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10:12 11.03.2015
Kabarettist Sebastian Nitsch hat sich auf Alltagskuriositäten spezialisiert.
Kabarettist Sebastian Nitsch hat sich auf Alltagskuriositäten spezialisiert. Quelle: Jürgen Hartlieb
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Hannover

Weitere Fragen an diesem Abend waren: Wie werden die Menschen der Zukunft aussehen? Woran liegt es, dass wir manche Aufgaben so lange hinauszögern? Was haben Kaugummis mit Evolution zu tun? Und welcher internationale Geschäftsreisende braucht eigentlich mitten in der Nacht eine Regionalbahn nach Luckenwalde – mit miserabel ins Englische übersetzten Ansagen?

Sebastian Nitsch hat sich auf Alltagskuriositäten spezialisiert. Er besingt das kleine Glück und den U-Bahn-Rempler, bittet sein Publikum um „anonyme Handzeichen“, weil er herauszufinden möchte, wer wie lange seinen Abwasch oder altes Essen stehen lässt. Die meisten lachen sich darüber kaputt, aber ihre bereits bestellten Snacks rühren sie vorerst nicht mehr an. Denn Nitsch scheut nicht zurück vor fiesen Themen. Er findet es viel schlimmer, wenn einem die Werbung suggeriert, das Leben müsse antiseptisch-sauber sein. Dabei ist der Mensch doch eine „Sixtinische Kapelle aus Gerüchen“. Der Kabarettist  fordert sein Publikum auf, die Arme zu heben und dabei zu rufen: „Ich lebe, also rieche ich!“

„Als ich an der Nordsee war, hielten die Menschen ihre Arme hoch, damit ihre Handys die schöne Aussicht genießen können“, erzählt er. In nicht allzu weit entfernter Zukunft, da ist sich Sebastian Nitsch sicher, werden wir nur noch einen Zeigefinger zum Bedienen des Smartphones und den Hintern zum Sitzen brauchen. Aber wenn wir nicht mehr da sind und die Festplatten, auf denen wir unsere grässlichen Urlaubsfotos gespeichert haben, zerfallen, was bleibt dann vom modernen Menschen – abgesehen von Bergen aus Plastikmüll? Es sind die Kaugummis, die von irgendwelchen Idioten auf den Asphalt gespuckt, eingetreten und später festgewalzt wurden. Aus der in den Kaugummis enthaltenen DNA können unsere Ururenkel dann Menschen klonen. Doch Sebastian Nitsch sorgt sich, dass diese Klone zwangsläufig „Spuckspackos“ sein werden, weshalb er sein Publikum dazu auffordert, Kaugummi zu kauen und diesen später abzugeben. In der Pause läuft Nitsch mit einem Tablett von Tisch zu Tisch und verteilt allerlei Sorten Kaugummi. Als er später tatsächlich mit einem Plastikbecher herumläuft und um Rückgabe bittet, starren ihn die TAK-Besucher ungläubig an. Mit einer Mischung aus Belustigung und Ekel gibt eine junge Frau ihren Kaugummi zurück. Die Kellnerin motiviert sie: „Alles für die Kunst!“

Sebastian Nitsch grinst triumphierend. Es ist ein großer Schritt für die Menschheit: „Jetzt muss ich nur noch den Unendlichkeitsbatzen festtreten.“

Von Mirjam Kay Kruecken

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