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Kultur Schauspielintendant Wilfried Schulz sagt "Tschüss, Hannover!"
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22:19 14.06.2009
Von Ronald Meyer-Arlt
Ein Abend zum Verabschieden: Schauspielintendant Wilfried Schulz verlässt Hannover. Quelle: Foto: Martin Steiner

Oskar ist ein Theaterkind. Als er noch ein Baby war, stand das Körbchen mit ihm drin auf dem Regietisch in der fünften Reihe des Schauspielhauses. Seine Mama saß dahinter und war am arbeiten. Jetzt ist Oskar neun Jahre alt. Und spielt Trompete. In einem Stück, das seine Mutter, die Regisseurin Barbara Bürk, erarbeitet hat. Es ist im Grunde kein richtiges Theaterstück, seine Premiere war gleichzeitig seine Derniere. Gespielt wurde es nur ein einziges Mal (oder, sagen wir: anderthalb Mal, denn am Nachmittag gab’s noch eine Voraufführung), obgleich sein Titel mindestens für sechs Vorstellungen gereicht hätte: „Listen now what happens next is hard to say because the future always is a little bit away“.

Es ist großes, auf angenehme Art verschwenderisches Abschiedstheater. Intendant Wilfried Schulz, der nach Dresden geht, verabschiedet sich von Hannover, das Schauspielensemble, von dem viele ihrem Intendanten folgen werden, verabschiedet sich vom Publikum, jeder verabschiedet sich von jedem. Neun Jahre lang war Schulz Intendant in Hannover – dass das eine lange Zeit ist, erkennt man auch daran, dass Oskar ganz schön groß geworden ist und ziemlich gut Trompete spielen kann.

Am Ende des Abends steht er vorn auf der Bühne und spielt „Auld Lang Syne“ , das wunderschön traurige schottische Abschiedslied. Und wahrscheinlich dürfte jeder Zuschauer im Saal, dessen Herz nicht ganz versteinert ist, eine gewisse Wehmut verspürt haben. Das war das also. So fühlen sich neun Jahre an. Auf der Bühne steht das alte Ensemble; mit dabei sind auch viele Schauspieler, die Hannover schon vor längerer Zeit verlassen haben, für diesen einen Abend aber zurückgekommen sind. Einige hatte man lange nicht mehr gesehen: Simone Henn, Franziska Henschel, Philipp Hochmair, Katharina Lorenz, Isabelle Menke und Roland Renner.

Am Ende singen alle und winken, die Zuschauer sind längst aufgestanden, singen im Stehen mit und winken ihren Schauspielern zurück. Schön ist das. Schön und traurig. Beim großen Finale steht auch Wilfried Schulz mit auf der Bühne und macht sogar bei der kleinen Balletteinlage des Ensembles mit. Eine Abschiedsrede hat er nicht gehalten, das haben andere für ihn getan. Vor der Vorstellung im Foyer sprachen Lutz Stratmann, Niedersachsens Kulturminister, Angelika Nauck, die Vorsitzende der Freunde des Schauspiels, Oskar Negt, der Soziologe und Weggefährte, und Dietrich H. Hoppenstedt, der Vorsitzende des Theateraufsichtsrats. Alle des Lobes voll.

Auch während des Abschiedsstückes wurden Reden gehalten – die waren naturgemäß etwas lustiger als die des offiziellen Teils. Besonders schön waren Wolf Bachofners Zitate aus vernichtenden Kritiken – die allerdings frei erfunden waren. Das ganze Abschiedsspiel war ein Ausflug ins Miniaturenwunderland, lauter kleine Stückchen wurden aufgeführt, die meisten davon sehr gelungen. Besonders schön war Matthias Neukirchs rasante Videoführung durchs Haus, inklusive eines Besuchs im Intendantenbüro, wo bereits Lars-Ole Walburg, der Nachfolger von Schulz, saß, frisch geliefert und noch in Transportfolie gehüllt.

Weil die erfolgreichsten Stücke am Schauspiel in den vergangenen Jahren musikalische Produktionen waren, wurde beim Abschiedsabend viel gesungen und musiziert. Das Ensemble bildete ein verrücktes Orchester (mit Instrumenten wie „Käsereibe“ und erschreckend vielen Blockflöten). Alle Schauspielermusiker traten im Frack und mit angeklebten Bärten auf. Zuschauer, die ihre persönlichen Lieblinge sehen wollten, mussten also lange suchen. Verkleidungen standen überhaupt im Zentrum des Abends, mal traten die Schauspieler in Barockkostümen, mal als Tiere auf. Erstaunlich eigentlich, wie viele Tierkostüme der Theaterfundus so zur Verfügung stellen kann. Da zeitgenössisches Sprechtheater auch oft ganz ohne Kostüme auskommt, wurde auch nackt gespielt. Christoph Franken, der darin in Hannover einige Erfahrungen sammeln konnte, erfüllte sich einen Traum: Er durfte sich auf offener Bühne mal nicht aus-, sondern anziehen. Zum Schluss vor dem großen Finale stellte Christian Friedel die wichtigsten Mitarbeiter des Theaters vor. Es waren viele – und jeder war am wichtigsten.

Einige lehrreiche statistische Angaben waren auch zu hören: 560 Liter Theaterblut wurden in neun Jahren verbraucht, mehr als 144 Millionen Haare zu Perücken geknüpft – und insgesamt 500 Stunden Applaus soll es gegeben haben. Wobei man diese Zahl jetzt sogar noch etwas nach oben korrigieren kann.

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