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Kultur Ramirez siegt bei Choreographenwettbewerb
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19:09 25.06.2012
„Nothing in Common“ hat einen der sieben begehrten Preise beim Internationalen Choreographenwettbewerb Hannover gewonnen. Quelle: Puppel
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Hannover

Rote Socken zieren die Füße von zwei spillrig dünnen Tänzern. Dazu tragen die beiden graumelierte Cardigans über schwarzem Trikot. Im Programmheft ist zu lesen, dass die Choreografie, die sie tanzen, „Nothing in Common“ heißt, dass sie also nichts gemeinsam hätten, und dass sie nach russischer Folklore tanzen würden.

Statt Babuschka-Fröhlichkeit hören wir aber erst mal nichts. Die Stille wird kurz von einem heftigen Wummern unterbrochen. Die roten Socken zwinkern sich zu, berühren sich, mal vorsichtig, mal rabiat und immer übermütig. Bei den Sockenträgern löst dies sonderbare Kopfbewegungen aus. Erst in den letzten zwei von insgesamt zehn Minuten, die Dzmitry Zalesski aus Weißrussland choreografiert hat, animiert ein freches, russisches Necklied das Duo zu ausgelassenen Sprüngen. Viel ließe sich noch zu diesem munteren, durchaus hintergründigen Tanzstückchen sagen. Aber das Wichtigste an diesem Abend im hannoverschen Theater am Aegi ist, dass „Nothing in Common“ einen der sieben begehrten Preise beim Internationalen Choreographenwettbewerb Hannover gewonnen hat. Und zwar den Kritikerpreis, 1500 Euro gibt es dafür.

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Das ist nicht gerade viel für drei junge Künstler, den Choreografen und die beiden Tänzer aus Weissrussland. Trotzdem haben sich auch in diesem Jahr 140 Choreografen beworben, um dabei sein zu können. Um gesehen zu werden, auf dass ihre Kunst gesehen werde. Nicht zuletzt auch von der Jury, die die weiteren Preise vergibt: Zu dieser zählen die Ballettdirektoren aus Basel, Braunschweig und Bielefeld sowie Christiane Winter, die Direktorin vom Tanztheater International, und vor allem Ed Wubbe, Direktor des Scapino Ballet Rotterdam, der seit Jahren diesen Choreografiewettbewerb mit Leidenschaft und untrüglichem Sachverstand prägt. Alles Menschen, deren Urteil in der Szene wichtig ist.

Wubbe hatte schon vor Wochen mit zwei Kollegen die 140 Bewerbungsvideos aus 42 (!) Ländern gesichtet und die 18 Teilnehmer ausgewählt, die am Wochenende zur Vorrunde antraten; zehn von ihnen bestritten wiederum am Sonntagabend das Finale. Besonders bedeutsam waren die Zuschauer, die über den Publikumspreis in Höhe von 1000 Euro bestimmten. Gestiftet hatte diesen einmal mehr ein Mitgliederehepaar der Ballettgesellschaft Hannover, die diesen Wettbewerb seit zweieinhalb Jahrzehnten ausrichtet. Der Preis ging an den aus Südfrankreich stammenden und in Berlin lebenden Sébastien Ramirez. Damit aber nicht genug: Für sein Duo „AP15“ erhielt Ramirez auch noch den ersten Preis der Expertenjury, der mit 6000 Euro dotiert ist.

Fachleute und ein Publikum, das eher seinem Bauchgefühl vertraut, waren sich einig: Hier wird die Uraltgeschichte einer Annäherung zwischen Mann und Frau frisch und wegweisend anders erzählt. Ramirez ist der virtuose Breakdancer, der sich die zarten und zärtlichen Bewegungen seiner Partnerin einzuverleiben sucht, die eine strenge Ballettausbildung hinter sich hat. Ramirez’ Nichtnurtanzpartnerin Hyun-Jung Wang, der bei der Preisvergabe Freudentränen über die Wangen liefen, ist in Berlin aufgewachsene Tänzerin mit koreanischen Wurzeln. In ihrem Körper schlummern noch die feingliedrigen Tempeltänze der elterlichen Heimat. Und eben die werden virulent, wenn sie ihrerseits die Härte der Breakdancemoves ihres Partners aufgreift, um sie in etwas völlig Neues zu verwandeln. Das sind 13 hinreißende Multikulti-Minuten.

Für Fans und solche, die es werden wollen: Beim Tanztheater International Hannover in den ersten Septembertagen darf man beide erleben. Mit zwei anderen Choreografien.

Zwei Preise erhielt auch die taiwanesische Choreografin Fang-Yu Shen mit ihrem „Countless in Reversing Gear“: Zwei Tänzerinnen und ein Tänzer erzählen keine Beziehungskiste zu dritt, sondern davon, was innerste Gefühle aus kleinsten Bewegungen machen. Flatternde Füße, gespreizte, geballte und gelöste Finger, alles sucht Ausdruck. Für diese offene und hoffnungsvolle Geschichte gab es außer dem zweiten Preis (3000 Euro) zusätzlich den Scapino-Produktionspreis. Fang-Yu Shen darf mit Tänzern von Ed Wubbes Scapino-Compagnie eine neue Choreografie erarbeiten.

Fang-Yu Shen unterstrich ihre feinsinnige Bewegungsstudie unter anderem mit einer Komposition von Max Richter. Digitale Klänge verschmelzen mit kammermusikalischen Instrumenten. Immer wieder kristallisieren sich beim Choreographenwettbewerb Lieblingskomponisten heraus. Was vor einigen Jahren Arvo Pärt oder Phil Glass waren, ist heute Alva Noto (dahinter verbirgt sich der Berliner Künstler Carsten Nicolai), dessen elektronischer Sound unter anderem die Choreografie von Sébastien Ramirez mitprägte, und eben Max Richter, der gleich drei Mal als musikalischer Impuls eingesetzt war - auch bei der Choreografie „Project # 1“ des Schotten Kenneth Tindall, dem Juror Yohan Stegli, der Ballettmeister des von John Neumeier frisch gegründeten Bundesjugendballetts, den sogenannten Produktionspreis zuerkannte.

Das ist ein neuer, hochwillkommener Preis für die zeitgenössische Tanzszene und den herausragenden Kenneth Tindall, der mit seinem Northern Ballet in Leeds beheimatet ist. Er hat mit seinen sechs Tänzern eine hochprofessionelle Arbeit abgeliefert: klinisch-akkurate Versuchsanordnungen gliedern und beleben den Raum gleich dem Inneren eines Uhrwerks.

Wie in den Vorjahren durften die Tanzstücke maximal 15 Minuten lang sein, und die, die sie entwickelten, nicht älter als 35 Jahre. Und um den Ansprüchen von Ed Wubbe und seinen Fachkollegen zu genügen, mussten die Choreografien mehrfach überraschen: Sie mussten den Raum und die Zeit dramaturgisch sinnvoll nutzen. Die geforderte Phantasie war bei dieser 26. Ausgabe des Choreographenwettbewerbs üppig vorhanden, das Publikum äußerst heiter. Und die Künstler? Sébastien Ramirez sagt: „It’s a dope“. Wirkung: bis zum nächsten Jahr.

Alexandra Glanz

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