Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Kultur Abschied mit Zappa
Mehr Welt Kultur Abschied mit Zappa
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
19:02 05.03.2015
Von Jutta Rinas
Foto: Elisabeth Schweeger stellte am Donnerstag das Programm der Kunstfestspiele 2015 vor.
Elisabeth Schweeger stellte am Donnerstag das Programm der Kunstfestspiele 2015 vor.  Quelle: Rainer Surrey
Anzeige
Hannover

Plakativer kann man es kaum ausdrücken. Denn Festivalleiterin Elisabeth Schweeger hat das Motto ihrer letzten Kunstfestspiele – „Gegen den Strich“ – auf dem Programmheft der Ausgabe vom 29. Mai bis zum 14. Juni 2015 anscheinend denkbar einfach illustriert. „Norm“ steht da in schwarzen Lettern zu lesen. Das Wort ist mit einem grellen, orangefarbenen Pinselstrich durchgestrichen. Das sei aber nicht einfach als Aufruf gemeint, sich gegen das Establishment zu stellen, sagte Schweeger bei der Programmvorstellung am Donnerstag.

Es gehe ihr vielmehr um subtiles Querdenken in einer spürbar unsicher gewordenen Welt, in der die Sehnsucht nach Sicherheit immer mehr zu angepasstem Verhalten führe. Kunst könne jenseits der Norm neue Räume öffnen. Wie das geht, zeigt die grafische Gestaltung des Festivalmottos, wenn man sie genauer liest. Unter dem orangefarbenen Balken, mit dem das Wort Norm so demonstrativ durchgestrichen wird, heißt es nämlich in kleinerer Schrift „Gegen den Strich“. Auch den Gegnern des Widerstands gegen die Norm wird hier demonstrativ Raum gegeben. Es entsteht ein selbstreflexives Spiel mit Worten.

Hannovers Kulturdezernentin Marlis Drevermann betonte am Donnerstag noch einmal die Leistungen Schweegers für die Kunstfestspiele Herrenhausen. Die umstrittene Intendantin habe in den Gärten ein Fundament für das Festival geschaffen, das Maßstäbe für die Zukunft setze. Dieses Fundament sei so stabil, dass es auch andere außergewöhnliche Künstler wie den neuen Intendanten Ingo Metzmacher anrege, darauf aufzubauen. 22 Produktionen und drei Installationen gibt es diesmal. „Rebellen gegen die Bequemlichkeit, Helden des Ungehorsams und des Eigensinns“, wie Schweeger sie nennt, sind unter anderem Igor Levit, Wolfgang Mitterer, Cameron Carpenter, Thorsten Encke, Georg Nussbaumer und Jan Lauwers & Needcompany.

Und das sind die Höhepunkte

Festivalstart mit Harry Partch: „Pitch 43_Tuning the Cosmos“ lautet der verrätselte Titel der Eröffnung am Freitag, 29. Mai. Dahinter verbirgt sich eine musikalische Sensation, die bei der Ruhrtriennale 2013 ihren Anfang nahm. Der Komponist gab sich nicht mit genormten Instrumenten zufrieden, sondern erfand neue, auf denen er auch mit Mikrotönen Musik machen konnte. Das Ensemble Musikfabrik reiste nach Seattle, wo die Instrumente seit Partchs Tod gelagert sind, und baute sie nach. Bei den Kunstfestspielen wird zum Auftakt ein Werk zu hören sein, das die zeitgenössische Komponistin Carola Bauckholt jetzt für diese auch optisch eindrucksvollen Instrumente komponiert hat.

Rebell der Vergangenheit: Frank Zappa. „Ascolta plays Zappa“ heißt es am Mittwoch, 10. Juni, bei den Kunstfestspielen. Bürgerschreck, Avantgardist, Meister der Rockgitarre: Der 1993 gestorbene Zappa war eine Ikone der Rebellion der 70er-/80er-Jahre des 20. Jahrhunderts. Er war auch ein Freund der Moderne: Ein Kritiker nannte ihn einmal den Vater des Punks und der Postmoderne in Personalunion. Das Ensemble Ascolta erhielt von der Witwe Zappas die Erlaubnis, eine Reihe von Stücken, die Zappa gegen Ende seines Lebens auf einem Synclavier, einem Synthesizer mit Sampling-Modul, komponierte und speicherte, zu transskribieren und aufzuführen. Sie werden in Hannover zum ersten Mal zu hören sein.

Theaterland China: Mit Musiktheaterstücken von Danny Yung und Xiao Ke kommen am 30. und 31. Mai Werke von zwei chinesischen Theatermachern nach Hannover, die in einer Zeit des Theatersterbens und der dominierenden künstlerischen Westexporte in ihrer Heimat die Tradition bewahren. Yungs „Flee by Night“ ist zum ersten Mal überhaupt in Europa zu hören.

Grenzgänge mit Stimmen: „Salto Vocale“ heißt ein Konzert am Freitag, 5. Juni, bei dem zum ersten Mal bei den Kunstfestspielen Galerie und Orangerie Herrenhausen gleichzeitig als Konzertorte genutzt werden. Improvisation steht hier auf dem Programm. Der Vokalakrobat David Moss, der vom alpenländischen Jodeln geprägte Stimmkünstler Christian Zehnder und der Mädchenchor Hannover werden mit dem Jazz-Geiger Tobias Preisig und dem Klangkünstler Sam Auinger in unbekannte stimmliche Welten aufbrechen.

Veranstaltungstipp

Der Vorverkauf für die Kunstfestspiele ist gestartet: Tickets unter der Hotline (0 18 06) 57  00 70. Weitere Informationen unter kunstfestspiele.hannover.de.

Interview mit Elisabeth Schweeger: „Anders, hochkarätig“

Frau Schweeger, handelt es sich bei dem Festivalmotto „Gegen den Strich“ auch um ein Abschiedsmotto, das Ihr persönliches Credo betont?
Nein, als ich diese Ausgabe geplant habe, war gar nicht klar, dass ich mich beruflich verändern würde. Ich habe versucht, auf die Strömungen der Zeit zu reagieren.

Und die erfordern Querdenken, Rebellion?
Die Ereignisse der vergangenen Monate zeigen einen geballten Angriff auf das freie Denken. Ich meine nicht nur die Konflikte in der Ukraine, sondern auch die Attentate in Paris und Kopenhagen. Künstler müssen sich jetzt genau überlegen, wie sie sich positionieren: Wage ich noch etwas, oder ist das, was ich mache, nur noch Repräsentation?

Wie passt da ein Rebell der Vergangenheit wie Frank Zappa hinein?
Es gibt diese Anekdote über ein Konzert von Zappa. Da fordert er die Zuhörer auf, sich auf die Stühle zu stellen. Alle machen es, brav. Zappas Kommentar: Das kann auch nur in Deutschland passieren. Was er machte, war immer unerwartet, unkonventionell und klug.

In einem Interview in Ludwigsburg als Leiterin der dortigen Akademie der Darstellenden Künste haben Sie gesagt: Hier werde der „Wert der Kultur von der Politik geschätzt“. Klingt da Bitterkeit in Bezug auf Hannover durch?
Ich will keine Kritik üben, aber Hannover ist kein ganz einfaches Pflaster. Dass die Stadt jetzt ihr Kulturdezernat abschafft, sagt doch einiges über den Stellenwert der Kultur hier aus.

Es sind Ihre letzten Kunstfestspiele. Wie sieht Ihre Bilanz in einem Satz aus?
Wir haben etwas gebaut, was Hannover gut zu Gesicht steht, weit über die Grenzen der Stadt hinausweist und ein Juwel besitzt.

Und ein Satz zu Ihrem Nachfolger Ingo Metzmacher?
Er wird die Kunstfestspiele anders, aber hochkarätig weiterführen. Es wäre nichts schlimmer gewesen, als dass die Kunstfestspiele sich verläppern.

Interview: Jutta Rinas     

Kultur Sigourney Weaver in „Chappie“ - Die Alien-Flüsterin
Stefan Stosch 04.03.2015
04.03.2015
Kultur Neues Album von Nena - Ganz die Alte
Mathias Begalke 02.03.2015