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18:43 08.11.2013
Von Daniel Alexander Schacht
Foto: „Ich bin erfahren im Angegriffenwerden“:  Michael Verhoeven in Celle.
„Ich bin erfahren im Angegriffenwerden“:  Michael Verhoeven in Celle. Quelle: von Ditfurth
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Celle

Es ging nicht mit rechten Dingen zu – dabei ging es durchaus nach Recht und Gesetz.“ Als so paradox beschreibt Michael Verhoeven, was die wohl effizienteste Enteignung der Juden während der Nazi-Zeit war: der Raubzug der deutschen Steuerbehörden. „Unglaublich früh“ und mit deutscher Gründlichkeit hätten sich Finanzbeamte der Frage gewidmet, wie man sich jüdischen Besitzstand aneignet – vom Ausschlachten von Eigentumsverzeichnissen, die Juden in gutem Glauben anfertigten, über die „Judenvermögensabgabe“ nach der Reichspogromnacht am 9. November 1938, bis zur immer weiter verschärften „Reichsfluchtsteuer“.

Den „legalisierten Raub“ in einer Größenordnung von mehreren Milliarden Reichsmark schildert der Filmregisseur in seiner Dokumentation „Menschliches Versagen“, die er jetzt vor mehr als 100 Zuschauern in der Gedenkstätte Bergen-Belsen präsentiert hat. Das Thema hat unverhofft neue Aktualität erhalten. Nicht nur durch den Münchener Kunstfund, sondern auch durch die jetzt publizierten Berichte ausländischer Diplomaten darüber, wie gern Deutsche in der Reichspogromnacht vor 75 Jahren mitgemacht, davon profitiert und dazu gejubelt oder auch geschwiegen haben.

Dieses Schweigen hat Michael Verhoeven, der im selben Jahr geboren wurde, auch nach dem Ende der Nazi-Zeit noch erlebt. Über die jüngste Vergangenheit zu reden, sei in den fünfziger Jahren („ein verlängertes Drittes Reich“) praktisch tabu gewesen. „Das fiel mir als Jugendlichem besonders auf, denn in meiner Familie war das anders“, sagt er. „Mein Vater war ja Schauspieler und Regisseur, den die Amerikaner, sehr zum Unbehagen der CSU, zum Intendanten des Münchener Staatstheaters gemacht hatten – bei uns wurde am Mittagstisch alles diskutiert, jedes Essen war zugleich ein Kolloquium.“ Doch bei den Familien seiner Freunde kam beharrliches Fragen nicht immer gut an, vereinzelt habe er da sogar „Hausverbot“ bekommen. Und wie das Schweigen in diesen Elternhäusern störte ihn in der Schule auch das Reden vieler Lehrer über ihre Heldentaten als Landser. „Ich möchte mir das nicht anhören“, habe er einmal gesagt, sei aufgestanden und habe die Klasse verlassen.

Es ist wohl kein Zufall, dass gerade Verhoeven immer wieder die Nazi-Zeit zum Thema seiner Filme gemacht hat. Unter den mehr als 60 Kino- und Fernsehfilmen, in denen er – anfangs als Schauspieler, später meist als Regisseur – mitgewirkt hat, ist „Die weiße Rose“ ein Meilenstein. Darin hat vor 30 Jahren erstmals jener Ulrich Gerhard Scheurlen vor der Kamera gestanden, dem Verhoeven riet, sich einen Künstlernamen zuzulegen und der längst als Ulrich Tukur ein internationaler Star ist. „Das schreckliche Mädchen“ greift die Geschichte jener Anna Elisabeth Rosmus auf, die in Passau aneckt, weil sie allzu genau die örtliche Nazi-Vergangenheit ausforscht; sie ist vor bald 20 Jahren in die USA emigriert. Und in „Mutters Courage“ schildert Verhoeven die Kühnheit von Elsa Tabori, der Mutter des Schriftstellers und Regisseurs George Tabori, die 1944 in Budapest den SS-Schergen getrotzt hat.

Trotzdem, betont Verhoeven, sei er als Filmregisseur nicht auf die Nazi-Zeit fixiert. „Mich interessieren einfach Figuren, die aufstehen, sich gegen den Trend stellen, widersetzen.“ Das ist schon bei seinem Vietnamkriegsfilm „o.k.“ so, in dem ein Soldat sich weigert, bei einer Vergewaltigung mitzumachen – der Eklat um Verhoevens Beitrag zur Berlinale 1970 führt dazu, dass damals zum ersten und bisher einzigen Mal die Filmfeststpiele abgebrochen werden. „Ich bin erfahren im Angegriffenwerden“, sagt er rückblickend. Doch weder sei er ein Held, noch interessiere er sich in seinen Filmen für Ausnahmefiguren. „Viel spannender ist es doch, wie ganz normale Leute dazu kommen, gegen den Strom zu schwimmen – die Wendepunkte, an denen sie sich anders als die anderen entscheiden, interessieren mich.“ Das habe ihn auch an der „Weißen Rose“ gereizt, sagt der Ehemann von Senta Berger. „Senta hatte mir das Buch von Inge Aicher-Scholl geschenkt, und ich wollte verstehen, wie diese jungen Studenten, die nicht einem antifaschistischen Milieu von SPD oder KPD entstammen, zum Widerstand gelangt sind.“

Für die „Weiße Rose“ ist Verhoeven mit Preisen überhäuft worden. Dabei musste er auch diesen Film gegen Widerstände durchsetzen. „Die Familie Aicher-Scholl fürchtete zunächst eine Verkitschung, bei der Filmförderung habe ich fünfmal eine Abfuhr erhalten – mit dem Argument, das sei kein Stoff fürs Kino.“ Danach erst habe er einen Trendwechsel verspürt. „Bei den Dreharbeiten zum Anna-Rosmus-Film hat man mich in Passau geradezu einzuwickeln versucht.“ Doch das heiße nicht, dass Aufklärung von Nazi-Verbrechen nun stets gefördert werde. Für „Menschliches Versagen“ konnte Verhoeven die Recherchen des Historikers Wolfgang Dreßen nutzen. Der hat in Tausenden von Akten der Finanzdirektion Düsseldorf aus der Nazi-Zeit recherchiert – und teils in der Ausstellung „Deutsche verwerten jüdische Nachbarn“ dokumentiert. „Von ihm weiß ich“, sagt Verhoeven, „dass noch in diesem Jahrtausend Finanzakten zurückgehalten wurden, um Spuren der Nazi-Räuberei zu verwischen.“

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