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16:23 15.01.2016
Von Daniel Alexander Schacht
Ilja Trojanow (links) und Moderator Alexander Kosenina.
Ilja Trojanow (links) und Moderator Alexander Kosenina. Quelle: Philipp von Ditfurth
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Hannover

Dass Ilija Trojanow einen weiten Horizont hat, weiß man in Hannover schon. Schließlich war der in Bulgarien geborene, als Kind mit seinen Eltern nach Deutschland geflohene und schon lange in Wien lebende Schriftsteller zwei Jahre lang Gastgeber des sonntäglichen Matineegesprächs „Weltausstellung Prinzenstraße“ im Schauspielhaus. Genauso großer Andrang wie dort herrschte jetzt bei seinem Auftritt in der Buchhandlung Decius, und dort konnte man sehen, dass Trojanow ein Vortragender mit schauspielerischen Qualitäten ist. Mit schwacher, düsterer Stimme gibt er den Konstantin, mit knödelndem Dröhnen den Metodi.

Konstantin und Metodi, das sind die beiden Leitfiguren seines Romans „Macht und Widerstand“ (Fischer, 408 Seiten, 24,99 Euro). Wer hinter diesem wuchtigen Titel Gewichtiges erwartet, liegt richtig und falsch zugleich. Falsch, weil Trojanow hier keinen Essay über politische Systeme vorlegt, und richtig, weil er statt dessen den Auswirkungen solcher Systeme auf die Mentalitäten nachspürt. Konstantin ist ein Idealist, der für seine Überzeugungen eintritt und alle Scheußlichkeiten der bulgarischen Diktatur erlebt. Metodi ist ein Karrierist, der im Apparat aufsteigt - und nach der Wende in einer Oligarchenvilla lebt, während Konstantin im 14. Stockwerk eines Plattenbaus haust.

Ein Roman über Bulgarien? Trojanow verneint die Frage des Moderators Alexander Košenina lächelnd. Für ihn sei der Epochenwechsel von 1989 zwar Anlass gewesen, in seinem Geburtsland zu recherchieren. „Aber für mich ist Bulgarien nur ein Beispiel dafür, wozu Menschen unter autoritären Bedingungen imstande sind und wie sie sich dafür so ihre Rechtfertigungen zurechtlegen.“ Dabei seien sich Konstantin und Metodi - „Männer, die alle Quittungen des Lebens aufbewahrt haben“ - näher als sie dies selbst wahrhaben wollten. Es gehe um jene Lebenslügen, von denen kein hierarchisches Verhältnis frei sei.

Das gefällt seinem Publikum so sehr, dass sich die Warteschlange derer, die sich „Macht und Widerstand“ signieren lassen wollen, durch die ganze Buchhandlung zieht.

Ronald Meyer-Arlt 18.01.2016
17.01.2016