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Kultur Privatsphäre im Netz war gestern
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08:04 05.11.2012
Von Johanna Di Blasi
Selbstdarstellung: Evan Badens Foto-Kunstwerk „Emily“ aus dem Jahr 2010, zu sehen in der Frankfurter Schirn.
Frankfurt

Der Telefongigant Telefonica würzte den O2-Börsengang vor wenigen Tagen mit einer Ankündigung, die Datenschützer besorgt aufhorchen ließ. Der Konzern möchte Bewegungs- und Aufenthaltsdaten seiner Kunden – in Deutschland sind es rund 25 Millionen Menschen – an die Werbeindustrie verkaufen. Die Werbebranche hat ein lebhaftes Interesse an nicht anonymisierten Kundendaten. Sie möchte wissen, welche Person welchen Alters und Geschlechts wann wo unterwegs ist – und wo potenzielle Kunden zu Hause sind oder arbeiten.

Welche Präferenzen wir hegen, ob wir bei Kosmetikprodukten schwach werden, bei IT-Angeboten oder bei Reisen  zuschlagen, legen wir selbst offen – mit unserem Surf- und Klickverhalten im Internet. Und immer mehr Menschen offerieren private Details in sozialen Netzwerken. Die radikale Transparenzkultur unserer Gegenwart lässt fast sentimental auf die Zeit zurückschauen, als Agenten umständlich Abhörwanzen in Damenhandtaschen oder Telefonhörer einschmuggelten, um Menschen „abzuhören“. Inzwischen verwanzen wir uns selbst – und genießen es womöglich sogar, umfassend verschaltet, vernetzt und verdatet zu sein.

Dem Strukturwandel von Privat und Öffentlich begegnen Gegenwartsdiagnostiker mit einer wachsenden Zahl an Publikationen. Mit dem aktuellen Buch des Berliner Autors und Bloggers Christian Heller, „Post Privacy: Prima leben ohne Privatsphäre“ (C. H. Beck, 174 Seiten, 12,95 Euro), liegt nun auch so etwas wie ein Ratgeber für das Leben in der fortgeschrittenen Transparenzgesellschaft vor. Nach Hellers Einschätzung ist mit Google Street View, Facebook & Co. die Privatsphäre als persönlicher Schutzraum praktisch gestorben. Nun gehe es darum, wie wir unser Leben ohne die Sicherheiten der Privatsphäre lebenswert machen können.

Einige Aufmerksamkeit erhielt der Philosoph und Medienwissenschaftler Byung-Chul Han mit seiner Anfang des Jahres erschienenen Streitschrift „Transparenzgesellschaft“ (Matthes und Seitz, 91 Seiten, 10 Euro). Totaldurchleuchtung, wie sie sich etwa in medialen Hetzjagden auf Politiker zeigt, nennt der Medienforscher „pornografisch“ und „totalitär“. Die forcierte Enthüllungskultur sei Ausdruck einer „besonderen Art seelischen Burn-outs“.

Als vom Aussterben bedroht gilt die Privatsphäre nicht erst seit dem Facebook-Zeitalter. Die Philosophin Hannah Arendt beobachtete 1958, „dass das Absterben des Öffentlichen von einer radikalen Bedrohung des Privaten begleitet ist“ und eine „wirkliche Enteignung“ bedeute, eine Gefahr „für das Menschsein überhaupt“. Kein Teil der uns gemeinsamen Welt werde nämlich „so dringend und vordringlich von uns benötigt wie das kleine Stück Welt, das uns gehört“.

Ein Jahr nach Arendts Überlegungen zum Schwund der Privatsphäre filmte der amerikanische Regisseur und Künstler Stan Brakhage die Geburt seines ersten Kindes und machte die intimen Szenen öffentlich. Der Film läuft in einer gerade in der Frankfurter Schirn Kunsthalle eröffneten Themenschau mit dem Titel „Privat“, die sich ausdrücklich der „radikalen Auflösung der Privatsphäre und dem Weg in die Post-Privacy“ widmet und Werke unter anderem von Andy Warhol, Tracey Emin, Nan Goldin, Sophie Calle, Ai Weiwei und Mark Wallinger enthält.

Privat versus Öffentlich kann sowohl als private Wirtschaft versus öffentliche Politik als auch als private Sexualität versus öffentliche Moral aufgefasst werden. Eine sich als progressiv verstehende Künstlerschaft konnte in den sechziger und siebziger Jahren die Veröffentlichung des Intimen als emanzipatorisches Mittel gegen (bürgerliche) Heuchelei ansehen. Das Motto lautete: „Das Private ist politisch“. Eine neue Brisanz erhält das Thema im gegenwärtigen China. Unter totalitären Vorzeichen kann es paradoxerweise ein Schutz sein, keine Privatsphäre zu haben, wie das Beispiel des Pekinger Künstlers, Regimekritikers und Bloggers Ai Weiwei zeigt.

Doch die paradoxe Logik beschränkt sich heute nicht auf totalitäre Staaten. Auch demokratische Gesellschaften würden von „Visionen der totalen Kontrolle und Entblößung heimgesucht, antiutopischen Visionen der Orwell’schen Art“, schreibt der Philosoph Boris Groys im Katalog zur Frankfurter Ausstellung. Wie aber lässt sich unter solchen Bedingungen Privates schützen? Nur, indem man es entblößt und gleichzeitig versucht, den Prozess der Bekanntmachung zu kontrollieren. Übertragen auf ein konkretes Beispiel: Hätte der frühere Bundespräsident Wulff frühzeitig Details aus seinem Leben preisgegeben, wäre er womöglich noch im Amt.

„Privat“ ist bis zum 3. Februar in der Schirn Kunsthalle in Frankfurt zu sehen. Der Katalog kostet 27,80 Euro. Informationen unter (069) 2 99 88 20.

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