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Kultur Ringvorlesung zum deutschen Stadttheater
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18:38 24.10.2012
Von Ronald Meyer-Arlt
Wolfgang Schneider, Direktor des Instituts für Kulturpolitik. Quelle: Archiv
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Hildesheim

Hallo, Herr Professor Schneider, Sie haben gerade in Hildesheim eine Ringvorlesung über „Kulturpolitische Konzeptionen zur Reform der Darstellenden Künste“ eröffnet. Nun klingen Sie etwas heiser. Haben Sie sich sehr echauffiert?

Ja natürlich. Ich habe versucht, Aufgaben, Risiken und kulturpolitische Handlungskonzeptionen zur Theaterpolitik in einer Stunde pointiert unterzubringen.

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Ihre Vorlesung trägt den Titel „Reformbedarfe auf der Baustelle Theater“. Können Sie sich ein Theatersystem ohne Reformbedarf überhaupt vorstellen?

Ganz im Sinne von Heiner Müller würde ich sagen, dass Theater immer Krise ist. Wir stellen aber heute fest, dass viele gesellschaftliche Entwicklungen am Theater vorbeigegangen sind. Etwa der demografische Wandel oder die Partizipation von Bevölkerungskreisen mit geringerem Bildungshintergrund.

Deshalb zitieren Sie in der Ankündigung zur Ringvorlesung wohl auch den 17-jährigen Mourad R., der „Ich gehe sehr ungern ins Theater“ ins Gästebuch des Forums Freies Theater Düsseldorf geschrieben hat.

Ja. Besonders interessant ist, dass das Zitat in einer Broschüre des Freien Theaters zu finden ist. Das heißt, dass die Unlust am Theater wohl ein generelles Problem zu sein scheint.

Mourad sagt, er habe Besseres und Wichtigeres zu tun, als ins Theater zu gehen. Theater ist für ihn „eine nervende Pflichtveranstaltung“. Hat er nicht einfach selber Schuld, wenn er so denkt?

Nein. Mourad kommt aus einer Kultur, in der Theater nicht die Rolle spielt, die es hier bei uns spielt. Bei uns fließt etwa ein Drittel der öffentlichen Mittel für Kulturförderung in das Theatersystem. Die Frage ist, ob wir uns das erlauben können - in einer Situation, wo die Hälfte der Kinder in den Grundschulen wie Mourad denken.

Das System Theater muss sich also ändern, um Menschen wie Mourad zu erreichen?

Das ist für mich der gesellschaftliche Auftrag von Theater. Schließlich findet Theater immer nur mit Publikum statt. Im Theater wird derzeit viel zu stark angebotsorientiert gearbeitet. Es müsste deutlich mehr Partizipationsmöglichkeiten geben. Es müsste Theater an mehr Orten geben. Und es müsste Theater auch als Schulfach geben. Wenn Theater mit Steuermitteln finanziert wird - und ich bin sehr dafür, dass das so bleibt -, dann muss Theater auch in der Bildungspolitik eine wesentliche Rolle spielen.

Am 7. November gibt es eine Vorlesung mit dem Titel „Mythos Stadttheater“. Das klingt ja so, als sei das Stadttheater längst überholt.

Ich denke schon, dass sich das Stadttheater auch selbst etwas mystifiziert hat. Stadttheater steht meist für Häuser mit Guckkastenbühnen und für klare Trennung der Sparten. Wir müssen aber zu einer größeren Vielfalt der Theaterformen und auch der Theaterorte kommen. Wir haben in Deutschland auch 2500 Amateurtheater, wir haben Schülertheater, Studententheater, Laientheater. Diese Gruppen sind manchmal näher dran an den Menschen, die sonst nie ins Theater gehen. Die Hierarchisierung von Theater, die wir in Deutschland pflegen, ist ein Problem.

Glauben Sie, dass Sie mit dieser Ringvorlesung irgendetwas am Theatersystem verbessern?

Wir sind mittendrin in einem Veränderungsprozess. Mit der Vorlesung leisten wir einen Beitrag, dass der weitergeht.

Interview: Ronald Meyer-Arlt

Die öffentliche Ringvorlesung läuft bis Februar 2013 – jeweils Mittwochs – an der Uni Hildesheim.

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