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Kultur Radiophilharmonie stellt Programm für kommende Saison vor
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19:28 26.04.2013
Von Stefan Arndt
Mehr Oper und mehr Kinder: Der scheidende Chefdirigent der Radiophilharmonie, Eivind Gullberg Jensen. Quelle: Insa Cathérine Hagemann
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Hannover

Das Programm ist voll. Randvoll. Und doch immer noch nicht ausreichend. „Eine halbe Stunde Konzert mehr, und wir hätten die Tarifbestimmungen für unsere Musiker nicht mehr einhalten können“, erklärt NDR Abteilungsleiter Matthias Ilkenhans die Kapazitätsgrenzen des Orchesters. Das Publikum dagegen hätte diese Kapazitäten durchaus: Wer ein Abonnement für die kommende Saison abschließen will, muss sich jetzt ernsthaft beeilen, und selbst für Einzelkarten sollte man Wartezeiten an der Kasse einplanen.

Entgegen der (angeblichen) Krise der Klassik ist die Popularität der Radiophilharmonie so groß wie nie. Und das Programm der kommenden Spielzeit liefert dafür Gründe genug. Zum Auftakt wechselt das Orchester Spielort und Genre: Im Kuppelsaal dirigiert Chefdirigent Gullberg Jensen Wagners „Fliegenden Holländer“ in einer luxuriösen Sängerbesetzung, unter anderem mit dem Bassisten Matti Salminen. Wagner setzt einen Schwerpunkt in der neuen Spielzeit, eine „Ring“-Zusammenfassung, ein „Götterdämmerung“-Extrat (im Rahmen der Niedersächsischen Musiktage) und eine Gala in Zusammenarbeit mit dem Richard-Wagner-Verband komplettieren das Angebot.

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Warum spielt ein Sinfonieorchester den Opernkomponisten Wagner? Für Radiophilharmoniechef Eivind Gullberg Jensen stellt sich diese Frage gar nicht: „Es hätte auch Verdi sein können“, sagt er mit unschuldigem norwegischen Akzent, „aber Wagner ist einfach ein bisschen deutscher.“ Ansonsten geht es international zu in Ring A und Ring C, den Reihen mit großer Sinfonik. Auf dem Programm stehen dort unter anderem Strawinskys „Sacre“, César Francks d-Moll-Sinfonie, Bernsteins Tänze aus der „West Side Story“ und die Uraufführung eines Konzertes für zwei Klaviere des in der Türkei wegen Beleidigung des Islam verfolgten Pianisten und Komponisten Fazil Say. Brahms ist mit der Orchesterfassung seiner Klavierquintetts und dem ersten Klavierkonzert vertreten, dazu kommen Bruckner, Beethoven, Sibelius und Richard Strauss. Solisten sind die Pianisten Tzimon Barto, Gabriela Montero und Jonathan Biss, außerdem sind Schlagzeuger Martin Grubinger, Cellist Alban Gerhardt und die Geigerin Midori zu Gast. Ehrendirigent Eiji Oue kehrt für zwei Konzerte und eine Tournee zurück, daneben dirigieren der Chef der Züricher Tonhalle, Lionel Bringuier, der Finne Arvo Volmer und der erst 20-jährige Venezolaner Ilyich Rivas. Im Übrigen werden die bewährten Reihen fortgesetzt.

Im Ring U gibt es unter anderem ein Filmkonzert mit Frank Strobel, beim Weihnachtskonzert singen Mädchen- und Brahms-Chor neben Lucia Aliberti. Dominique Horwitz und die NDR Bigband sind im Ring Pops zu erleben, während der Ring Barock ein Wiederhören mit dem hannoverschen Alte-Musik-Pionier Lajos Rovatkay und einen Auftritt des Trompeters Reinhold Friedrich bringt. Roger Willemsen wird „Klassik Extra“ moderieren, und auch die höchst erfolgreichen Kinderprogramme werden wie gewohnt fortgesetzt. Gastspielreisen führen das Orchester dagegen in neue Welten: In der neuen Saison geht es außer nach China und Japan sogar erstmals nach Süddeutschland!

„Macht interessiert mich nicht“

Der scheidende Chefdirigent der Radiophilharmonie, Eivind Gullberg Jensen, über nahe und ferne Zukunftpläne.

Herr Gullberg Jensen, die kommende Saison wird Ihre letzte als Chefdirigent in Hannover sein.Was planen Sie danach?
Ich bin immer sehr interessiert an neuem Repertoire. In den vergangenen Jahren konnte ich sehr viele große sinfonische Werke dirigieren. Langfristig reizt mich also vor allem der Bereich Oper. Ich möchte mir aber für diese Entwicklung Zeit nehmen und werde nicht direkt im Anschluss an Hannover eine neue Chefposition antreten.

Haben Sie schon eine ungefähre Vorstellung, wohin es gehen könnte?
Ja, ich hatte schon verschiedene Angebote, und auch jetzt gibt es Interesse von verschiedenen Seiten. Aber ich will es wirklich langsamer angehen lassen. Ich habe zuletzt sehr viel gearbeitet und möchte künftig Privates und Berufliches besser verbinden. Eine Trennung habe ich schon hinter mir, jetzt möchte ich es besser machen. Schließlich kommt bald auch ein Kind – mein drittes!

Was haben Sie gesagt, als Sir Simon Rattle angekündigt hat, dass er als Chefdirigent bei den Berliner Philharmonikern aufhören wird?
Ich habe mir natürlich die Saison 2018/19 komplett freigehalten. Nein, im Ernst: Das war eine kluge Entscheidung von ihm. Es gibt auf so einem Niveau immer Spannungen zwischen Orchestern und Dirigenten. So kann er dem gelassen aus dem Weg gehen. Er war ja sehr erfolgreich und hat viel Neues mit dem Orchester entwickelt.

Sie haben die Berliner Philharmoniker auch schon geleitet. Würden Sie Ja sagen, wenn man Sie fragt?
Bis jetzt hat nur ein Dirigent diesen Job je abgelehnt: Das war Carlos Kleiber. Ich werde aber ganz sicher kein Angebot bekommen. Die spannende Frage ist eher, ob es ein Dirigent aus meiner Generation sein wird oder jemand Älteres.

Es gibt ja eine ganze Reihe von jüngeren Dirigenten, die für alle möglichen großen Stellen gehandelt werden. Kennt man sich eigentlich untereinander? Gibt es Konkurrenz?
Ich kenne einige Dirigenten, die die tollsten Orchester dirigieren und trotzdem verbittert sind, weil sie nicht die richtige Chefposition bekommen haben. Ich bin nicht neidisch, wenn ein Kollege eine gute Stelle bekommt: Es ist für mich nicht so wichtig, Chef zu sein. Zumindest der Teil, der mit Macht zu tun hat, interessiert mich nicht. Schön ist allerdings, dass man als Chef seine eigenen Programme und Solisten durchsetzen kann.

Hat das hier in Hannover bisher gut geklappt?
Ich konnte viele Projekte tatsächlich auch verwirklichen. Das ist keine Selbstverständlichkeit. Ich wurde und werde hier sehr unterstützt. Lange war es ja üblich, dass die großen Solisten und Programme für das NDR Sinfonieorchester in Hamburg reserviert waren – und nicht für die Radiophilharmonie in Hannover. Das hat sich ganz klar geändert. Es musste sich ändern: Das Publikum in Hannover ist schließlich so anhänglich und begeisterungsfähig, wie man es kaum in Deutschland findet. Es hat die allerbesten Konzerte verdient.

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