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Kultur Regisseur Sönke Wortmann im Interview
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06:16 07.05.2012
Von Stefan Stosch
Sönke Wortmanns Film „Das Hochzeitsvideo“ startet kommende Woche. Quelle: dpa
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Hannover

Herr Wortmann, ist es üblich, dass Paare Videos von ihrer Hochzeit drehen lassen?

Absolut. Ich habe vor zehn Jahren geheiratet, da fing das an. Heute gehört ein Hochzeitsvideo einfach dazu. Das ist ein einmaliger Tag im Leben, und den lässt man sich gerne dokumentieren. Googeln Sie mal im Internet, da kriegen Sie jede Menge Angebote von sogenannten Profis, die diesen Job für Sie übernehmen.

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Das heißt also, dass auch von Ihrer Hochzeit ein Video existiert?

Leider nein, eine Trauzeugin hat zwar gefilmt, aber bis heute warte ich auf das Ergebnis. Ich hoffe sehr, dass ich das Video demnächst zum zehnjährigen Hochzeitstag nachgeliefert bekomme. Wahrscheinlich hängt die Verzögerung damit zusammen, dass sie so viel gedreht und dann nicht die Zeit gefunden hat, alles zusammenzuschneiden. Aber die muss sie sich jetzt mal nehmen!

Solche Hochzeitsaufnahmen könnten ja auch im Internet landen - was nicht unbedingt gewollt ist.

Kann passieren, aber wer sollte sich dafür interessieren? Es läuft ja hoffentlich nicht so viel schief bei der Trauung wie bei dem Paar in meinem Film, das in allerlei delikate Situationen gerät. Schwierig wird es nur bei Sexaufnahmen. Aber da muss man sagen: Wenn du nicht willst, dass ein Sexvideo von dir im Internet auftaucht, dreh kein Sexvideo.

Birgt die allgegenwärtige Filmerei nicht die Gefahr, dass man die Gegenwart, den Augenblick, weniger kostbar, weil wiederholbar, macht?

Da ist was dran. Es geht Romantik verloren. Ich selbst besitze kein Smartphone und keine Videokamera. Ich möchte die Bilder in der Erinnerung behalten, wie sie auf meiner inneren Festplatte abgespeichert sind. Aber da bin ich alte Schule.

Sie zeichnen in Ihrem Film ein eher konservatives Bild von der Ehe - vom wilden Junggesellenabschied über die Heirat in der Kirche bis zum Empfang im Schlosshotel ist alles dabei.

Da dürfen Sie jetzt nicht von den Kinofiguren auf die Haltung des Regisseurs rückschließen. Und außerdem: Die Braut bewertet diese ganzen Formalien ja auch negativ. Von ihr heißt es, sie hätte lieber in Hawaii am Strand geheiratet. Der ganze Behördenkram nervt sie.

Sie bringen alle drei Jahre einen Film heraus. Andere sind da schneller. Wieso lassen Sie sich so viel Zeit?

Fürs vergangene Jahrzehnt stimmt das: „Das Wunder von Bern“ kam 2003 raus, 2006 folgte „Deutschland. Ein Sommermärchen“, danach „Die Päpstin“ und jetzt das „Hochzeitsvideo“. Aber ich verfolge auch noch andere Projekte: Gerade habe ich am Berliner Grips-Theater Lutz Hübners Stück „Frau Müller muss weg“ inszeniert, und nun verfolge ich gleich zwei Filmideen. Ende des Jahres werde ich vermutlich wieder drehen, das ist aber noch nicht ganz spruchreif.

Wie haben Sie Ihre Schauspieler gefunden? Da sind echte Theaterstars dabei wie die Stuttgarterin Lisa Bitter als die Braut, aber im Kino kennt man die Darsteller kaum.

Die Besetzung ist dem Konzept geschuldet. Das lebt ja von einer gewissen Authentizität. Wenn Matthias Schweighöfer den Bräutigam gespielt hätte, hätte das nicht funktioniert. Theaterleute werden nicht nervös, wenn man mal vier Minuten am Stück dreht ohne jeden Schnitt. Sie halten die Spannung und bleiben im Timing.

Filmschauspieler können das nicht?

Lassen Sie es mich so sagen: Filmschauspieler, die eine gewisse Theatererfahrung haben, können das auch. Wer die nicht hat, kann es nicht so gut.

Es hieß, sie hätten im Geheimen gedreht. Wie haben Sie das bei einem so großen Mitarbeiterstab gemacht?

Wir wollten erst so tun, als würden wir mit Found-Footage-Material arbeiten - mit zufällig gefundenem Videomaterial. Davon sind wir schnell wieder abgekommen. Trotzdem haben wir das Projekt nicht an die große Glocke gehängt, um uns alle Möglichkeiten offenzuhalten.

Ihr Film wird als deutsche Antwort auf „Hangover“ und „Brautalarm“ beworben. Klingt nicht nach überschäumendem Selbstbewusstsein, sich an Hollywood ranzuhängen...

Marketingtechnisch ist das sinnvoll. Diese Filme kennen viele Zuschauer. Im Idealfall funktioniert es dann wie im Internet: Wenn Ihnen jenes Produkt gefallen hat, gefällt Ihnen auch dieses. Ich fand „Hangover“ übrigens super.

Aber muss man auf andere verweisen, um die eigenen Vorzüge zu betonen?

Keine Angst, Selbstvertrauen haben wir genug. Der deutsche Film findet heute viel Anerkennung - der Marktanteil liegt bei mehr als 20 Prozent. Von solchen Zahlen haben wir vor ein paar Jahren noch geträumt.

Da haben Sie auch persönlich geholfen: Sie haben in den Neunzigern Komödien-Aufbauarbeit geleistet.

Bei den erfolgreichsten deutschen Filmen liegen die Komödien jedenfalls vorn. Von Kritikern werden sie oft belächelt und beim Deutschen Filmpreis eher ignoriert. Kommerziell sind sie wichtig. Denken Sie an die Filme von Til Schweiger oder Matthias Schweighöfer.

Haben Sie nach dem „Sommermärchen“ bei der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 auch wieder etwas mit der bevorstehenden EM zu tun? Sitzen Sie in der Kabine bei Schweinsteiger und Co. und drehen Motivationsvideos für die Mannschaft?

Nee, ist auch nicht nötig. Da schließt sich der Kreis: Es gibt Leute beim DFB, die filmen selbst mit diesen kleinen Digitalkameras Videos. Die Nationalmannschaft braucht keinen Filmregisseur mehr. Und mancher Spieler zückt in der Kabine garantiert sein Smartphone. Die Bilder kann man sich dann auf der DFB-Homepage anschauen.

Okay, aber jetzt kommt ein Nationalspieler, will heiraten und fragt, ob Sie das Hochzeitsvideo drehen. Tun Sie ihm den Gefallen?

Eher nicht. Andererseits: Es kommt schon darauf an, wer heiratet.

Interview: Stefan Stosch

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