Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Kultur Rolf Rothmann liest aus neuem Roman
Mehr Welt Kultur Rolf Rothmann liest aus neuem Roman
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
10:06 02.05.2012
Von Martina Sulner
Liest am Donnerstag in Hannover: Ralf Rothmann.
Liest am Donnerstag in Hannover: Ralf Rothmann. Quelle: Steinweg/Suhrkamp
Anzeige
Hannover

Der erste Impuls beim Lesen ist: Diese Figuren möchte man am liebsten trösten. Etwa den Icherzähler, den es von Düsseldorf nach Berlin verschlagen hat - Architekt, Anfang 50, Ehe kaputt, Tochter mit Drogenproblemen. Dieser Mann, dessen Leben durcheinandergeraten ist, lernt den alten Dr. Wagner kennen, wohl ein ehemaliger Stasi-Mitarbeiter, der kurz vor seinem Tod ein Buch über die „Köpenicker Blutwoche“ beenden will. In jener Woche im Juni 1933 verhafteten die Nazis Hunderte von Linken, viele wurden ermordet. Auch Wagners Vater soll unter den Opfern gewesen sein.

Trost möchte man diesen und anderen Figuren aus Ralf Rothmanns neuem Erzählungsband „Shakespeares Hühner“ spenden, weil nahezu alle einsam wirken. Schüchtern sind sie, und mit dem Reden haben sie es einfach nicht so. Das gilt auch für den vierschrötigen Oswald aus der Erzählung „Sterne tief unten“, der in einem Berliner Krankenhaus die Verstorbenen in die Kühlfächer trägt. All seine Sanftheit und sein Mitleid mit den Toten legt er darin, sie möglichst behutsam in die Fächer zu legen. Ähnlich schweigsam ist Armin, der in der Geschichte „Traber-Sonate“ noch mal seinen früheren Kumpel Wolf besucht, der auf einer Trabrennbahn arbeitet. Armin und Wolf reden ein bisschen über alte Zeiten, doch über die wichtigen Dinge - dass Armin schwer krank ist, wie Wolf seine Haft im DDR-Gefängnis überstanden hat - sprechen sie nicht.

Das haben sie mit den Helden und Antihelden aus Rothmanns früheren Büchern gemein. Der Autor – geboren 1953 in Schleswig, aufgewachsen im Ruhrgebiet, schon lange in Berlin zu Hause - schreibt oft über Menschen, die viel grübeln und fühlen, aber wenig sagen. In „Stier“ (1991) finden sich ähnliche Typen und auch in Rothmanns Ruhrgebiet-Romanen wie „Milch und Kohle“ (2000) und „Junges Licht“ (2004). „Junges Licht“ erzählt meisterhaft knapp und doch genau vom Ende der Kindheit.

Auch in seinen acht neuen Erzählungen lotet Rothmann Situationen aus, in denen das Leben seiner Männer- und Frauenfiguren vor tief greifenden Wendungen steht oder in denen sie eine Ahnung davon bekommen, welche Sehnsüchte in ihnen schlummern - oder kurz vor dem Ausbruch sind. Mit einer zurückgenommenen Sprache und Mut zu Leerstellen innerhalb des Textes erzählt der Autor, ausgezeichnet etwa mit dem Heinrich-Böll-Preis und dem Wilhelm-Raabe-Preis, von solchen Momenten. Nicht gefühlig, aber mit viel Gefühl für seine Figuren.

Ralf Rothmann: „Shakespeares Hühner“. Suhrkamp. 212 Seiten, 19,95 Euro.

Am Donnerstag um 19.30 Uhr liest Rothmann im hannoverschen Literaturhaus, Sophienstraße 2. Den Mitschnitt sendet „NDR kultur“ am 6. Mai, 20 Uhr.

Kultur Interview mit Hanjo Kesting - Die Grenzen des Literaturkanons
Martina Sulner 02.05.2012
Kultur Kabarettstar in Hannoer - Richling im Theater am Aegi
01.05.2012
Kultur „Schrei“-Versteigerung - Munch-Bild könnte Auktionsrekord brechen
Johanna Di Blasi 04.05.2012