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Kultur „Ich habe nicht das Zeug zum Helden“
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00:23 23.05.2014
Von Martina Sulner
Foto: Einer der erfolgreichsten Unterhaltungsschriftsteller Deutschlands: David Safier.
Einer der erfolgreichsten Unterhaltungsschriftsteller Deutschlands: David Safier. Quelle: Raacke
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Herr Safier, nach erfolgreichen Unterhaltungsromanen wie „Mieses Karma“ erzählen Sie jetzt eine Geschichte aus dem Warschauer Getto. Hatten Sie genug vom lustig sein?

Nein, die Geschichte über den jüdischen Aufstand im Getto ist mir schon lange eine Herzensangelegenheit. Ich trage das Thema seit mehr als 20 Jahren mit mir herum.

Was ist vor 20 Jahren passiert?

1992, anlässlich des 50. Jahrestages, wurde ich gebeten, im Bremer Dom eine Rede über den Aufstand der Gettobewohner gegen die Nazis zu halten. Damals habe ich mich das erste Mal mit dem Thema beschäftigt, und es hat mich fasziniert: die Geschichten von Niedertracht und Feigheit, aber auch solche von Mut und menschlicher Größe, die die Aufständischen und ihre Unterstützer zeigten.

Warum haben Sie das erst jetzt zu einem Roman verarbeitet?

Zur Person

David Safier ist einer der erfolgreichsten Unterhaltungsschriftsteller Deutschlands. Seine Romane wie „Mieses Karma“ und „Jesus liebt mich“ waren allesamt Bestseller.

Angefangen hat der 1966 geborene Safier als Drehbuchautor; für seine Arbeit an „Berlin, Berlin“ hat er den Grimme-Preis erhalten. Safier lebt in Bremen.

Seinen aktuellen Roman „28 Tage lang“ (Kindler Verlag) stellt der Autor am Donnerstag, 22. Mai, um 19.30 Uhr in der hannoverschen Apostelkirche vor.

Für Schüler bis zur 13. Klasse beträgt der Eintritt 3 statt 10 Euro. Karten bei Leuenhagen & Paris, Lister Meile 39.

Ich habe lange als Drehbuchautor gearbeitet, und mir war klar, dass aus einem Drehbuch über diese Ereignisse in Deutschland nie ein Film würde: zu teuer und zu aufwendig! Dann habe ich mich immer mehr vom Drehbuch- zum Romanautor entwickelt. Abgesehen davon ist das auch eine Frage der persönlichen Reife: Die Fähigkeit zu begreifen, wie eng menschliche Feigheit und Mut beieinanderliegen können, hatte ich mit Mitte 20 nicht.

Ihr Vater ist Holocaust-Überlebender, Ihre Großeltern wurden in Buchenwald und Lodz von den Deutschen ermordet. Haben Sie eine Verpflichtung gespürt, „28 Tage lang“ zu schreiben?

Nein, keine Verpflichtung. Aber irgendwie gehört dieses Buch zu meiner Familiengeschichte; es ist wie ein Band, das mich mit meinen Großeltern und meinem Vater verbindet.

Darum geht es auch im Roman: Hauptfigur Mira spinnt die Fantasiegeschichten weiter, die ihre kleine Schwester Hannah erzählt hat, bevor sie getötet wurde ...

Für mich ist es eine Variante davon, dass jemand, an den noch gedacht wird, nicht ganz tot ist. Dieses Element von „28 Tage lang“ wird allerdings ganz unterschiedlich aufgenommen: Es gibt viele Leser, die die Weitererzählung von Hannahs Fantasien über die 777 Inseln besonders lieben. Andere Leser können damit nur wenig anfangen.

Ihre Protagonistin, die 16-jährige Mira, ist fiktiv; die Ereignisse im Getto 1942/43 jedoch sind authentisch. Wie aufwendig war Ihre Recherche?

Das Warschauer Getto ist extrem gut dokumentiert. Man kann in Dokumenten sogar finden, wann ein Ei wieviel gekostet hat. Außerdem gibt es zahlreiche Erinnerungsbücher von Überlebenden, wie das von Marcel Reich-Ranicki. Die zentrale Frage für mich war, wie ich diese Fülle an Material den Lesern nahebringen kann – und deshalb habe ich die Figur Mira erfunden.

„28 Tage lang“ erzählt eine große Liebesgeschichte, ist vor allem aber ein Spannungsroman. Warum haben Sie sich für dieses Genre entschieden?

Ich wollte einen Roman für die Menschen schreiben, die sonst sagen: Ach Gott, das interessiert mich alles nicht so, das ist mir zu schwer und zu kompliziert. Ich wollte einen Unterhaltungsroman machen, über den die Leser sagen: Das Buch ist spannend und emotional, das kann ich gar nicht aus der Hand legen.

Hatten Sie keine Zweifel, dass dieses Genre den Holocaust banalisiert?

Ich für mich nicht. Mir ist aber klar, dass manche Leser und Kritiker meinen Ansatz nicht mögen und sagen: Das darf man nicht. Die Rückmeldungen bestätigen mich im Nachhinein allerdings. Mir sagen gerade junge Leser, dass sie von dem Thema in der Schule genervt waren und jetzt erst richtig verstehen, was im Getto genau passiert ist.

Sie benutzen eine moderne Sprache; ganz oft hat man das Gefühl, einen Gegenwartsroman zu lesen ...

Keiner von uns weiß genau, wie die Menschen 1942 geredet haben. Und wenn ich ein Leseerlebnis schaffen will, das den Menschen nahegeht, ist eine moderne Sprache das Mittel, um die Brücke zwischen Vergangenheit und Heute zu schlagen. Eine artifizielle, altertümelnde Sprache hätte Distanz aufgebaut.

Die zentrale Frage des Romans lautet: „Was für ein Mensch willst du sein?“ Hat sich Ihre Antwort darauf durch die Arbeit am Buch verändert?

Die eine Ebene ist ja, was für ein Mensch man damals gewesen wäre. Mir war schon immer klar, dass ich nicht das Zeug zum Helden gehabt hätte. Die andere Ebene ist: Mir ist erst während der Recherche klar geworden, dass man selbst als Opfer – und die Gettobewohner waren alle Opfer – entscheiden kann, wie schuldig man wird. Zum Beispiel, ob man jemandem ein Stück Brot wegnimmt. Die anderen, großen Fragen sind etwa: Wie schuldig ist der Judenpolizist, also der SS-Scherge? Ist der Judenpolizist, der sich später dem Widerstand anschließt, weniger schuldig? Ist es mutiger, gegen die SS zu kämpfen – oder, wie der Pädagoge Janusz Korczak es tat, mit 200 Waisenkindern in den Zug Richtung Auschwitz zu steigen? Endgültige Antworten habe ich auf diese Fragen nicht.

Interview: Martina Sulner

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