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Kultur Rolf Nobel spricht im Interview über die Macht der Bilder
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20:42 04.05.2011
Rolf Nobel: Fotograf und Journalist. Quelle: Archivbild
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Herr Nobel, ein Foto von Barack Obamas Hausfotograf Pete Souza geht um Welt. Es zeigt den US-Präsidenten und seinen Stab, sie verfolgen die Operation gegen Osama bin Laden in Pakistan wie ein Footballspiel. Was haben Sie empfunden, als Sie das Foto sahen?
Ich habe gedacht: Das ist ein unglaublich gutes Foto. Es ist selten, dass sich auf einem Gruppenfoto in allen Gesichtern so einhellig die Spannung der Situation widerspiegelt. Ohne jeden Lidschlag, ohne jeden komischen Gesichtsausdruck. Ich glaube, dass das Foto sehr bald zu einer Foto-Ikone wird.

Haben Sie die Authentizität des Fotos angezweifelt?
Nein. Ich glaube nicht, dass man so ein Foto stellen kann. Hillary Clintons Hand vor dem Mund, der Mann im Hintergrund, der sich an dem vor ihm Stehenden vorbeibeugt, damit er einen freien Blick auf den Schirm hat – das sieht alles sehr authentisch aus.

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Der Fotograf stand aber ja nicht zufällig an dieser Stelle. Er sollte das Bild machen. Welche Funktion hat das Foto?
Es ist die Dokumentation eines übergroßen politischen Triumphes über ein amerikanisches Schreckgespenst. Das Bild zu machen ist die eine Geschichte, es freizugeben die andere. Sie haben die Freigabe sicherlich vom Ausgang der Operation abhängig gemacht – auch aufgrund der innenpolitischen Schwierigkeiten, die Obama zurzeit hat.

Das Bild ist ein Kriegsbild, obwohl es nicht im Krieg gemacht worden ist. Sind Kriegsbilder Waffen?
In jedem Fall. Früher war es einfach, als Kriegsberichterstatter in die Kampfzone zu kommen. Im Vietnamkrieg haben Reporter ihren Schülerzeitungausweis vorgezeigt und sind mit ihrer billigen Amateurknipse per Helikopter an die Front geflogen worden. Vor allem Fotos waren es schließlich, die die Pro-Krieg-Stimmung in der US-Bevölkerung umschlagen ließen. Von da an hat sich die Behandlung der Fotografen durch kriegführende Regierungen sukzessive geändert. Man kommt heute in erklärten, offiziellen Kriegen eigentlich nur noch als „embedded journalist“ an die Front und bekommt einen flurbereinigten Krieg zu sehen, in dem Leichen nicht erwünscht sind. Es sieht mehr nach Computerspiel aus oder nach Anekdotischem mit intaktem Lagerleben und Soldatenkumpanei. Wer es auf eigene Faust versucht, geht ein immenses Risiko ein. Die Herrschenden wissen sehr genau, wie Bilder die Stimmungslage eines Volkes beeinflussen können. Microsoft-Gründer Bill Gates hat gesagt: Wer die Bilder beherrscht, beherrscht die Köpfe. So ist es: Fotos haben viel größere Wirkung als das geschriebene Wort.

Kann demnach das Bild Beweismittel sein? Ist Osama bin Laden tot, wenn Obama es sagt, oder ist er erst tot, wenn das Bild des Getöteten da ist?
Solange das Bild nicht gezeigt wird, wird es immer Verschwörungstheorien geben. Der Großteil der Menschen wird erst das Foto als objektiven Beweis annehmen – was es de facto natürlich nicht ist. Jedes Bild kann man bearbeiten. Man kann den Bildern genauso wenig trauen wie den Worten. Man muss die Quelle prüfen. In diesem Fall aber würde jede Lüge auffliegen, denn es wären zu viele Menschen beteiligt, und jeder, der sich an dieser Lüge beteiligt hätte, wäre politisch erledigt.

Es waren an der Operation gegen bin Laden keine Journalisten beteiligt. Stört Sie das?
Es werden mit Sicherheit Bilder gemacht worden sein. Bei einer so gefährlichen Situation keine Journalisten zu beteiligen, kann ich verstehen. Hierzulande werden bei weit weniger gefährlichen Einsätzen auch keine Journalisten mitgenommen.

Wird durch solche Spezialoperationen und dem Prinzip der „embedded journalists“ freie Berichterstattung irgendwann nicht mehr möglich sein?
Es wird immer schwieriger, an die Schauplätze zu kommen, weil man die Infrastrukturen der Armeen nicht mehr benutzen kann. Aber selbst in Bürgerkriegen und Genoziden, in denen Gesetze und Regeln keine Gültigkeit haben, werden Fotografen immer teilnehmen – unter höchstem persönlichem Risiko. Schon aus dem ethischen Antrieb, diese Grausamkeiten nicht unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfinden zu lassen. Ich gehe mal zugunsten der meisten Kollegen davon aus, dass das der Hauptgrund ist. Aber es ist natürlich auch Abenteuerlust und der Drang, mit solchen Fotos schlagartig berühmt zu werden.

Aber die Gruppe dieser Waghalsigen wird überschaubarer.
Es gibt eine sehr kleine Gruppe von Fotografen, die treffen sich heute in Ägypten, ziehen dann weiter nach Libyen, waren vorher in Bangkog und treffen sich an anderen Krisenorten wieder. Das haben Kriegsberichterstatter ironischerweise mit Söldnern gemeinsam.

Der britische Fotograf Tim Hetherington zieht nicht mehr weiter. Er ist im libyschen Misrata ums Leben gekommen. Ist er ein Held, oder ist er selbst schuld?
Weder noch. Er hat einen Beruf ausgeübt, der mit erheblichem Risiko verbunden ist. Wie beispielsweise ein Sprengmeister auch. Hetherington hat einen Job ausgeübt, der wichtig für die Gesellschaft ist. Dass es ihn dabei erwischt hat, ist tragisch und traurig. Man muss aber auch die Frage stellen, ob diese absolute Frontberichterstattung wirklich wichtig ist. Das, was uns die Hintergründe begreifen lässt, ist garantiert nicht das Bild vom gewehrschwingenden Freiheitskämpfer. Hetherington hat den oscarnominierten Film „Restrepo“ gedreht, der über ein Jahr hinweg zeigt, was der Krieg aus Soldaten macht. Dieser Film ist ein tiefgehender Denkanstoß – ohne jeglichen Nachrichtendruck.

Sie bilden an der Fachhochschule Hannover Fotojournalisten aus. Würden Sie die davon abhalten, in den Krieg zu ziehen?
Erst mal ja. Gute Kriegsfotografen sind auch gute Friedensfotografen. Es gibt auch bei uns Studenten, die wollen lieber heute als morgen in Gebiete, in denen gekämpft wird. Ich rate ihnen, erst mal gute, erfahrene Fotografen zu werden.

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