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Kultur „Ein absolutes Fehlurteil“
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21:34 03.07.2014
Man darf ihr in Romanen keine Liebschaften andichten: Scarlett Johansson (hier auf dem Filmfestival in Venedig). Quelle: dpa
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Es klingelt, und plötzlich steht Scarlett Johansson in der Wohnung des Automechanikers Arthur Dreyfuss. Zwar stellt sich heraus, dass es sich nur um eine Doppelgängerin der Hollywood-Schauspielerin handelt, doch das hindert ihn nicht daran, sich in sie zu verlieben. Der französische Bestsellerautor Grégoire Delacourt hat diese Männerfantasie in einen Roman gegossen. Er und sein Verlag JC Lattès wurden jetzt in erster Instanz von einem Pariser Gericht dazu verurteilt, 2500 Euro Schadensersatz sowie weitere 2500 Euro Anwaltkosten an Johansson zu zahlen, weil der Autor die 29-Jährige in seinem Roman „Im ersten Augenblick“ nicht nur auftauchen ließ, sondern ihr auch Liebschaften andichtete. Die aus Filmen wie „Lost in Translation“ oder „Unter der Haut“ bekannte Schauspielerin hatte 50.000 Euro und ein Verbot des Romans gefordert, weil sie ihre Persönlichkeitsrechte verletzt sieht.

Die Besonderheit des aktuellen Falles ist, dass die Betroffene hier anders als im Genre des Schlüsselromans mit Klarnamen auftritt. Das Urteil wirft die grundsätzliche Frage auf, welche Grenzen es für die Darstellung von prominenten Menschen in der Literatur gibt. Der renommierte Literaturkritiker Uwe Wittstock stufte die Entscheidung als „absolutes Fehlurteil“ ein, das die Freiheit der Kunst einschränke.

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Erotische Fanfiktion

Der Roman darf weiter veröffentlicht werden. Die vergleichsweise geringe Schadensersatzsumme begründete das Gericht damit, dass die Schauspielerin in Interviews bereits ausführlich über ihr Liebesleben Auskunft gegeben habe. Das Gericht bemängelte demnach nicht die Doppelgänger-Konstruktion im Roman, sondern lediglich eine Passage, in der Dreyfuss über wechselnde Liebschaften der echten Scarlett Johansson spekuliert. Schadensersatz also für eine Gedankenspielerei.

Der Roman liest sich wie eine Art erotische Fanfiktion: „Ihr fleischiger Mund trug nicht den berühmten Lipgloss. Und zu Arthurs großem Unglück trug sie einen weiten Pullover. Einen Pullover wie ein Sack, eine Ungerechtigkeit: Er offenbarte nichts von den Formen der Schauspielerin, die bekanntlich höchst bezaubernd sind, einen geradezu verhexen.“ Das Spiel mit dem Namen Johansson dürfte die Verkaufszahlen (100 000 Exemplare bislang allein in Frankreich) in die Höhe getrieben haben. Johansson war auch wegen der widerrechtlichen Nutzung ihres Namens und ihrer Bekanntheit zur Vermarktung des Buches vor Gericht gezogen. In diesem Punkt wies der Richter ihre Klage jedoch ab. Johannson hat also als Mensch gewonnen, nicht als Marke.

Welche Konsequenzen ergeben sich für die literarische Welt? Das Urteil werde Autoren und Verlage reglementieren, fürchtet Uwe Wittstock, Literaturchef der Zeitschrift „Focus“: „Französische Autoren werden sich jetzt genau überlegen müssen, worüber sie ihre Figuren nachdenken lassen.“ Satirische Romane im Hollywood-Milieu seien in Frankreich kaum mehr möglich. Der Verlag wird seiner Einschätzung nach die vergleichsweise geringe Summe zahlen und nicht in die nächste Instanz gehen. Wittstock kritisiert, es sei ganz natürlich, wenn Menschen über prominente Personen nachdächten – im Leben wie in der Kunst. „Will das Gericht jetzt die Gedanken von Romanfiguren zensieren? Wenn fiktive Protagonisten nun nicht einmal mehr darüber nachdenken dürfen, ob ein Promi eine Affäre mit xy hat, zeugt das von einer Prüderie, die mich an die Zensur des 19. Jahrhunderts erinnert.“ Es müsse seiner Meinung nach zum Beispiel erlaubt sein, eine Romanfigur darüber spekulieren zu lassen, ob Helmut Kohl und Angela Merkel einmal eine Affäre hatten. „Allein die Gattungsbezeichnung Roman weist schon darauf hin, dass es sich um eine Fiktion handelt.“

Verunsicherung bei den Verlagen

Die Verlage seien in Folge des „Esra“-Urteils bereits verunsichert. Das Bundesverfassungsgericht hatte 2007 das Verbot des autobiografisch gefärbten Romans „Esra“ von Maxim Biller bestätigt, weil das Persönlichkeitsrecht seiner früheren Freundin verletzt werde. Sie sei eindeutig als Esra zu erkennen, und der Roman schildere intime Details ihrer Liebesbeziehung. Wittstock beschreibt in seinem Buch „Der Fall Esra. Ein Roman vor Gericht“ die Folgen: „Anwälte von Mandanten, die sich in einem Werk verunglimpft sehen, wenden sich vermehrt an die Verlage und fordern, dass ein Buchprojekt gestoppt oder umgeschrieben wird. Die Verlage scheuen das Risiko und gehen auf Nummer sicher.“ Autoren werden Wittstock zufolge erpresst, auf die Forderungen einzugehen.

Der Johansson-Fall befördert die alte Debatte, wie nah sich die Literatur an der Realität orientieren darf. Zum wohl größten Eklat der Literaturgeschichte der Bundesrepublik wurde Martin Walsers „Tod eines Kritikers“, in dem der Autor den Kritiker Marcel Reich-Ranicki symbolisch hinrichtete. Wie eine Fortsetzung wirkte der vor knapp einem Jahr unter Pseudonym veröffentlichte Krimi „Im Sturm“ von Thomas Steinfeld, Feuilletonchef der „Süddeutschen Zeitung“. In dem Mordopfer sahen manche eine Karikatur des in der Zwischenzeit gestorbenen „FAZ“-Herausgebers Frank Schirrmacher.

Maxim Biller bezeichnet in seinem Roman „Esra“ das Verhältnis von Realität und Fiktion als Zwillinge, die bei ihrer Geburt auseinandergerissen wurden. Immer dann, wenn sie wieder zusammengeführt werden, ist ein Skandal nicht weit.

Nina May

Grégoire Delacourt: „Im ersten Augenblick“. Aus dem Französischen von Claudia Steinitz; Hoffmann und Campe. 208 Seiten, 17,99 Euro.

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