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Kultur Schauplatz der Gentrifizierung
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07:42 13.02.2013
Im Neuköllner Café: Inger-Maria Mahlke. Quelle: Rother
Berlin

„Das alte Neukölln zieht aus“, kommentiert Inger-Maria Mahlke die an jeder zweiten Straßenecke vor sich hin gammelnden ausgedienten Sofas. Die im vergangenen Jahr beim Klagenfurter Wettlesen ausgezeichnete Autorin deutet bei einem Spaziergang durch ihren Berliner Kiez die Zeichen des Wandels. Ein abgeblättertes Bruce-Lee-Graffito scheint den benachbarten neuen Designladen feindselig zu betrachten. Neben dem alten Kiezladen, der Käsekuchen und Kopien anpreist, haben Weinkontore und eine Waffelstube eröffnet.

Es ist eine Entwicklung, die von Berlin über Hamburg bis Frankfurt und inzwischen auch in mittelgroßen Städten zu beobachten ist: Erst kommen die Künstler, dann die Spekulanten. Am Ende steigen die Mieten so weit, dass nicht einmal die Künstler sie mehr bezahlen können, geschweige denn die Ursprungsbevölkerung. Gentrifizierung ist das stadtsoziologische Schlagwort für dieses gesellschaftliche Phänomen. Der marode Charme von Stadtteilen wird zugunsten eines alternativ-luxuriösen Lebensstils wegsaniert.

„Gentrifizierungsriegel“ nennt die Autorin die Herrfurthstraße, die den Übergang vom Alten ins Neue markiert. Hier sitzen junge Menschen mit Laptops und trinken Getränke mit komplizierten Namen. Draußen schlurft ein Alteingesessener mit altmodischen Roll-Einkaufstaschen vorbei. Er wirkt irgendwie fehl am Platz. Genau über diese Menschen hat Mahlke einen Roman geschrieben, der jetzt erscheint.

„Rechnung offen“ handelt von einem Ebay-Süchtigen, einer Teilzeitdomina und Mutter, einem vernachlässigten Schüler, einer alzheimerkranken Großmutter. Sie alle leben im selben Mietshaus, die innere Verwahrlosung spiegelt sich im äußeren Chaos ihrer Wohnungen. Auf jeder zweiten Seite ist von Schweiß die Rede, der Gestank ist das letzte Mittel der Selbstvergewisserung. „Sie leben in einer prekären, fragilen Ordnung. Aber die wollen sie dennoch nicht verlieren“, sagt die 35-Jährige. Sie habe diese „verschwindenden Lebenswirklichkeiten“ festhalten wollen, „den sich auflösenden Ist-Zustand speichern, ‚Steuerung + S‘ drücken“.

Im Roman taucht das Wort Gentrifizierung nicht auf, die Entwicklung wird nur am Rande thematisiert: „Die Invasion hatte im letzten Jahr begonnen. Im Sommer waren sie braungebrannt, im Winter rotwangig, saßen mit Laptops in Cafés, in Eile auf ihren Fahrrädern, verabredet, immer verabredet.“ Die Bewohner erlebten eine „parallele Entfremdung vom eigenen Leben und von ihrer Umgebung“, sagt die Autorin. Romanfigur Ebba, die in einer Messie-Bude haust, scheut sich vor der Veränderung ihres Stadtteils: „Sie hatte sich sicher gefühlt. Gut versteckt zwischen Gemüsehändlern, Wettbüros, Dönerimbissen, 99-Cent-Läden, Lidl-Märkten und Kneipen, in deren Schaufenstern Silvestergirlanden bleichten.“

Man kann sich diese Szenerie gut vorstellen, wenn man mit Mahlke durch das Viertel zieht. Vorbei an einem - noch - leer stehenden Laden. In altmodischen Lettern steht über dem Schaufenster: „Milch, Lebensmittel, Spirituosen“. Inger-Maria Mahlke, die vor Jahren wegen ihres Jura-Studiums in die Hauptstadt zog, liebt dieses Schild. „Immer wenn wir betrunken waren, nahmen wir uns vor, es zu stehlen. Und jetzt wird hier bestimmt bald ein hipper Laden einziehen und sich mit dem Namen schmücken, obwohl er keinen Bezug dazu hat. Das ist doch schade.“ Gentrifizierung - das bedeutet auch, das Vorgefundene zu annektieren und vom Ursprung zu entfremden.

Mahlke wohnt selbst um die Ecke, beobachtet die Veränderung des Milieus mit gemischten Gefühlen. Sie freut sich, dass sie jetzt nicht immer nach Kreuzberg fahren muss, wenn sie ein Café sucht, sondern zu Fuß ins „Frollein Langner“ gehen kann, wo man auf Omasofas oder in einer Badewanne sitzend japanische Reisröllchen verspeisen kann. Auch die Autorin hat gerade einen dieser typischen Briefe von der neuen Hausverwaltung bekommen: Das Gebäude werde saniert, man biete ihr eine Auflösung des Mietvertrags an, sie könne natürlich auch bleiben. „Aber es wird sehr unangenehm.“ Die Bewohner des Stadtteils reagieren mit Straßenkunst auf die Bedrohung: „Hallöchen, ich bin’s, der Zwangsräumer“, „Sauber ist teuer“ und „Zu viel Ärger, zu wenig Wert“ steht auf den Hauswänden.

Die Autorin hat ihren Roman bewusst nicht explizit in Neukölln verortet, weil er auch in jeder anderen Großstadt spielen könnte und weil sie sich eigentlich nicht an der Neukölln-Diskussion beteiligen wollte. Die These von Bürgermeister Heinz Buschkowsky, der in seinem Bestseller „Neukölln ist überall“ ein Schreckensbild misslungener Integration zeichnet, empfindet sie als thematisch verengt. Dann fuhr sie zu einem Interview ins ARD-Hauptstadtstudio nahe dem Bundestag, sah all die Anzug- und Rollkofferträger in den Straßen und dachte: „Es soll im Roman doch um Unterschicht gehen.“

Nur ein paar Schritte von der hektischen Hermannstraße entfernt hat Mahlke einen magischen Ort entdeckt. Ein ehemaliger Friedhof schafft eine eigenartige Atmosphäre: Alleen, ausgeblichenes wildes Gestrüpp, dazwischen ausgediente Positionstürme des ehemaligen Flughafens Tempelhof. „So habe ich mir als Kind immer einen Prinzessinnengarten vorgestellt“, sagt Mahlke. Nur die verwitterte Inschrift „Selig sind die, die da Leid tragen“ verweist auf den einstigen Friedhof. Ruhestätten finden hier bald nur noch feierwütige Touristen, die sich kein Hotel leisten können: Auf dem Gelände soll eine „Tent Station“ entstehen. Die Brache passt nicht mehr ins Bild, wie die Figuren aus Mahlkes Roman. Schnell noch mal „Steuerung+S“ gedrückt.

Inger-Maria Mahlke: „Rechnung offen“. Berlin Verlag. 288 Seiten, 19,99 Euro.

Am Mittwoch, den 20. Februar, um 19.30 Uhr liest die Autorin im hannoverschen Literaturhaus, Sophienstraße 2, und diskutiert in der Reihe „Resonanzen“ mit dem Kölner Armutsforscher Christoph Butterwegge über „Prekäre Welten“. Moderation: HAZ-Redakteurin Martina Sulner.

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