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Kultur „Zu viele Menschen machen zu viele Fotos“
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18:56 23.10.2014
Von Stefan Stosch
Wim Wenders (links) im Gespräch mit dem brasilianischen Fotografen Sebastião Salgado. Quelle: Donata Wenders
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Herr Wenders, für Ihren Film über den brasilianischen Fotografen Sebastião Salgado haben Sie sich viele Aufnahmen von Krieg und Tod anschauen müssen. Wie hart war das?

Über eineinhalb Jahre habe ich Sebastião Salgados Aufnahmen im Schneideraum gesichtet. Manchmal war ich einfach fertig, musste eine Pause machen. Diese Fotos packen dich sogar, wenn du extrem schnell arbeiten musst.

Kennt Salgado Ihre Filme?

Ich glaube, sein Sohn Juliano hat ihn gezwungen, sich ein paar anzuschauen. Aber Kino ist nicht Sebastiãos Ding, er ist allein der Fotografie zugetan. Und er ist Ökonom, liest viel. In São Paulo hat er in den Sechzigern Wirtschaftswissenschaft studiert. Für die Weltbank reiste er häufig nach Afrika, bevor er die Fotografie entdeckte.

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Salgado fotografiert nur in Schwarz-Weiß, wieso nie in Farbe?

Hat er! Am Anfang wollten die großen Magazine wie „Paris Match“ Farbfotos von ihm. Dann erkannte er, dass er den Menschen mit Schwarz-Weiß-Aufnahmen näherkommt. In den letzten 30 Jahren hat er keinen Farbfilm mehr angerührt. Ich glaube, sein Kopf denkt in Schwarz-Weiß.

Hat Salgado während der Dreharbeiten auch Fotos von Ihnen gemacht?

Hunderte. Er hat die ganze Zeit fotografiert. sich nicht um den Film geschert. Mitten in einer Szene holt er die Kamera raus, drückt ab, das steckt in seinen Genen.

Wird die Begegnung mit Salgado Einfluss auf Ihre eigene Fotografie haben?

Ich hätte keines seiner Fotos machen können. Ich habe die Fotografie aber auch auf ganz anderem Weg entdeckt: Ich fotografiere Landschaften. Zur Fotografie kam ich über die Malerei. Sebastião will politische Zusammenhänge verstehen. Er will wissen, wie Menschen zu Flüchtlingen werden.

Was ist ein Foto: eine eingefrorene Bewegung?

Das ist ein Missverständnis. Fotografien haben eine Geschichte. Vielleicht zeigen sie etwas, was noch passieren wird, oder auch etwas, was schon vergangen ist. Viele Leute machen ein Foto hier und eines dort, und das war es. Wenn Sebastião fotografiert, ist er Wochen mit den Menschen zusammen, begibt sich mit ihnen in Extremsituationen.

Heute fühlt sich jeder als Fotograf ...

Theoretisch ist es eine Demokratisierung. Talente werden entdeckt, die nie entdeckt worden wären. Man kann es aber auch Inflation nennen: Zu viele Menschen machen zu viele Fotos. Wir sind alle überdokumentiert. Wenn man sich das vorstellt: Vor ein paar Jahren wusste niemand, was ein Selfie ist.

Woher kommt Ihre Liebe zum Dokumentarischen?

Mein schlimmster Albtraum ist es, mich zu wiederholen. Deshalb bin ich froh, dass es so viele Formen von Kino gibt. Es ist ein Privileg, zwischen Fiktion und Dokumentarfilm zu wechseln. Zumal sich die Arbeitsweise komplett verändert hat.

Wieso?

Als junger Mann, in den Siebzigern, habe ich jedes Jahr einen Film gedreht. Aber Filme werden immer komplexer - die Finanzierung, die Postproduktion ... Heute brauchst du für einen Spielfilm vier, fünf Jahre, allein für den Sound sechs Monate. Früher hat der eine Woche gedauert. Ich weiß: Woody Allen dreht bis heute jedes Jahr einen Film, aber ich habe keine Ahnung, wie er das schafft.

Sind Dokumentationen auch aufwendig?

Da ist man flexibler. Trotzdem hat es Sebastião zu lange gedauert. Immer wieder hat er gefragt: Seid ihr immer noch nicht fertig?

Im Film sagt Salgado, der Mensch sei ein fürchterliches Tier. Können Sie das nachvollziehen?

Er hat jedes Recht dazu. Wer sieht, was er gesehen hat, muss eine schlimme Meinung von der Menschheit bekommen. Es muss Momente gegeben haben, in denen Sebastião die Hoffnung verloren hat, dass der menschlichen Existenz irgendein Sinn innewohnen könnte.

Und dann hat er begonnen, auf der Farm seiner Eltern in Brasilien Bäume zu pflanzen ...

Diese Aktion hat sein Leben gerettet. Hätte er nicht entdeckt, dass der ausgetrocknete Boden auf der Farm seines Vaters in Brasilien noch nicht ganz tot ist, wäre er in ein tiefes Loch gefallen. Nach Ruanda war er als Fotograf am Ende. Er wusste, er würde so nicht weitermachen können. Dann kam er nach Brasilien und sah: Die Vögel waren weg, die Kühe hatten kein Gras mehr, Dürre überall. Aber es gab Hoffnung. Das Pflanzen der Bäume war ein Akt der Selbstverteidigung.

Interview: Stefan Stosch

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