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Psychotherapeut Hinderk Emrich zu Michael Jacksons Leben
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Psychotherapeut Hinderk Emrich zu Michael Jacksons Leben
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11:18 02.07.2009

Psychotherapeut Hinderk Emrich Quelle: Decker
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Herr Emrich, Michael Jackson ist ein Held unserer Gegenwart gewesen. Sehen Sie eine Verbindung zu einem Helden des mythischen Altertums, dessen Taten den Normalsterblichen entrückt waren? Was bedeutet es in unserem massenmedialen Zeitalter, Idol oder Ikone zu sein?

Viel von dem, was wir heute bei großen Pop- oder Rockkonzerten erleben, erinnert an das Amphitheater. Heute haben wir eine Wiederauflage dieses Phänomens in Form der Inszenierungen in den Popkathedralen und in den Kinos. Die große mediale Wirkung der Popmusik kommt dadurch zustande, dass sie die direkteste Aussage der Volkspsyche ist. Und Michael Jackson ist der höchste ­Superstar, den man sich überhaupt vorstellen kann, er wurde aus dem Nichts ins Weltall geschleudert. Um Star zu werden und zu bleiben, ist ein Kultus nötig, der sich immer stärker steigert. Das hat parareligiöse Züge.

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Mit der Enthobenheit geht offenbar notwendig tiefste Einsamkeit einher.

Totale Einsamkeit, tiefe Verzweiflung und Resignation sind hier tatsächlich fast unausweichlich, und das führt dann oft ins Drogenbad. Man spricht in der Drogenforschung von der „Geborgenheit in der Droge“. Diese Geborgenheit in der Droge ist notwendig, um überhaupt diese Einsamkeit auszuhalten, weil es ja gar keine normale Beziehung mehr geben kann. Denn wenn es sie gäbe, wäre der Kultus zerstört, wäre die Idolhaftigkeit aufgehoben. Ein volksnahes Idol muss immer gleichzeitig entrückt sein.

Kennen Sie Beispiele aus der Geschichte, wo das Emporgehobenwerden zu Krankheit und Tragödie führte?

Marilyn Monroe ist ein krasses Beispiel und vielleicht Franz Liszt. Dieser genoss auch einen unfassbaren Kultstatus. Er war eine Ikone der Romantik, völlig abgehoben, und löste Massenhysterie aus. Auch Liszt war ganz einsam und isoliert. Er versuchte, Priester zu werden, um irgendwie mit seiner Besonderheit fertig zu werden.

Michael Jackson hat sich dagegen in ein „Neverland“ manövriert. Er war am Ende weder schwarz noch weiß, weder männlich noch weiblich, und – was sich auf unheimliche Weise in dem „Thriller“-Video 1982 schon ankündigte – auch zwischen lebendig und tot. Welchen Trieb sehen Sie hier am Werk?

Ich denke hier an Sigmund Freuds „Todestrieb“. Dieser Trieb hat nicht so sehr mit dem realen oder physischen Tod zu tun. Freud bringt den Todestrieb an einer Stelle mit dem Nirwana-Bewusstsein in Verbindung, der Auflösung des Ichbewusstseins. Auch Michael Jackson hat nicht unbedingt den physischen Tod gesucht, sondern er wollte – und das finde ich an ihm so aufregend – in keiner Weise festlegbar sein. Seine geistige, seelische Verfasstheit ist das Schweben. Es ging gar nicht so sehr um den Tod, sondern um die Verewigung. Dass Menschen jetzt so tief betroffen sind, zeugt davon, dass ihm das gelungen ist. Auch Elvis Presley ist verewigt, allerdings durch die unglaublich geniale Kraft seiner Erscheinung und Musik. Bei Michael Jackson gehörte es dagegen zu seinem Existenz- und ­Daseinsprinzip schlechthin, dass er sich verewigen wollte. Der Preis für so eine Persönlichkeitsverfassung ist allerdings ein enormer Leidensdruck. Der dänische Philosoph Søren Kierkegaard hat das in seinem Werk „Die Krankheit zum Tode“ sehr klar beschrieben. Es gibt Persönlichkeiten, die gar nicht anders können, als zu zweifeln und zu verzweifeln.

Nach Jacksons Tod wurde bekannt, dass er unter seinen Kleidern eine Unzahl von Narben und Wunden verbarg. Hat Jackson die Messer der Chirurgen als autoaggressive Werkzeuge benutzt?

Wenn Sie sich diese Nase anschauen, die ja x-mal operiert worden ist und dann immer kleiner wurde, dann ist das ja wie ein Schnitzen. Es ist nicht nur eine Selbstbeschädigung. Hier legte ein Künstler Hand an sich und schnitzte seinen Körper zurecht.

Meinen Sie, er ist ein Pionier eines neuen Zeitalters, wo man als Mensch mehr schnitzend mit sich selber umgeht?

Ja, er ist eine Kulturgestalt der achtziger und neunziger Jahre. Auf dem Höhepunkt der Cyberspacebegeisterung wurde der Körper als eine Art Interface angesehen, als Schnittstelle zwischen virtueller und physischer Welt. Der Künstler Stelarc hat seinen ganzen Körper künstlich umgebaut. Dieser Stelarc-Kultur ist auch Michael Jackson zuzurechnen, auch wenn ihm das wahrscheinlich gar nicht so klar bewusst war. In diesem Kontext geht es nicht um Selbstverwirklichung, der Körper wird vielmehr als ein Kraftfeld gesehen, in dem man neue Wirklichkeiten schaffen kann.

Allerdings setzt die Physis mitunter enge Limits, eine Nase fällt ab, das Schnitzwerk verunglückt.

Gott sei Dank ist das so. Stellen Sie sich vor, es wäre anders.

Sollte man die gefährdeten Superstars nicht karitativ stärker auffangen, so lange sie noch leben? Britney Spears, Amy Winehouse – es gibt ja viele öffentlich Leidende.

Ich habe das versucht. In meiner Praxis saßen Weltstars, deren Namen ich aber nicht nennen kann. Es ist eine gigantische Aufgabe für einen Psychotherapeuten, mit solchen Persönlichkeiten zu arbeiten. Für diese Menschen ist das eigene seelische Wohlergehen nicht so wichtig wie die ikonische Zukunft. Im Grunde wollen sie keine Therapie, sondern Coaching. Ein Schauspieler, der gerade dabei war, ein Weltstar zu werden, sagte mir ganz klar: Herr Emrich, wenn die Kamera angeht, dann fange ich überhaupt erst an, ein Mensch zu werden. Können Sie mir durch Ihre Therapie ein Leben verschaffen, bei dem ich immer ein Mensch bin? Ich sagte, dass das ginge, aber er sich dann wahrscheinlich nicht mehr gesteigert wahrnehmen und vor der Kamera nicht mehr diese Ausstrahlung haben würde. Er sagte, er wolle dann lieber keine Therapie, nur Ratschläge. Ich hätte auch Michael Jackson gern therapiert oder Britney Spears.

Was würden Sie Britney Spears raten?

Eine neuropharmakologische Behandlung wäre wichtig gewesen. Diese ist bei uns auf sehr hohem Stand. Das hätte die Sängerin psychisch stabilisiert und die Voraussetzung geschaffen, die Drogenprobleme in den Griff zu bekommen. Aber ich fürchte, nun ist es bei ihr zu spät. Sie ist schon weitgehend zerstört. Bei Harald Juhnke, den ich behandelt und sehr gemocht habe, war das Traurige, dass systematisches Arbeiten mit ihm einfach nicht möglich war. Manchmal juckt es mich immer noch in den Fingern und ich denke mir, man müsste eigentlich anrufen und Hilfe anbieten.

Interview: Johanna Di Blasi