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Kultur Reinhold Messner: „Felix Baumgartner hat ein Problem erfunden“
Mehr Welt Kultur Reinhold Messner: „Felix Baumgartner hat ein Problem erfunden“
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00:15 18.01.2013
„Baumgartner hat ein Problem erfunden. Mein Weg wäre das nicht, ich brauche den Kontakt mit meiner Umgebung – aber er hat meinen ganzen Respekt“, so Reinhold Messner. Quelle: dpa
Hannover

Herr Messner, Sie gelten als mutiger Mensch. Wie blicken Sie auf die Finanzkrise in Europa?

Ich habe mir mit 40 keine Rentenpapiere gekauft, sondern einen Selbstversorgerhof in Südtirol. Wenn die Welt morgen zusammenbricht - ich hätte hier oben alles, was ich zum Leben brauche. Natürlich nur, bis die Leute kommen und mir das alles wegnehmen (lacht). Aber noch ist der Keller voll. Ich habe wohl Wein für tausend Jahre. Aber im Ernst: Ich bin gerüstet, viele nicht. Ich weiß, dass das ein Privileg ist.

Als Bergsteiger ist Angst gefährlich, aber haben Sie als Vater Angst um die wirtschaftliche Zukunft Ihrer Kinder?

Meine Kinder sind gut gerüstet. Aber ich habe Mitgefühl mit den jungen Leuten. Die heutige Globalisierung bringt die Wirtschaft durcheinander, auch China wird Probleme bekommen. Die Lebensqualität ist schon heute in Westeuropa nicht mehr so hoch wie vor zehn Jahren. Wir haben die Ressourcen hemmungslos ausgebeutet. Jetzt müssen wir damit leben, dass die Welt für uns ungerechter wird.

Sie bezeichnen sich als Südtiroler und Europäer. Ist ein starkes Europa eine Antwort auf die Veränderungen?

Im Grunde ist es arm, was wir seit den ersten europäischen Verträgen aus den Möglichkeiten gemacht haben. Ich sage: mea culpa. Denn ich war ja fünf Jahre aktiv dabei.

Sie saßen für die italienischen Grünen im Europaparlament. Aber es klingt nicht so, als hätten Sie sich über den Friedensnobelpreis für die EU gefreut.

Der Preis ist richtig und gerecht. Europa ist ein großartiges Friedensmodell. Das Problem ist die fehlende Identifikation mit Europa. Deutsche wollen Deutsche sein, Italiener wollen Italiener sein. Wir Europäer müssen Europäer sein wollen, Europa gehört in das Herz jedes Einzelnen. Die Ansage des Preises ist doch: „Europäer, werft die Flinte nicht ins Korn, macht’s weiter!“

Die Grünen würden Sie sicher noch einmal auf die Wahlliste lassen.

Wissen Sie, ich bin jetzt 68 Jahre alt. Politik müssen junge Leute machen, Leute, die auch die Folgen ihres Handelns noch spüren werden. Ich bin zwar noch kein alter Weiser, aber ich habe eine Stimme, und die nutze ich auch.

Sind Proteste wie von der Occupy-Bewegung der richtige Weg für die Jugend von heute, die Stimme zu erheben?

Occupy ist keine Heldentat. Ich habe das Gefühl, dass da viele mit der Kreditkarte des Vaters in der Tasche Protest gemacht haben. Und es hat auch nichts gebracht.

Was bringt denn etwas?

Die Menschen müssen sich auf die Hinterbeine stellen, müssen etwas aufbauen. Und die Politik muss ihnen mehr Entscheidungsgewalt geben.

Hat es ein Jugendlicher heute schwieriger als Sie, der 1944, kurz vor Ende des Krieges, geboren wurde?

Viel schwieriger. Helmut Kohl sprach immer von der Gnade der späten Geburt. Ich habe die Gnade der frühen Geburt erleben dürfen. Wir hatten alles vor uns, konnten alles tun. Das ist vorbei. Und die Generation, die jetzt kommt, hat es am schwierigsten.

Gilt das auch für das Erleben von Abenteuern?

Nein. Jede Generation hat das Abenteuer neu erfunden - das ist auch heute möglich.

Angenommen, Sie wären 40 Jahre später geboren worden. Hätten Sie dann anstelle von Felix Baumgartner den Sprung aus dem Weltall gemacht?

Baumgartner hat ein Problem erfunden. Mein Weg wäre das nicht, ich brauche den Kontakt mit meiner Umgebung. Aber es war ein Abenteuer. Es hat zwar nur fünf Minuten gedauert - meine Antarktisdurchquerung hat 92 Tage gedauert -, aber er hat meinen ganzen Respekt. Er hat das Risiko auf sich genommen. Ich habe das sogar zufällig im Fernsehen gesehen, auch, wie er vor dem Absprung gezittert hat.

Sie haben mal gesagt - es klang etwas wehmütig -, es gäbe kaum noch weiße Flecken auf den Landkarten.

Die Menschen haben den Massentourismus selbst bis zum Mount Everest gebracht. Ich bin heute eher auf der Suche nach den weißen Flecken in mir. Aber ich weiß auch: Die Menschen werden nie alles über das Menschsein wissen. Und es ist doch schön, dass es Geheimnisse gibt.

Mit 25 Jahren haben Sie das Freiklettern aufgegeben, nach den 14 Achttausendern sind Sie auf die Horizontale umgestiegen und haben Eisflächen und Wüsten durchwandert. Jetzt gibt es das Messner Montain Museum mit fünf Außenstellen in Südtirol. Und nun?

Wenn ich das jetzt schon wüsste (lacht). Das Museum ist ein Mosaik, im Jahr 2014 wird es fertig sein. Danach gibt es viele Möglichkeiten.

Wie muss man sich das vorstellen, diese Ideenfindung. Setzen Sie sich dann hin und …

... nein, nein, nein, ich setze mich nirgendwohin. Das passiert einfach. Und was es auch sein wird, ich bleibe im Kreis der Abenteurer.

In dem Museum, das Sie Ihren 15. Achttausender nennen, zeigen Sie Ihre Sicht auf die Mystik der Berge. Sie kommen ohne Subventionen aus. Haben Sie keine Lust, das Museum weiter zu betreiben?

Ich betreibe gerade ein Museum, aber ich bin kein Museumsbetreiber, kein Verwalter. Ich bin ein Creator. Ich erschaffe etwas.

Apropos Schöpfung: Viele Bergsteiger fühlen sich nahe bei Gott. Sie waren auf vielen Gipfeln. Wie hält es Reinhold Messner mit der Religion?

Ich halte alle Religionen der Welt für Sekten. Wie nannte das Marx, Religion ist, Gift für ...

Opium fürs Volk?

Genau, Opium fürs Volk. Religionen sind von Menschen gemacht, um Menschen zu unterdrücken. Aber ich respektiere alle religiösen Menschen.

Auch die religiösen Bergsteiger?

Wenn die Leute oben sind und sagen: „Ach, der Himmel ist so nah“ - das ist den unten gebliebenen nach dem Munde geredet. Das Glück des Bergsteigers kommt erst viel später.

Sie gelten als Familienmensch - und als Einzelgänger. Wie passt das zusammen?

Ich bin ein Familienmensch. Aber wenn mir etwas auf die Nerven geht, dann seile ich mich ab. Meine Frau weiß das, die hat mich auch so kennengelernt.

Sie gehen Streitigkeiten aus dem Weg?

Nein, so nicht. Wenn jemand die Konfrontation sucht, findet er in mir einen guten Partner.

Interview: Gerd Schild

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