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Kultur Reto Fingers „Haus am See“ uraufgeführt
Mehr Welt Kultur Reto Fingers „Haus am See“ uraufgeführt
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11:47 08.05.2011
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Bochums Schauspiel kann mit dem „Haus am See“ einen Erfolg verbuchen. Intendant Anselm Weber hatte bei dem jungen Schweizer Dramatiker Reto Finger das Stück bestellt und selbst die Uraufführung inszeniert. Am Freitagabend wurde sie in den Kammerspielen mit begeistertem Applaus vom Publikum begrüßt. Reto Finger war eigens nach Bochum gekommen und nahm den Schlussbeifall gemeinsam mit dem Ensemble entgegen.

Im „Haus am See“ geht es um Autoritätsanmaßung und -missbrauch. Robert Keller, ein erfolgreicher Unternehmer, lädt seine beiden Brüder zu einem Fest ein. Er hat nach langer Zeit das Elternhaus - eben das „Haus am See“ - zurückkaufen können. Jetzt soll das Glück beginnen - aber die Hürden erweisen sich als unüberwindbar. Denn Robert ist ein Mensch der unangenehmsten Sorte.

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Seinen Bruder beschäftigt er nicht nur als Buchhalter, er behandelt ihn auch als Angestellten. Wie der jüngste Bruder Michael wird er geschurigelt und gedemütigt, damit ein für alle Mal fest steht, wer Herr des Hauses ist. Auf der Familie scheint ein Rätsel zu lasten: Die Eltern sind vor Jahren eines Tages völlig überraschend verschwunden. Leben sie noch, sind sie tot?

Überraschend taucht Vera auf, ein junges Mädchen, das mit seiner unkonventionellen Art die Gesellschaft durcheinanderwirbelt. Sie ist, was niemand ahnt, die uneheliche Tochter von Robert, weiß, dass er Leichen im Keller hat und deckt auf, dass er die eigenen Eltern auf dem Gewissen hat.

Anselm Weber, dessen Regiekunst auf einem soliden Fundament gediegenen Handwerks ruht, hat beim Textstudium genau zwischen den Zeilen gelesen. Am interessantesten an diesem spannenden analytischen Stück, das gleichfalls als Krimi funktioniert, sind die lange Zeit erfolgreichen Versuche Roberts, alle anderen einzuschüchtern, damit die Wahrheit verborgen bleibt. Matthias Redlhammer porträtiert Robert als durchsetzungsstarken Mann, der anderen nicht nur rücksichtslos ins Wort fällt, um sie zum Schweigen zu bringen, sondern auch schon mal die Faust schwingt - ein aggressiver Zeitgenosse mit krimineller Energie.

Entsprechend spielt der Rest des Ensembles virtuos und abwechslungsreich Duckmäuser, die sich immer wieder einschüchtern lassen und um des lieben Friedens willen schweigen. Nur Vera nimmt Hiebe in Kauf, um die Wahrheit ans Licht zu bringen - Friederike Becht gibt der sympathischen jungen Frau teils couragierte, teils rätselhafte Züge.

Am Ende hat das Stück Schwächen: Robert sucht, nachdem er enttarnt worden ist, den Tod im brennenden „Haus am See“ - das ist bei einem Egoisten mit so gusseisernem Gewissen und hartgesottenen Sünder unwahrscheinlich. Und Anselm Weber, dessen Inszenierung anfangs großartiges psychologisches, dann auch wieder surrealistisches Theater zeigt, verliert die Sicherheit des Zugriffs bei den Exaltationen am Ende: Wenn geschrien und gekämpft wird, entgleitet dem Ensemble seine hohe Geschmackssicherheit.

Die Quintessenz ist klar: Die Wahrheit kommt nur an den Tag, wenn couragierte Zeitgenossen sich von den dreisten Gewissenlosen nicht einschüchtern lassen. Das „Haus am See“ hat Schwächen - insgesamt aber war die Uraufführung ein Erfolg.

dpa