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Kultur Schmissige Straussgala im Sendesaal des NDR
Mehr Welt Kultur Schmissige Straussgala im Sendesaal des NDR
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11:18 04.01.2010
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Zwischendurch plaudert er ein bisschen. Dirigent Lukas Beikircher erzählt zwischen den einzelnen Musikstücken recht sympathisch die eine oder andere Episode rund um Johann Strauss. Zum Beispiel, dass der „Zigeunerbaron“ derartig erfolgreich war, dass die Operette schlagartig eine Flut von Merchandising auslöste: Zigeunerbaron-Hustenbonbons etwa oder Zigeunerbaron-Schuhcreme.

Diese Musik, das macht der Dirigent ganz deutlich, hat sich eben schon früh für jede Form von kommerzieller Ausschlachtung geeignet. „Moment mal!“, möchte man da ausrufen. Ist das etwa ein Moment der Selbsterkenntnis? Denn was ist das hier eigentlich für eine Veranstaltung im gut besuchten großen Sendesaal des NDR? Ein Neujahrskonzert wie so viele andere.

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Eine Gala, die ohne Schwierigkeiten ihr zahlendes Publikum findet – für zwei Stunden Strauss, für zwei Stunden Champagnerstimmung und Walzerseligkeit. Aber wer spielt?

Offensichtlich ist das ganz unwichtig, denn an diesem späten Nachmittag lässt sich im NDR nirgendwo ein Programmzettel auftreiben. Nicht einmal ein Plakat hängt aus, auf dem man Näheres über die Ausführenden erfahren könnte. Nur die Ankündigung verrät, dass es sich um die „Wiener Johann Strauss Gala“ handelt: Es spielen die „weltberühmten Johann-Strauss-Philharmoniker“.

Ob diese nun wirklich weltberühmt sind oder nur so tun, ist aber egal, denn am Schluss verabschiedet sich sowieso die „Bohuslav-Martinu-Philharmonie“ vom Publikum. Und diesem Tournee-Klangkörper kann man die plötzliche Enttarnung gar nicht weiter übel nehmen, denn er hat seinen Dienst nach Vorschrift ordentlich abgeleistet, hat Tritsch-Tratsch- und Tick-Tack-Polka, Delirien- und Kaiserwalzer mit Schwung und Schmiss, wenn auch ohne Raffinesse gespielt. Ein Eindruck, der auch auf Sopranistin Diana Tomsche zutrifft, die im zitronenfaltergelben Flattergewand „Mein Herr Marquis“, die „Unschuld vom Lande“ und den Frühlingsstimmenwalzer absolviert.

Die Solistin singt ihre Lieblichkeiten mit mechanischer Koketterie, aber stimmlich solide. Ja, man bekommt, was man bestellt hat: professionelle Walzer- und Polkaroutine zum Jahreswechsel – austauschbar, aber jederzeit zum Mitsummen geeignet. In Sachen Strauss-Merchandising ist eben offenkundig kein Ende zu erwarten. Man kann schon gespannt sein, welches Orchester im nächsten Jahr aus dem Bus steigt, um die Polka „Unter Donner und Blitz“ zum Besten zu geben. „Weltberühmt“ dürfte es aber bestimmt sein.

Von Andrè Mumont

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