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Kultur Schauspieler bezieht Hochsitz in Hannovers Innenstadt
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18:56 27.09.2009
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Wenn ein Theater die Stadt erobert, sitzt ein Teil der Stadt meist im Parkett. Es wird gejubelt und „Bravo“ gerufen und im Stehen applaudiert. Davon träumen Intendanten. Lars-Ole Walburg, neuer Chef des Schauspiels Hannover, scheint einen anderen Traum zu träumen. Sein Versuch der Stadteroberung sieht jedenfalls ganz anders aus. Noch bevor die erste Produktion auf der großen Bühne Premiere hat, begibt sich das Schauspiel in die Stadt – und präsentiert ein Stück ohne Dialoge, fast ohne Handlung, aber mit einem großen Thema.

Applaus gab es dafür noch nicht, den wird es, wenn überhaupt, erst in einigen Tagen geben, wenn die Aktion beendet wird. Und Jubel? Der wäre hier vielleicht gar nicht angemessen. Denn das Thema ist ernst, und die Darstellung ist es auch. Das Schauspiel Hannover stellt sich der Stadt mit einem unspektakulären Spektakel.

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Auf dem Platz der Weltausstellung, zwischen „Sport-Scheck“ und der Gaststätte „Extrablatt“, ist ein Hochsitz aufgebaut, in der kleinen Hütte oben befindet sich der Schauspieler Philippe Goos. Sechs Tage will er dort ausharren, ohne Unterbrechung. Die Aktion soll an das Leiden und Sterben eines 58-Jährigen aus Hannover erinnern, der arbeitslos wurde, seine Wohnung verlor und im Herbst 2007 in den Solling radelte, wo er drei Wochen auf einem Hochsitz ausharrte, bevor er dort starb.

Es war ein grausamer Selbstmord: Der Arbeitslose aus Hannover hat sich zu Tode gehungert. Neben seiner Leiche fand man ein Tagebuch mit seinen Eintragungen. In einer Zeit, in der Prekarität zum Lieblingsbegriff von Soziologen wird und man viel über neue Unsicherheiten und die Verwundbarkeit der Mittelschicht diskutiert, zog der Fall des ehemaligen Außendienstmitarbeiters, der sich zum Sterben auf den Hochsitz zurückgezogen hat, viel mediale Aufmerksamkeit auf sich.

Das war auch bei der Turmbesteigung im Zentrum von Hannover so. Als Philippe Goos mit Isomatte und Schlafsack im Arm sein Quartier bezog, waren auffällig viele Kamerateams und Fotografen im Einsatz. Das Theater spielt mit einem wichtigen Thema, es zeigt auf eine Wunde – und die Medienvertreter spüren, dass das hier mehr ist als nur irgendein Spiel.

Konzipiert wurde die Aktion von der freien Theatergruppe „Kulturfiliale“, zu der der Schauspieler Philippe Goos und auch der Regisseur Marco Štorman gehören – die beide auch am Schauspielhaus beschäftigt sind. Berührungsängste scheint es auf beiden Seiten nicht zu geben. Das Motto der „Kulturfiliale“ lautet „Unser Theater ist die Stadt“ – und das Schauspiel Hannover schließt sich da gern an. Die Kulturfilialisten Ursula Bergmann, Philippe Goos, Ramona Rauchbach, Marco Štorman und Miriam Reimers spielen das Sterben im Solling nicht einfach nach. Sie haben sich von dem Vorfall zu einer anderen Figur mit einer anderen Geschichte inspirieren lassen. Bei ihnen sitzt ein gewisser Hendrik Pohl im Turm.

Zuschauer können die Leiter zum Hochsitz hochsteigen und mit ihm reden, der Schauspieler Goos gibt sich als Pohl aus und steht Rede und Antwort. Ausschnitte aus den Gesprächen sind in einem Container neben dem Hochsitz zu hören. Am ersten Tag wurden Gedankensplitter des Hochsitzers abgespielt: Goos/Pohl sagte, er sei traurig, enttäuscht, aufgewühlt; er hoffe, dass morgen alles besser werde. Große Literatur ist es nicht. Soll es wohl auch nicht sein. Dafür gibt es andere Überhöhungen. Der Titel der Aktion zum Beispiel: „Da ist nichts leer, alles voll Gewimmels – Autopsie einer Auslöschung“. Das wäre vielleicht auch eine Nummer kleiner gegangen.

Bedenklicher aber als die Hochstapelei in Worten ist die religiöse Überhöhung des Ganzen: Muss man die Aktion unbedingt mit einer stillen Prozession beginnen? Muss man sie mit einer „Abendmahl“ genannten Veranstaltung ausklingen lassen? Das Theater leiht sich hier Kraft aus religiöser Symbolik. Man hätte auch der traurigen Geschichte, dem starken Thema und der eigenen Kraft vertrauen können. Allein dass das Theater an den einsamen Tod im Solling erinnert, ist schon ein starkes Stück. Am Donnerstag, 1. Oktober, um 17 Uhr endet die Aktion – mit einem Abstieg.