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Kultur Richard Wagner als Rassist, Frauenfeind, und Verschwender?
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10:59 18.04.2013
Urenkel Gottfried Wagner geht hart mit seinem Urgroßvater Richard Wagner ins Gericht.
Urenkel Gottfried Wagner geht hart mit seinem Urgroßvater Richard Wagner ins Gericht. Quelle: dpa
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Bayreuth

 Zum 200. Geburtstag Richard Wagners kommen viele neue Bücher auf den Markt. Auch Urenkel Gottfried Wagner hat sich an seinen Schreibtisch in Italien gesetzt. Schon auf der ersten Seite macht er klar, dass er für Misstöne im Jubiläumsjahr sorgen wird: „Wagners Weltanschauung, die sein Leben, seine Schriften und seine Opern prägt, ist meiner Meinung nach mit den Grundsätzen menschlicher Ethik unvereinbar. Sie ist bestimmt von Rassismus, Frauenverachtung, Selbstvergötterung und Lebensverneinung.“

Wagners Denken und Verhalten stehe in krassem Gegensatz „zu allem, was eine menschliche, solidarische Gesellschaft ausmacht. Damit wurde er zum Idol und Stichwortgeber derjenigen, die Deutschland und Europa auf einen unheilvollen Weg geführt haben.“

Gottfried Wagner, Sohn des 2010 gestorbenen langjährigen Festspielleiters Wolfgang Wagner, ist ein Verstoßener des Clans, in seinem autobiografisch geprägten Buch „Wer nicht mit dem Wolf heult“ aus den 1990er Jahren rechnete er mit seiner Familie ab und warf ihr vor, ihre Nazi-Verstrickungen zu bagatellisieren. In seinem neuen Buch mit dem Titel „Du sollst keine anderen Götter haben neben mir. Richard Wagner - Ein Minenfeld“ greift er dieses Thema wieder auf.

Doch seine Diagnosen greifen diesmal tiefer, sie setzen nicht erst bei der Rezeption und bei der Familiengeschichte an, sondern bereits im Werk Wagners und der Persönlichkeit des Komponisten: Wagner sei ein Verschwender gewesen, der andere hemmungslos um Geld angepumpt habe. Er habe auf Kosten anderer gelebt, um zu demonstrieren, „wie göttlich er war und wie göttlich seine Werke“. Kritik an dieser Schuldenmacherei werde als spießig-kleinkariert abgetan, empört sich Gottfried Wagner. Der Urgroßvater habe intrigiert und nur an seine eigene Karriere gedacht. Von Frauen habe er bedingungslose Unterwerfung verlangt.

Wo Wagnerianer in den Handlungen der Opern tiefste Sinnfragen beantwortet sehen, erkennt Urenkel Gottfried frauenfeindliche Erlösungsfeiern. Das vielgehörte Argument, dass es doch möglich sei, sich von der Wagner’schen Musik faszinieren zu lassen, ohne an deren Schattenseiten zu denken, weist Gottfried Wagner am Beispiel des Tetralogie „Ring des Nibelungen“ energisch zurück: „Doch was der Dichterkomponist über fünfzehn Stunden hinweg an Rassismus, Frauenverachtung und Lebensverneinung ausgebreitet hat, können ein paar süßliche Klänge schwerlich ungeschehen machen.“

Viele Forscher, aber auch Musikschaffende verharmlosten Wagners Antisemitismus und seinen Einfluss auf die Nazi-Ideologie, findet Gottfried Wagner und nennt als Beispiel den Dirigenten Christian Thielemann, der vor wenigen Monaten auch ein Wagner-Buch vorgelegt hat.

Diverse Konferenzen und Ausstellungen in Bayreuth seien nicht objektiv gewesen, kritisiert er weiter. „Ignoranz und Abwieglung bestimmten überwiegend die Haltung der deutschen Wagner-Forscher, während die entscheidenden Anstöße von angelsächsischen und amerikanischen Wissenschaftlern kamen.“

Und dann ist Gottfried Wagner doch wieder bei der Familie: Richards Frau Cosima habe mit ihrer Politik der „Vernichtung, Vertuschung und Beschönigung“ eine bis heute andauernde Familientradition begründet. Die Verstrickungen der Familie in die NS-Zeit seien alles andere als erforscht. Nach 1945 habe es in Bayreuth keinen Neubeginn gegeben, sondern nur Vertuschungen. Im Visier ist hier auch der langjährige Festspielchef Wolfgang Wagner, Gottfrieds Vater. Dem Festival bescheinigt Gottfried Wagner aktuell einen „trostlosen“ Zustand.

Aber er muss einräumen: Richard Wagner sei längst eine Marke geworden, mit der man viel Geld verdienen könne - so lange das Publikum mitspiele. Das tut es. Wagner ist populär. Im Jubiläumsjahr räumen Opernhäuser im In- und Ausland ihre Spielpläne für ihn frei. Karten für die Festspiele sind immer noch heiß begehrt. Viele Politiker laufen jedes Jahr mit Kanzlerin Angela Merkel (CDU) über den roten Teppich.

dpa

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