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Kultur Sarrazin und Özkan diskutieren - aber nicht miteinander
Mehr Welt Kultur Sarrazin und Özkan diskutieren - aber nicht miteinander
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20:19 24.01.2013
Welten, die sich nicht begegnen: Thilo Sarrazin, Soumaya Djemai und Aygül Özkan mit Moderator Clemens Altmann auf dem Podium des Landesmuseums. Quelle: Philipp von Ditfurth
Hannover

Riten des Duells, Gesten der Beschwörung, aufbrandende Emotionen, ganze Wellen von Lob und Schmähung sind an diesem Abend zu erleben. Auch Volkskundler aus Polynesien - dem südpazifischen Inselreich, aus dem das Wort Tabu stammt - hätten daraus Erkenntnisgewinn ziehen können. Und auch ohne Deutschkenntnisse hätten sie sich vielleicht nur gefragt, ob der Moderator zugleich Zeremonienmeister dieses Kultes ist - oder von außen mit unsichtbarer Hand Regie geführt wird.

Tatsächlich gibt es hier kein gemeinsames geistiges Band. Denn die Teilnehmer dieser Veranstaltung sind nicht auf Verständigung aus. Es ging, im Saal wie auf dem Podium des Landesmuseums, um Konfrontation. Kein Wunder, wenn man in der Reihe „Tabubruch“ den Islam-Dämonisierer Thilo Sarrazin (SPD) und die islamische Ministerin Aygül Özkan (CDU) aufeinander loslässt - und beiden die so scharfsinnige wie eloquente Sozialdemokratin Soumaya Djemai und den so hilflosen wie freundlichen ZDF-Moderator Clemens Altmann zur Seite stellt.

Der tut sich vor der im Publikum anschwellenden Lärmkulisse schwer, die Sachdebatte zur frei nach Sarrazins Buchtitel formulierten Leitfrage „Schafft Deutschland sich ab?“ auch nur einzuleiten. Zwischen den Diskutanten bildet sich kaum mehr als ein Minimalkonsens heraus: Es gab jahrzehntelang Integrationsversäumnisse, Bildung ist ein zentraler Faktor, ein modernes Zuwanderungsrecht wie in den USA wäre vonnöten. Schon bei der Verständigung über Basisdaten klaffen Differenzen: „Sie reden pauschal über alle Muslime“, klagt Soumaya Djemai ihren Parteifreund an. „Wir haben es mit statistischen Aussagen zu tun“, hält Sarrazin dagegen. „Da ist immer inbegriffen, dass der Einzelfall abweicht, dass Individuen nicht identisch mit dem Kollektiv sind.“ Deshalb könne er eine Muslima wie die im Islamischen Kulturzentrum Wolfsburg aktive Doktorandin Djemai durchaus würdigen. Und auch die Leistungen Özkans. „Wer sich einordnet“, sagt er, „ist willkommen.“

Da schwappt ein lautes „Übel, übel“ durch den Saal, erschallen Buhrufe - und Applaus. Zu diesem Zeitpunkt haben Sarrazin-Gegner bereits ein Banner mit der Aufschrift „Halt die Fresse, alter Mann!“ entrollt, sind Flugblätter und Hundekot geworfen worden. „Sie stellen Leute in die Ecke und verdienen damit Geld“, weist Özkan Sarrazins paternalistisches Lob zurück. „Sie diskreditieren damit das Ansehen Deutschlands in der Welt.“ Als ein Tuch mit der Aufschrift „Rassismus ist Verbrechen“ vorm Podium hochgehalten wird, greifen einige der Polizisten ein, die sich im Saal bereitgehalten haben.

Danach scheint sich die Diskussion zu versachlichen. Özkan zählt Integrationsfortschritte auf, Erfolge bei Kita-Zugang und Bildungsabschlüssen von Migranten. „Das macht mich froh - aber noch immer werden Frauen diskriminiert, nur weil sie ein Kopftuch tragen.“ Da applaudieren die Sarrazin-Gegner, während andere glasig blicken. Hier sitzen Leute wie von verschiedenen Sternen nebeneinander im Saal.

Auf dem Podium geht man bald zu Attacken über. „Was tun Sie eigentlich für Integration, Herr Sarrazin?“, fragt Özkan. „Zum Beispiel sitze ich hier und rede mit Ihnen“, kontert der - und teilt gleich weiter aus: Schönfärberische Integrationsberichte gebe es zuhauf, da sei sein Buch nützlicher. Migration habe es immer schon gegeben, Probleme seien erst mit Einwanderern aus der muslimischen Welt gekommen. „Schauen Sie sich diese Länder an, schauen Sie sich an, wie viele muslimische Frauen auch in Deutschland von ihren Männer zuhause gehalten werden.“

Da setzt Soumaya Djemai dagegen, sie sitze zu Hause, weil sie wegen ihres Kopftuches schlechtere Bewerbungschancen habe - und dann wird’s persönlich. „Nehmen Sie einfach ihr Kopftuch ab“, sagt Sarrazin, „und kleiden Sie sich, wie das in Deutschland üblich ist.“ Er würde „ja auch nicht in abgeschnittenen Jeans zum Bewerbungsgespräch“ gehen. Und überhaupt: „Wenn ich Innenminister wäre, würde ich ein Kopftuchverbot in öffentlichen Gebäuden verhängen.“

Wechselseitiges Verständnis? Das bleibt an diesem Abend tabu. Am Ende bricht der Moderator die Debatte ziemlich abrupt ab. Nur Sarrazin ist noch lange von einer Fan-Traube umringt. „Sie haben nichts zu Ehrenmorden gesagt“, lockt ein Rentner. Manche wollen ein Autogramm, andere entschuldigen sich für den Tumult. Es sei „ein Armutszeugnis“, dass „diese Krawallmacher“ in den Saal gelassen worden seien, sagt Sarrazin und fügt raunend hinzu: „Alles Linksfaschisten sind das.“ Die aber haben den Saal längst verlassen.

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