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Kultur Das Phänomen Rihanna pur
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23:53 03.07.2013
Von Uwe Janssen
Leicht bekleidet, aber groß umjubelt: Rihanna am Mittwochabend in der TUI Arena. Quelle: Wilde
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Hannover

„Rihanna und Chris Brown getrennt!“ - „Sexsuchttherapie und Fandresche - „Rihanna außer Rand und Band!“ -  „Rihanna präsentiert Drogenfotos!“ -  „Lack und Leder, S&M: Rihanna verzaubert Fans in Deutschland!“ Popstar zu sein, hat mit Musik gar nicht so viel zu tun. Rihanna zu sein, hat vor allem damit zu tun, ständig vorzukommen. In den Prominews, auf den Smartphones, im Internet und im Kopf von jungen Männern, die Kappen schief aufsetzen und Frauen, für die der Begriff „Bitch“ der legitime Nachfolger von „Fräulein“ ist. Keiner aus der Branche spielt mit der Öffentlichkeit so wie sie.

Rihanna live zu erleben, ist eine gute Abwechslung zu ihrer übermächtigen virtuellen Präsenz. Da ist sie also wieder, 2011 war sie schon mal in Hannover, auch in der TUI Arena. Damals war alles ruckzuck ausverkauft, aber das war auch die Premiere. Diesmal gibt es noch ein paar Karten an der Kasse, damit hätten die Schwarzmarkthändler auch nicht gerechnet.

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Vielleicht sind zwei Auftritte in zwei Jahren zu oft, vielleicht ist es so, weil Ferien sind (wie man andererseits an den Dutzenden sieht, die seit 13 Uhr schon vor der Halle warten). Vielleicht ist 70 Euro für die billigste Karte doch einigen zu teuer. Aber vielleicht ist es auch deshalb so, weil das Phänomen Rihanna nicht in erster Linie für den Livebetrieb vorgesehen ist, sondern als Konserve viel besser funktioniert, egal ob Audio, Video oder Sozio.

Facebook und Twitter werden auch während des Liveauftritts in Hannover kräftig gefüttert. Das Konzert wird sozusagen live auf Facebook übertragen. Alle Displays leuchten, Mobilgeräte im Dauereinsatz, wer out of Akku ist, ist die ärmste Sau im Haus. Früher ging man pinkeln, heute geht man laden. Wenn man eine Steckdose findet.

Und die Oberbitch? Als sie mit einer satten halben Stunde Verspätung gegen 21.30 Uhr die Bühne und 10.000 Displays betritt, wird es laut. Und dann wieder leise. Nach dem Auftaktkreischen kauert Rihanna einsam in einen Umhang gehüllt auf der Bühne und singt „Mother Mary“. Jedenfalls einen kurzen Auszug. Dann kommt das, was den ganzen Abend kommen wird und wichtiger Bestandteil einer jeden Rihanna-Show ist: Umziehen. Nicht nur sie, auch die Bühne. Das ganze Konstrukt inklusive Treppen fährt hoch, eine Band erscheint, und da ist ja auch Rihanna wieder. Ihre Beine stecken in langen Stiefeln, der bestickte Mantel fliegt schnell in die Ecke, darunter ist etwas Durchsichtiges, darunter zwei sparsame schwarze Stücke Stoff. Alles andere wäre auch eine Überraschung gewesen.

Und schon ist man mittendrin. Musikalisch scheppert es jetzt richtig. „Phresh out the Runway“ ist Stampf-R'n'B, die Masse im unbestuhlten Innenraum, sofern nicht mit Kameraarbeit befasst, fängt an sich zu bewegen. "Hannooooover" gellt spitz durch den Saal, "I can't hear you!". Was natürlich glatt gelogen ist, aber seine Wirkung nicht verfehlt.

Ansagen gibt es eigentlich nicht, ein bisschen Animation, ansonsten gehen die Stücke nahtlos ineinander über. Professionell, amerikanisch, etwas seelenlos. Rihanna bewegt sich elegant bis frivol, und dass sie sich nur mit einer Hand in den Schritt fasst, liegt daran, dass sie in der anderen das Funkmikrofon hält. Neben dem Jacko-Gedächtnisgriff hat sie noch Hüftrotation und Hinternwackeln im Programm. Insgesamt ist sie nicht ganz so ins Choreografiekorsett gezwängt wie vor zwei Jahren. Die Bühnenshow hat abgespeckt, es gibt mehr Rihanna pur, das macht es eigentlich ganz sympathisch. Ud natürlich alle Hits. "Umbrella", "We found love", "Rude boy".

Aber was beispielsweise Nuno Bettencourt, Rockfans als ziemlich begnadeter Gitarrist von Extreme ein Begriff, auf der Bühne soll, bleibt in weiten Teilen schleierhaft. Vieles wummert einfach nur, getragen von satten Bassbeats und fetten Keyboardwänden, und aus welchen elektronischen Quellen es kommt, ist eigentlich auch egal.

Rihanna lässt immer wieder auch das Mikrofon sinken und singt irgendwie trotzdem weiter, weil ihre Backgroundsängerin entweder exakt ihre Stimme imitiert oder einfach auch hier Teile eingespielt werden. Aber: wen interessiert das? Hier geht es um das Gesamtpaket für Augen, Ohren und Facebook. Der Jubel zeigt: passt! Das Phänomen Rihanna bleibt eins.

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