Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Kultur Sebastian Fitzek: Darum wäre sein erster Thriller fast nie erschienen
Mehr Welt Kultur Sebastian Fitzek: Darum wäre sein erster Thriller fast nie erschienen
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
12:32 23.10.2019
Am Mittwoch erscheint „Das Geschenk“, der neueste Thriller von Sebastian Fitzek. Quelle: Uwe Zucchi/dpa
Berlin

„Wie die Welt von morgen aussehen wird, hängt in großem Maß von der Einbildungskraft jener ab, die jetzt lesen lernen.“ Sind Sie eigentlich weltweit der einzige Thrillerautor, der sein Werk mit einem Astrid-Lindgren-Zitat beginnt?

Das habe ich nicht recherchiert. (lacht) Kann aber sehr gut sein. Das Zitat bezieht sich ja auf das Thema des Buches: Analphabetismus. Nichts verändert das Gedankengut so sehr wie das geschriebene Wort.

Wie sind Sie eigentlich auf dieses Thema gekommen, das sehr ungewöhnlich für einen Thriller ist?

Tatsächlich durch einen Widerspruch, wie ich im ersten Augenblick fand. Denn ich bin auf der Buchmesse auf ehemalige Analphabeten gestoßen, die dort einen Stand hatten. Ich dachte, dass das ein absoluter Gegensatz ist. Dann habe ich festgestellt, dass es in Deutschland 6,2 Millionen funktionale Analphabeten gibt. Das sind Menschen, die große Probleme haben, überhaupt einen Absatz zu lesen. Sie leben in einer ganz anderen Welt als wir. Dadurch habe ich etwas über meine Welt gelernt, nämlich, dass wir diese Schriftwelt für selbstverständlich halten, weil wir lesen können. Wer aber nicht lesen und schreiben kann, ist hier vollkommen ausgegrenzt. Vor lauter Scham können Analphabeten oft nicht aus ihrer Welt ausbrechen, sondern sind sehr kreativ darin, es zu verheimlichen. Das sind eigentlich unerkannte Helden, die ich zur Hauptfigur eines Buches machen wollte.

Anfang Mai haben Sie die letzten Worte des Buches geschrieben, das erst knapp fünf Monate später erscheint. Was machen Sie in der Zwischenzeit?

Das ist die Zeit, in der ich schon über ein neues Buch nachdenke und teilweise auch schon anfange zu schreiben.

Sind Sie denn nicht gespannt, wie die Kritiken zu Ihrem neuen Werk ausfallen?

Die Kritik gehe ich ja vor der Veröffentlichung durch, denn ich lasse mehrere Vertraute und versierte Leserinnen und Leser vorab lesen. Das sind Menschen, die mir nicht nach dem Mund reden. Im Prinzip arbeite ich so lange an einem Buch, bis es so ist, dass ich es selbst gern lesen würde. Als Autor muss man sich davon fernhalten, in einen Marktforschungsmodus zu verfallen. Denn sonst würde man zu einem Auftragsarbeiter werden. Da erinnere ich an mein allererstes Buch. Hätte ich damals für „Die Therapie“ Marktforschung betrieben, hätten mir alle gesagt: „Für einen deutschen Psychothriller sehen wir keinen Markt!“ Ich hätte das Buch nie geschrieben. Deshalb ist es ganz gut, wenn ich in Gedanken schon mit einem neuen Projekt beschäftigt bin. Ich kenne Autorinnen und Autoren, die wie paralysiert vor ihren Rezensionen sitzen. Das tut ihnen nicht gut. Ich habe schon Seminare gehalten über den Umgang mit negativer Kritik, weil ich gemerkt habe, wie viele Schriftstellerinnen und Schriftsteller das beschäftigt und sogar lähmt. Ihnen muss man klarmachen: „Ihr dürft euer eigenes inneres Selbst nicht verlieren, weswegen ihr schreibt.“ Leider ist unser menschliches Gehirn darauf gepolt, mehr dass Schlechte wahrzunehmen. Deshalb lesen wir auch Thriller. Wir schätzen danach das Gute wieder mehr wert.

Mehr zum Thema

Bestseller-Autoren Prange und Fitzek arbeiten an gemeinsamen Thriller

Haben Sie eigentlich schon mal daran gedacht, Ihre Biografie zu schreiben?

Ich habe als Gagautor für Morningshows im Radio angefangen, und ich mag das Humoristische, weil es oft sehr artverwandt mit dem Thriller ist. Es kommt auf den Plot, aufs Timing und auf eine Pointe an, die alles noch mal dreht. Eher stellt sich mir also die Frage: „Wieso schreibe ich nicht mal was Lustiges?“ Dennoch bin ich weit davon entfernt, mir anmaßen zu können, zu sagen, mein Leben ist so interessant, dass es irgendeinen Mehrwert gibt, der über meine reine Selbstdarstellung hinausgeht. (lacht)

Was war für Sie das beste Geschenk, das Sie jemals bekommen haben?

Das beste Geschenk aller Zeiten war eine aufopfernde Schwester auf der Neonatologie im Berliner Virchow-Krankenhaus, die Überstunden gemacht hat, weil sie bemerkte, dass mit meinem Sohn Felix, der als Frühchen auf die Welt kam, etwas eventuell nicht stimmen könnte. Weil sie so sensibel war und Felix ihre Zeit geschenkt hat, konnte eine Nierenbecken-Thrombose noch während der Entstehungsphase prognostiziert werden. Noch bevor moderne Apparaturen das erkennen konnten, wusste sie es! Dadurch wurden schwere Folgen vermieden. Was mich auch dazu bewogen hat, meine Zeit im Dienste von „Das frühgeborene Kind“ e.V. zu stellen, um darüber aufzuklären, wie wichtig es ist, dass erfahrene Schwestern und Pfleger engagiert und gut bezahlt werden. Sie sind mindestens genauso wichtig wie die Ärzte. Sie können kleinste Schwingungen – gerade bei den neugeborenen Frühchen – bemerken. Die Zeit, die sie uns geschenkt hat, war lebenswichtig. Das war das größte Geschenk, das wir auch als Familie bekommen haben.

Von Thomas Kielhorn/RND

Großes Geheimnis um den Geheimagenten: Damit keiner das Ende des neuen „James Bond“-Films vorab verraten kann, werden gleich drei verschiedene Versionen gedreht. Wird James Bond durch eine Frau ersetzt?

23.10.2019

Ein Preis reicht nicht: Bei der anstehenden Bambi-Verleihung haben drei Filme die Chance auf gleich zwei begehrte Trophäen. Mit dabei ist die Kerkeling-Autobiografie “Der Junge muss an die frische Luft”. Auch Schauspieler Bjarne Mädel hat die Chance auf mehrere Preise.

23.10.2019

Loblied auf Irrsinn und Verbrechen: Der französische Film „Lieber Antoine als gar keinen Ärger“ (Kinostart: 24. Oktober) ist eine explosive Gratwanderung zwischen Ironie und Gewalt.

23.10.2019