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Kultur Schauspielerin Monica Bleibtreu gestorben
Mehr Welt Kultur Schauspielerin Monica Bleibtreu gestorben
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22:53 15.05.2009
Von Ronald Meyer-Arlt
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Monica Bleibtreu mit ihrem Sohn Moritz. Quelle: Nigel Treblin/ddp
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Vor elf Jahren stand sie mal wieder in Hannover auf der Bühne. Sie war mit Kollegen des damals außerordentlich erfolgreichen Deutschen Schauspielhauses Hamburg im Ballhof zu Gast und spielte mehrere Rollen in der Theaterversion von Thomas Bernhards Roman „Alte Meister“. Es war ein in doppelter Hinsicht einmaliges Theaterereignis: Ein ganz erstaunliches Zusammenspiel der Akteure war hier zu erleben, die alle verliebt schienen in Thomas Bernhards Worte und in die Kunst, sie angemessen auszusprechen. Und mittendrin leuchtete sie: Monica Bleibtreu, die eigentlich als Film- und Fernsehschauspielerin bekannt war, aber immer wieder gern mal zeigte, dass sie die alte Kunst, das Theater, auch beherrschte. Und wie.

Es war das letzte Mal, dass sie in Hannover – wo sie Ende der sechziger Jahre zum Ensemble gehörte – auf der Bühne stand . In der Nacht zum Donnerstag ist die Schauspielerin in Hamburg gestorben. Sie erlag ihrer Krebserkrankung. Monica Bleibtreu, die Mutter des Schauspielers Moritz Bleibtreu, wurde nur 65 Jahre alt.
Am 4. Mai hatte sie Geburtstag. Da sie zu den Schauspielerinnen gehört, deren Geburtstag auch mit der Ausstrahlung einer ihrer Filme gewürdigt wird, zeigte das ZDF an diesem Tag als Fernsehfilm der Woche die Tragikomödie „Ein starker Abgang“. Monica Bleibtreu spielt hier eine Frau, die einem Schriftsteller (Bruno Ganz), der an Krebs erkrankt, nicht von der Seite weicht. Es ist eine zarte, ein bisschen komische und auch traurige Liebesgeschichte. Und die Bleibtreu zeigte sich hier als das, was sie war: als große Charakterdarstellerin.

Ihre wichtigste Filmrolle war wohl die der Katia Mann in Heinrich Breloers vielgerühmter Dokumentation „Die Manns – Ein Jahrhundertroman“; ihre berührendste Figur war vielleicht die Maria in „Marias letzte Reise“. Es ist die Geschichte einer Bäuerin, die zu Hause sterben will. Monica Bleibtreu gelingt es, der Figur Würde, Größe und eine gewisse Kantigkeit zu verleihen. Am Ende sieht man sie sterben und weiß, dass der Tod eben dazugehört, und dass es gut ist, ihm aufrecht gegenüberzutreten.

Für ihre Darstellung der Maria wurde Bleibtreu mit dem deutschen Fernsehpreis ausgezeichnet. Das ist nicht die einzige Ehrung, die sie erhalten hat. Daneben bekam sie noch die Goldene Kamera (bereits 1972), den bayerischen Fernsehpreis, den Deutschen Hörbuchpreis, den Deutschen Filmpreis, den Grimme-Preis und vor Kurzem erst den österreichischen „Romy“-Preis als beliebteste Schauspielerin. Die „Romy“ konnte sie schon nicht mehr persönlich entgegennehmen. Sie bedankte sich per Videoeinspielung.

Ein guter Schauspieler zeichnet sich dadurch aus, dass er mit geringen Mitteln Großes tun kann. Selbstverständlich konnte Monica Bleibtreu das. Das war ihr Handwerk, und das beherrschte sie mit Leichtigkeit; schließlich war sie die Tochter eines Theaterdirektors und hat an allen großen Theatern gespielt. Besondere Schauspieler aber können noch mehr. Von ihnen geht ein merkwürdiges, schwer zu fassendes Strahlen aus. Das war auch bei Monica Bleibtreu so. Sie leuchtete. Selbst in kleineren Rollen war das so. Woher dieses Leuchten kam? Vielleicht hatte es etwas damit zu tun, dass sie ein freier Geist war. Sie galt als schwierige Schauspielerin. Was aber nicht weiter schlimm war. Ihren schönen Satz „Pflegeleichte Schauspieler bringen oft nur pflegeleichte Resultate“ jedenfalls sollte sich jede Schauspielschülerin ins Handy tippen – und speichern.

Vielleicht hatte dieses Leuchten auch etwas mit einem Widerspruch zu tun. Einerseits war ihr Spiel von großer Ernsthaftigkeit. Sie konnte ihren Rollen Würde, Ernst und Größe verleihen. Bei der Katia in Breloers „Mann“-Film war das schön zu sehen. Andererseits deutete ihr breites Lächeln eine Lust am Lachen an; und manchmal blitzte in ihrem Spiel eine herzliche Heiterkeit, vielleicht sogar Albernheit auf.

In den letzten Jahren ist ihre Karriere noch mal so richtig in Schwung gekommen. Nach ihrem Auftritt in „Lola rennt“ (zusammen mit ihrem Sohn Moritz) spielte sie nicht nur Katia Mann, sondern auch die Helene Weigel in „Abschied – Brechts letzter Sommer“, eine alte Klavierlehrerin in „Vier Minuten“, und vor Kurzem war sie in „Hilde“ zu sehen. Zuletzt drehte sie noch für die Bestsellerverfilmung „Tannöd“, die erst im November in die Kinos kommen wird.

Dass sie in jüngster Zeit so erfolgreich war, war der Schauspielerin selbst suspekt: „Ich mache den Beruf jetzt seit über 40 Jahren, und plötzlich tun alle so, als wäre ich vom Himmel gefallen“, sagte sie in einem Interview. Und über die Preise, die sie für ihre Darstellung der Katia Mann erhalten hat, wunderte sie sich auch ein wenig: „Im Endeffekt habe ich ja überhaupt nichts gemacht, ich habe Tee gebracht und ein bisschen geguckt“.

Aber wie.

Johanna Di Blasi 15.05.2009
Rainer Wagner 13.05.2009