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Kultur Revolten gegen den deregulierten Kapitalismus
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22:41 18.07.2009
Von Johanna Di Blasi
Tanzen gegen die Supermächte: Ein "Spaßkarnevalist" protestiert beim G-8-Gipfel 2005 im schottischen Edinburgh. Quelle: Nicolas Asfouri/afp
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Wenn ein Chef seine Beschäftigten um Erlaubnis fragen muss, wenn er pinkeln muss, ist das ein großer Schritt nach vorne“, hat Jean-Paul Sartre gesagt. Der existenzialistische Philosoph spielte auf die Praxis an, Bosse und Manager in Geiselhaft zu nehmen. Diese schon um 1968 erprobte Brachialmethode erfuhr jetzt in Frankreich eine Neuauflage. Firmenbosse waren im Frühjahr wieder gut beraten, zu Verhandlungen unauffällig Zahnbürste und Pyjama mitzubringen, denn „Bossnapping“ wurde regelrechter Volkssport. Betroffen waren unter anderem Niederlassungen von Molex, Caterpillar und Sony.

Eine Eskalationsstufe weiter droht die wütende Belegschaft, die Fabrik, die sie gefeuert hat, in die Luft zu jagen. Jüngst entlassene Arbeiter eines insolventen ­Autozulieferers im westfranzösischen Châtellerault spielen gerade diese Karte aus. Müssen wir mit zunehmend schärferen Krisen- und Verzweiflungsrevolten rechnen? Drohen größere soziale Aufstände oder gar Revolutionen? Und wer wird wogegen auf die Barrikaden gehen?

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Die Globalisierungskritikerin Naomi Klein („No Logo“, „Die Schock-Strategie“) prophezeit eine Zunahme von Revolten gegen den „deregulierten Kapitalismus“. Was in diesem Jahr nicht nur in Frankreich an Aufständen zu beobachten war (in Lettland und Island demissionierten Regierungen nach Massenprotesten), deutet die Globalisierungskritikerin als ein Echo auf das argentinische Aufbegehren vor acht Jahren. Klein spricht vom „Que se vayan todos!“-Effekt. „Sie sollen alle gehen“, hatten Aufständler da skandiert und auf Kochtöpfe getrommelt.

Massenentlassungen in Betrieben, korrupte Anlageberater, Kernkraftwerk-Pannen (nach den Krümmel-Protesten hat nun der Energiekonzern Vattenfall den Chef seiner Atomsparte des Amtes enthoben) und allgemein die diffuse Bedrohung, die mit dem Schlagwort Globalisierung umschrieben wird, lassen den Unmut der Menschen anschwellen. Doch wie lässt sich Widerstand heute am wirksamsten artikulieren? Nach dem Berliner Demonstrationsforscher Dieter Rucht sind Masse, Radikalität, Kreativität und Prominenz die grundlegenden Ressourcen der modernen Protestkultur. In demokratischen Ländern zielen die Inszenierungen von Protest primär auf die Massenmedien – und diese Stoßrichtung bestimmt auch ihre Form.

Die zuverlässigste Methode, um in Wort und Bild in den Medien aufzutauchen, ist nach wie vor das Schockieren. Anarchistische Gruppen gehörten Anfang des 20.  Jahrhunderts zu den ersten, die mit Schock- und Terrorstrategien auf massenmediale Erregung zielten. Ihnen folgten interessanterweise die Avantgardisten der Kunst. Kunst und Protest waren in den zurückliegenden Jahrzehnten mitunter kaum auseinanderzuhalten; kein Wunder, dass die Künstler von den Protestierern lernten und umgekehrt.

Auch Künstler wollten auf Seite eins der Magazine und Gazetten. Sie begnügten sich nicht damit, revolutionäre Flugblätter zu gestalten, sondern stilisierten sich selbst als Revolutionäre. Die Avantgarden und Neoavantgarden kokettierten bedenkenlos mit Gewalt und Terror. So ersehnte etwa der russische Künstler Kasimir Malewitsch die Zerstörung bestehender Museen, um Raum für neue Kunst zu schaffen. André Breton, der Surrealistenpapst, phantasierte davon, „wahllos wie wild in die Passanten zu ballern“. Erst jüngst, bei der Venedig-Biennale, lieferte Altmeister Michelangelo Pistoletto eine Neuauflage der Gewaltästhetik: In einer Performance zertrümmerte der 76-Jährige riesige Prunkspiegel.

Wie in der Kunst, so haben sich manche Protestformen auch auf der Straße abgenutzt. Wenn Streikende in Zeiten der Massenarbeitslosigkeit wieder einmal mit Pfeifkonzerten Lohnerhöhungen ertrotzen wollen, so kann das wie ein folkloristisches Ritual wirken, bei dem fast in Vergessenheit geraten zu sein scheint, wozu es aufgeführt wird. Schwarze Särge, mit denen Betriebe symbolisch zu Grabe getragen werden, wirken schlicht hilflos.

Symbole des Protests sind abgeschliffen, revolutionäre Zeichen durch Marketing verniedlicht, rebellische Attitüden sind längst modische Accessoires. Sogar Atomenergiekritik. So spielt der Berliner Modestar Michael Michalsky in seiner Frühjahr-Sommerkollektion mit dem guten, alten „Atomkraft? Nein Danke“-­Logo.

Aus der Sackgasse einer staubgrau gewordenen Protestkultur – man mag nicht mehr zu langweiligen Latschdemos gehen oder furztrockene Flugblätter verfassen – versuchten sich in den neunziger Jahren sogenannte „Postautonome“ zu befreien. Sie setzten auf Kreativität, das subtile Spiel mit kulturellen Codes. Die „Kommunikationsguerilleros“ knüpften an den Dadaismus und Situationismus an. Sie gaben Dada-Losungen aus wie „Voll doof alles“, „Falsch muss kaputt“ oder „Gewalt ist auch Gewalt“ und überfielen in Superman-Kostümen Luxussupermärkte, um Champagner und Hirschkeulen an Putzfrauen und Mini-Jobber zu verteilen. Vorübergehend bekamen sie mediale Aufmerksamkeit.

Inzwischen gehen aber wieder die schwarz Vermummten um. Fast jede Nacht werden in Berlin Autos abgefackelt – etwa 200 Wagen brannten dort seit Jahresbeginn. Der diffuse gewalttätige Protest Autonomer richtet sich angeblich gegen „Gentrifizierung“, die Nobilitierung von Stadtvierteln und die damit einhergehenden Preissprünge für Wohnungen. Die Randalierer schaffen es merkwürdigerweise nur in die Randspalten der Zeitungen. Wird das Phänomen von Polizei und Presse bewusst tiefer gehängt?

In nicht demokratischen Staaten mit gleichgeschalteten, vom Regime kontrollierten Medien zielen Proteste in eine grundsätzlich andere Richtung. Wie jüngste Beispiele in Iran und China zeigten, können hier Internet und Twitter besonders wirksame Mittel sein, Netzwerke zu bilden, Zensur zu umgehen und die ausländische Öffentlichkeit zu erreichen. Bei den Protesten nach den umstrittenen Wahlen im Iran kam interessanterweise ein Mittel zum Einsatz, mit dem Post­autonome schon in den neunziger Jahren operierten: die bewusste Desinformation. Mit dieser Strategie lässt sich Verwirrung und Destabilisierung erzielen.

Demonstranten, die in Personalunion als Korrespondenten und Interpreten ihrer eigenen Demo fungieren, brauchen keine phantasievollen oder aggressiven Zeichen mehr, sondern vor allem ein Handy mit Kamera, SMS-Funktion und Internetanschluss.

Um künstlerische Auseinandersetzungen mit Symbolen des Protests geht es in der Ausstellung „Oppositions & Dialogues“, bis 9. August im Kunstverein Hannover.

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