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Kultur Schürfen, recherchieren
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19:13 20.10.2014
Blick durch die Scheibe, eher traurig: Auch Gregori Djenissas Aufnahme ist beim Monat der Fotografie zu sehen. Quelle: Gregori Djenissa
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Berlin

Im Digitalkamera- und Selfiezeitalter einen Überblick über das internationale fotografische Schaffen geben zu wollen, kommt dem Versuch gleich, den Ozean mit einem Wasserglas auszuschöpfen. Trotzdem macht es sich das Festival „Europäischer Monat der Fotografie Berlin“ alle zwei Jahre zur Aufgabe, die Fülle zu bändigen. Daneben stellt es historische Fotokünstler vor. Kein Wunder, dass es regelmäßig ausufert: 250 Veranstaltungen an 125 Orten der Stadt stellen in den kommenden Wochen Bilder von 500 Fotokünstlern aus.

Neben den Museen, Galerien und Kulturinstituten sind auch die zwölf Fotoschulen Berlins ins größte Fotofestival Deutschlands einbezogen. Zusätzliche Ausstellungsfläche bietet der Stadtraum: Selfies vom Oranienplatz sind beispielsweise unter der Überschrift „The European Dream“ direkt auf dem Oranienplatz zu sehen. „Es geht hier um die Flüchtlingsproblematik“, sagte Festivalchef Frank Wagner.

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Der Festivalleiter hat auch einen Trend ausgemacht: die Wiederkehr des Sentimentalen. „Bei Sentimentalität in der Fotografie geht es nicht um Nostalgie oder Rührung, sondern darum, sich einem historischen Thema aus einem ganz persönlichen Interesse heraus zuzuwenden, intensiv daran zu arbeiten, zu schürfen, zu recherchieren und die eigene Erregung auf Betrachter zu übertragen“, sagt er. Emotionale Kommunikation wird zu einem Werkzeug.

Die zentrale Ausstellung des Festivals im Martin-Gropius-Bau führt unter dem Titel „MemoryLab: Die Wiederkehr des Sentimentalen“ in acht Sälen und acht Kapiteln mit Überschriften wie „Terror“, „Religion“ oder „Schönheit“ ausgewählte Fotoserien, Installationen und Videowerke von 16 internationalen Künstlern vor Augen: von Trevor Paglens mittels Astrofototechnik erstellten Weltraumbildern mit Gestirn und Spionagesatelliten über eingefroren wirkende Kriegsruinen im Post-Gaddafi-Lybien (Attila Floszmann) bis zu faszinierenden sogenannten Carbon Prints voller Rätsel und Patina von Erwin Olaf.

Mit Nan Goldin ist auch eine Altmeisterin schonungslos direkter Alltagspoesie vertreten. Von Andreas Mühe, dem ältesten Sohn des Schauspielers Ulrich Mühe, ist die Serie „Obersalzberg“ zu sehen: Statisten in Wehrmachtsuniformen urinieren in Landschaften, die an Caspar David Friedrich erinnern. Nicht alle Arbeiten überzeugen gleichermaßen. Manches ist sentimental im eher schlechten Sinn, anderes lässt kalt oder erscheint platt.

Ende des Monats feiert die C/O Berlin Foundation Wiedereröffnung im Amerika Haus. Unter dem Titel „Magnum Contact Sheets“ werden Ikonen von Robert Capa über Henri Cartier-Bresson bis Martin Parr gezeigt. Auch dieses Ereignis ist Teil des Festivals, dessen übergreifendes Motto „Umbrüche und Utopien. Das andere Europa“ lautet. Eine Neuerung im zehnten Jahr seines Bestehens ist, dass erstmals auch Fotolabore ihre Türen öffnen. Dort kann man sich über neueste Techniken informieren. Fotografen, die Avantgarde sein wollen, haben zunehmend Mühe, mit technischen Revolutionen Schritt zu halten.

6. Europäischer Monat der Fotografie Berlin, bis 16. November. Der Eintritt zu den meisten Veranstaltungen, auch der zentralen Ausstellung im Martin-Gropius-Bau, ist frei. Der Festivalkatalog kostet 8 Euro. Das ausführliche Programm findet sich im Internet unter www.mdf-berlin.de.

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