick lässt sein Ensemble so übermütig herumturnen, dass die ganze Sache stellenweise wie Tanztheater wirkt. (Die ausgelassene Cellobegleitung von Bo Wiget passt dazu.) Das Bühnenbild von Clarissa Herbst mit vielen – Verstrickungen und Seilschaften andeutenden – Kabeln und Rednertribünen, aus denen zuweilen die Holzspäne rieseln, bietet gute Möglichkeiten für jede Art von Körpereinsatz. Am Ende ziehen sich alle Darsteller Kopfkissenbezüge mit Merkelaufdruck auf. Und da ist die Sache dann doch Richtung Kabarett abgestürzt.

Wieder am 22. und 29. November sowie am 7. und 29. Dezember

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