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01:33 04.05.2010
Von Stefan Stosch
Russell Crowe als neuer Robin Hood. Quelle: ap
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Durch die Jahrhunderte hat der Bogenschütze Robin Hood eine unglaubliche Karriere hingelegt. Und dabei hat es den „Rächer der Enterbten, den Beschützer von Witwen und Waisen“ (Komiker Otto) wohl nie gegeben – jedenfalls nicht als die eine historisch nachweisbare Person. Der Mann ist, wenn überhaupt, ein Konglomerat aus vielen Personen.

Die Legenden um Robin Hood reichen tief zurück ins englische Mittelalter. „Robin Hood“ war zwischenzeitlich ein Synonym für Dieb und Wegelagerer. Erst in zahlreichen Balladen wurde die Figur immer plastischer ausgemalt und wandelte sich zum Sympathieträger. Irgendwann wurde aus der Fiktion Fakt: In Nottingham ist dem Gerechtigkeitskämpfer ein eigenes Museum gewidmet, durch das Touristen aus aller Welt pilgern, die sich hier dem Original-Robin nahe fühlen. Ein Denkmal für den Mann mit dem kecken Hütchen gibt es auch.

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Wer heute einen Film über unser aller Robin inszeniert, der muss auch den vermeintlich historischen Helden einkalkulieren, will er dessen globale Fangemeinde nicht vor den Kopf stoßen. Mitte Mai ist es wieder mal so weit: Dann spannt Russell Crowe den Bogen in ­Ridley Scotts Kinoepos „Robin Hood“. Aber brauchen wir noch einen Leinwand-Robin-Hood?

Im Kino hat der Grünberockte schon Dutzende Male Widerstand geleistet. Kaum ein Actionheld von Rang, der sich nicht mit dem fiesen Sheriff von Nottingham und dem hinterlistigen König John angelegt und dabei zumeist auch noch seine geliebte Marian gefunden hat. Um nur mal ein paar Stars zu nennen: Douglas Fairbanks („Robin Hood“, 1922), Errol Flynn („Das Abenteuer des Robin Hood“, 1938), Sean Connery („Robin und Marian“, 1976) oder Kevin Costner („Robin Hood – König der Diebe“, 1991).

Die Nachfrage nach Tyrannenbekämpfern scheint ungebrochen. Allerdings sind dem Bogenschützen der Übermut und die Eleganz der filmischen Anfangszeit gründlich ausgetrieben worden. Douglas Fairbanks präsentierte Robin Hood noch als Hochleistungs-Turnkünstler, der durch die Luft federte, dass es eine Lust war. Sean Connery spielte Robin als ergrauten, melancholischen Helden, der mit letzter Kraft seine Pflicht für König und Vaterland tut.

Der Respekt vor Robin Hood nahm kontinuierlich ab. Der Disney-Konzern verwandelte den Outlaw und seine Kumpel 1973 in Tiere – Robin war ein Fuchs, Little John ein Bär und der Sheriff ein Wolf. Und erst Mel Brooks: Er verulkte Robin Hood und Co. als „Helden in Strumpfhosen“ (1993). Zwischendurch versuchte Kevin Costner, an glorreiche Zeiten anzuknüpfen, und baute in Sherwood Forest ein alternatives Widerstandsnest auf, das an die Anti-AKW-Hütten rund um Gorleben erinnerte.

Mit Große-Jungen-Spielen hat Ridley Scott nichts am Hut. Der Regisseur meint es ernst. Seit „Gladiator“ und „Königreich der Himmel“ gilt der Brite als ausgewiesener Historienmaler. In vielen Filmen variiert er immer wieder ein Thema: Männer, denen übel mitgespielt wurde, streiten dafür, die Welt besser zu machen, als sie ist. Der Schmied Balian kämpft im Heiligen Land für Toleranz, der Gladiator Maximus Decimus Meri­dius rächt sich in den Zirkusarenen des Römischen Reichs, und Robin Hood schlägt sich in englischen Eichenwäldern auf die Seite der Ausgebeuteten.

Scotts neues Monumentalwerk unterliegt besonderer Geheimhaltung, seit es auf den begehrten Eröffnungsplatz der Filmfestspiele von Cannes gerückt ist, die am Mittwoch nächster Woche beginnen – bis dahin gilt für Kritiken eine Sperrfrist. Doch ist von Scott einiges zu erwarten: Er hat mit „Gladiator“ dem Sandalenfilm neues Leben eingehaucht, damals ebenfalls mit Crowe.

Scott hat angedeutet, worum es ihm geht. Er wolle die Der-Mann-bevor-er-zum-Mythos-wurde-Version zeigen. Problematisch nur, dass es den nicht gegeben hat. In Scotts Mittelalter dürfte es dreckig und blutig zugehen: „Wir hatten das Gefühl, dass es wichtig sei, den Punkt in der Geschichte zu treffen, an dem das Land fast verhungert und von seiner eigenen Krone misshandelt wird“, sagt der Regisseur. England war damals ausgelaugt, Bürgerkrieg drohte, die Invasion der Franzosen.

Scott steht bei seinem Versuch der Wiederbelebung eines Mythos vor einer schwierigen Aufgabe: Er muss Robin Hood etwas Neues abgewinnen, um seinen Film zu rechtfertigen, doch darf er den alten Kempen nicht vom Sockel stoßen. Dabei bedarf es möglicherweise eines anderen Zugangs: Vielleicht wäre es an der Zeit, Robin Hood radikal zu aktualisieren. Robin Hood ist der Mann der Stunde. Endlich jemand, der geknechtete Steuerzahler im überschuldeten Staat rächt. Endlich wehrt sich jemand gegen die Prasserei des Geldadels. Endlich jemand, der den Reichen nimmt und den Hartz-IV-Empfängern seiner Zeit gibt. Robin Hoods Platz ist nicht im Wald, sondern an der Wall Street.