Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Kultur Ruedi Häusermanns wundersam verspielte „Odeanbusch“
Mehr Welt Kultur Ruedi Häusermanns wundersam verspielte „Odeanbusch“
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
19:11 18.10.2009
Von Rainer Wagner
Allein unter Busch-Masken: Eva Brunner auf der Bühne des Schauspielhauses.
Allein unter Busch-Masken: Eva Brunner auf der Bühne des Schauspielhauses. Quelle: lni
Anzeige

Aber nicht nur deshalb ist fraglich, ob das Theater die geeignete Zuflucht ist für einen, der immerhin einen legendären Musikhasserspruch erfunden hat („Musik wird oft nicht schön gefunden, weil sie stets mit Geräusch verbunden“). Denn im Schauspielhaus gerät Busch in die Hände eines Theatermachers, der ohne Musik nicht spielen mag. Prompt stimmt Ruedi Häusermann seine ganz eigene „Odeanbusch“ an.

Dieser Untertitel hätte all jenen Premierenbesuchern, denen offenbar der Name Häusermann – trotz dessen Theatervergangenheit auch in Hannover – nichts sagte und die vielleicht eine brave Wilhelm-Busch-Revue erwarteten, eine Warnung sein können. So aber gab es am Ende neben sehr freundlichem, wenn auch nicht enthusiastischem Beifall ein paar laute Buhs. Was aber auf vertrackte, verdrehte Weise zu einem Theaterabend passte, der mit einem Bilderreigen illustriert, wie grausam es in Buschs Geschichten zugehen kann. Während zugleich der famose Musikzug der Freiwilligen Feuerwehr Wettbergen in einer Orchesterprobe die Willkür eines Dirigenten erfährt.

Diese Amateurmusiker spielen eine wichtige Rolle in Häusermanns Bilderbogen, der virtuos Bedeutungsebenen und Dimensionen wechselt. Das beginnt mit Buschs Flucht vor den Musikern – ein Echo der Tatsache, dass sich Busch einst den groß geplanten Feierlichkeiten zu seinem 70. Geburtstag verweigerte. Wir sehen also in einem Film (ja, ein altmodischer Film, keine Computeranimation), wie Busch in Herrenhausen dieser Blaskapelle per Straßenbahn zu entkommen sucht. Wer als Zuschauer leise reklamiert, dass die Linie 5 ja gar nicht am Hauptbahnhof vorbeifährt und auch nicht vor dem Schauspielhaus hält, der wird abendfüllend vergeblich auf eine 1:1-Umsetzung hoffen.

Denn jetzt stürmt Filmheld Busch tatsächlich ins Theater, verfolgt von den Musikern. Von der Zweidimensionalität des Films in die Dreidimensionalität des Theaters, die Häusermann und seine Bühnenbildnerin Franziska Rast lustvoll immer wieder flach machen. Sie projizieren Buschs Geschichten an die Wand, aber stellen auch die Geschichte vom verhinderten Dichter Balduin Bählamm mit ausgeschnittenen Flachkulissen nach. Wenn dabei dem Schauspieler Herwig Ursin kurzfristig ein Teil des angeklebten Bartes abfällt, wird die Panne zur Pointe: alles nur Abziehbilder. Natürlich dürfen die wichtigsten Helden nicht fehlen. Max und Moritz gibt es sogar in Alt und Jung – als junge wechseln sich im Spielplan des Theaters zwei Zwillingspaare ab. Dass Lehrer Lämpel (Jan Ratschko) auch Organist ist, gibt Häusermann und seinem Partner Philip Lang die Gelegenheit, mal wieder die Musik einzubringen.

Der Klangbogen dieses Abends ist weit gespannt: von Händels „Sarabande“ (die viele noch aus dem Stanley-Kubrick-Film „Barry Lyndon“ kennen) über Madrigaleskes und Kantatenhaftes bis zu schräg aufgebrochenen Märschen. Aber wenn der gelernte Musiker Häusermann Wilhelm Buschs frühes Oper(ette)nlibretto „Der Vetter auf Besuch“ komprimiert zitiert, verzichtet er auf die Oper.

Die sieben Profiakteure, die Laien und Statisten springen in immer neue Rollen und Kostüme (Barbara Mayer). Das kann man als Theaterkonzert genießen oder als Kaleidoskop der Texte und Zeichen, die wir alle nicht nur aus der Kindheit kennen. Häusermann spreizt und reizt das Busch-Erbe aus, er spielt mit Erinnerungen und mit Erwartungen. Und wem das Busch-Zitat einfällt „Musik ist angenehm zu hören, doch ewig braucht sie nicht zu währen“, der hat nicht begriffen, welche Rolle die Langsamkeit beim Schweizer Häusermann spielt. Da wird das „1, 2, 3 im Sauseschritt, eilt die Zeit, wir eilen mit“ zwar gerne rezitiert, aber noch lange nicht befolgt.

Nach zweieinviertel Stunden endet Häusermanns Ode wie ein Spiegelkanon. Die Zuflucht endet mit einem allgemeinen Abgang. Und dann sind sie mal weg. Zurück bleibt ein Publikum, das einen wundersamen Theaterabend erleben durfte: mal wunderlich, mal wunderbar.

Nächste Vorstellungen am 22. und 25. Oktober sowie am 1. und 12. November. Karten und Infos: 0511-99991111.