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Kultur Raketenfritz und die rasende Katze
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00:16 03.01.2015
Georg Ruppelt ist Leiter der Leibniz-Bibilothek. Quelle: Michael Thomas
Hannover

Orgien kulinarischer und bacchantischer Art im Raumschiff? Für den Dichter Paul Scheerbart Ende des 19. Jahrhunderts kein Problem! Doch nähern wir uns dem Thema Raumfahrt in älterer Literatur zunächst lieber auf einer etwas seriöseren Umlaufbahn.

Kurzgeschichten, Romane, Filme, Computer-Spiele, die von Abenteuern im Weltraum und/oder von fernen Planeten handeln, gibt es seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts ohne Zahl. Ihr Erfolg hält auch in der Gegenwart an, wie etwa der großartige Kinohit „Interstellar“ im zu Ende gehenden Jahr gezeigt hat. Doch schon Jahrzehnte bevor eine Rakete 1957 den ersten Sputnik in den Weltraum trug, hatte sich die Literatur der Thematik angenommen.

Seit den Zwanzigerjahren des 20. Jahrhunderts machten Raketenpioniere durch Publikationen wie etwa in der Zeitschrift „Die Rakete“ des Vereins für Raumschiffahrt ihre Ideen populär. Noch mehr Aufmerksamkeit erregten Geschwindigkeitsrekorde mit Raketenfahrzeugen. Am 23. Juni 1928 fanden mit Genehmigung der Reichsbahn auf der „Schnellbahnversuchsstrecke“ zwischen Langenhagen und Celle bei Burgwedel gleich zwei Versuche in Gegenwart Fritz von Opels („Raketenfritz“) und Tausender Schaulustiger statt. Der zweite Versuch, bei dem das Fahrzeug mit einer Katze besetzt worden war, knackte den bestehenden Geschwindigkeitsrekord mit 256 Kilometern pro Stunde, doch das Gefährt explodierte mitsamt der armen Katze. Nicht glücklich verliefen auch zwei geplante Versuche wenige Wochen später. Das erste Fahrzeug explodierte wiederum; einen weiteren Versuch untersagten die Behörden aus Sicherheitsgründen, denn rund 20 000 Menschen wollten das Spektakel sehen. In der Zeitschrift „Heimatland“ des Heimatbundes Niedersachsen (Heft 3/2008) kann man die damaligen Vorgänge anhand eines ausführlichen Berichtes von Matthias Blazek verfolgen.

An den Tests war neben von Opel der Maschinenbauingenieur und Unternehmer Friedrich Wilhelm Sander (1885-1938) aus Wesermünde in großem Stil beteiligt - ein von den Möglichkeiten der an sich nicht neuen Rückstoßtechnik geradezu Besessener und als „Raketen-Sander“ weltweit berühmt. Der Dritte im Bunde war der wagemutige Raketenpionier und erfolgreiche Sachbuch- und Science-Fiction-Autor Max Valier. Am 17. Mai 1930 tötete bei der Explosion eines Raketentriebwerks ein Metallsplitter den 35-jährigen Südtiroler; er gilt als das erste Opfer der Raumfahrtgeschichte.

Bereits 1934 hatte der populäre Schriftsteller Hans Dominik folgendes Szenario für eine raketenbasierte Zukunft entworfen: Die USA hätten 1975 nach einem Raketenangriff auf Japan die endgültige Vorherrschaft über den Pazifischen Ozean erlangt. Dies sei aber der einzige Einsatz von Raketen als Kriegsmittel geblieben. Die Raketenbedrohung, der sich die Völker ausgesetzt sahen, hätte zu einer dauernden Befriedung geführt.

Interessanterweise greift Dominik damit eine Argumentation auf, die die berühmte Pazifistin Bertha von Suttner bereits 1909 als Voraussetzung für einen dauerhaften Weltfrieden in einer Zukunftsvision verwandt hatte. Ein Redner im Jahr 2010 äußert sich nach Suttner wie folgt: „Wir sind im Besitze von so gewaltigen Vernichtungskräften, dass jeder von zwei Gegnern geführte Kampf nur Doppelselbstmord wäre. Wenn man mit einem Druck auf den Knopf (1909!) auf jede beliebige Distanz hin jede beliebige Menschen- oder Häusermasse pulverisieren kann, so weiß ich nicht, nach welchen taktischen und strategischen Regeln man noch ein Völkerduell austragen könnte.“

Zurück zu Hans Dominik im Jahr 1934. Für 1980 sieht er einen regelmäßigen Raketen-Postverkehr zwischen Europa und Nordamerika voraus (Flugdauer 10 bis 20 Minuten), für 1990 den Personenverkehr in 30 Minuten. Um 2050 habe man atomgetriebene Raketen und damit die Voraussetzung für die Weltraumfahrt geschaffen; 2061 sei die Menschheit auf dem Mond, 2065 auf der Venus gelandet. Nicht gelungen sei der Versuch, das eigene Sonnensystem zu verlassen, da die Mannschaften mit schweren geistigen und körperlichen Schäden zurückgekehrt seien.

Doch schon lange vor dieser Raketenbegeisterung flogen Autoren in ihren Romanen durch das Weltall - etwa die Begründer der Literaturgattung Science Fiction Jules Verne, H. G. Wells und Kurt Laßwitz. Verne ließ in „Von der Erde zum Mond“ 1865 ein riesiges Geschütz eine recht gemütlich bewohnbare Kapsel auf den Mond abfeuern. Bei Wells benutzten 1897 in „Krieg der Welten“ die Marsianer ebenfalls Geschosse, und bei Laßwitz gelangten im selben Jahr in dem Roman „Auf zwei Planeten“ seine „Martier“ zur Erde, weil sie in der Lage waren, die Schwerkraft zu manipulieren.

Geschosse auch für den Nahverkehr sah der Bestsellerautor und Ingenieur Heinrich Seidel („Leberecht Hühnchen“), der in Hannover studiert hatte, für das Jahr 1984 voraus. Er schrieb 1895 darüber, wie man sich in 100 Jahren die Überwindung des Ärmelkanals vorstellen könne: „Der Passagier legt sich in eine Art ausgepolsterter Granate und wird dann aus einem ungeheuren langen Kanonenrohr vermittelst einer langsam wirkenden Sorte von Pulver - damit zu Anfang kein Stoß eintritt und die nöthige Geschwindigkeit erst allmählich erreicht wird - über den Kanal geschossen und auf der anderen Seite durch einen höchst sinnreichen Mechanismus sehr sanft aufgefangen. Auf größeren Strecken bewährt die Sache sich nicht, weil wegen der geringen Rasanz der Flugbahn das Geschoß auf der Mitte des Weges in eine zu große Höhe gelangen würde, woselbst wegen der starken Kälte und der Dünnflüssigkeit der Luft die Passagiere zu Grunde gehen.“

Um solche unwesentlichen Kleinigkeiten kümmerte sich die „Wein- und Weltraumphantasie“ „Na Prost!“ von Paul Scheerbart (1863-1915) aus dem Jahr 1898 rein gar nicht. In seinem Roman haben sich in einer 10 000 Jahre entfernten Zukunft drei asiatische Germanisten vor dem bevorstehenden Zusammenstoß der Erde mit einem metallenen Kometen in ein Raumschiff retten können, das die Form einer achtkantigen Flasche hat - für Kenner des Kubrick-Films „2001“ keine Überraschung, weil sie um die Bedeutungslosigkeit der Form für die Fortbewegung im Weltraum wissen.

Im Raumschiff sind die drei bestens versorgt: Es gibt meterlange Zigarren, Ural-Kaviar, „ausgenommene Schal- thiere“, eingepökelte Gebirgsschnecken, gedörrte Lachsforellen, Räucherfische, „Hühner in Eiweiss“, „Semmel aus Celebes“, „Austern in Steinröhren“, „Känguruh-Schinken“, 100 Schnapssorten und viel „Narrenwein“, dem die Raumfahrer kräftig zusprechen. Am Schluss ihrer Orgien fügen sie dem Wein etwas „Katergift“ bei, das sie vor den unangenehmen Folgen ihrer Gelage bewahrt. Von dem Drang nach der Befriedigung anderer Bedürfnisse befreit sie der „Gürtel der Enthaltsamkeit“.

Für Ihre Unterhaltung sorgen viele Bücher und Handschriften, „die in jener deutschen Sprache gedruckt und geschrieben, einst vor mehr als zehntausend Jahren ganz Europa beherrschte“.

Am Ende des Romans haben die drei die Freude an den Orgien verloren und denken, sprechen aber nicht mehr:

„Das Letzte wollen sie erfassen. Aber im unendlichen Raum giebt es ein Letztes - nicht!

Na Prost!“

Unser Autor Georg Ruppelt ist Leiter der Leibniz-Bibliothek Hannover.

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