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Kultur Von Batman zu Birdman
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00:15 29.08.2014
Von Stefan Stosch
Foto: Micheal Keaton (links) als Riggan Thomson und Edward Norton in einer Szene des Films "Birdman" (undatierte Filmszene).
Micheal Keaton (links) als Riggan Thomson und Edward Norton in einer Szene des Films "Birdman" (undatierte Filmszene). Quelle: Alison Rosa/Labiennale.org
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Venedig

Keaton gibt darin einen ausgemusterten Superhelden-Darsteller. Einst sauste dieser als Birdman durch den Kinohimmel, nun hat es den müden Mimen an den Broadway verschlagen. Während ein krächzender Riesengeier über den Dächern von New York flattert, ist Ex-Birdman in weißer Unterhose auf dem Times Square unterwegs. Blockbuster-Siegesgewissheit prallt auf prekäres Bühnendasein.

Mit dem US-Schauspieler hat der mexikanische Regisseur Alejandro González Iñárritu, bislang eher für dramaturgisch ausgeklügelte Filme gerühmt („Babel“, „21 Gramm“), einen Besetzungscoup gelandet: Tim Burton hatte den US-Schauspieler in den Neunzigern zweimal als „Batman“ gebucht. Keaton weiß, wie es sich anfühlt, das Heldenkostüm abzulegen.

Spätestens am Sonntag ist Schluss mit der Schauspieler-Selbstbespiegelung. Dafür sorgt bei der 71. Festivalausgabe Fatih Akin, der einzige deutsche Regisseur im Rennen um den Goldenen Löwen. Sein Film „The Cut“ hat bereits für Wirbel gesorgt, ohne dass ihn irgendwer zu sehen bekommen hätte. Das Drama mit einem schweigenden Hauptdarsteller (Tahar Rahim aus „Le Passé“) erzählt vom Schicksal der 1915 von den Türken verschleppten und ermordeten Armenier. Ein Vater sucht verzweifelt seine verschollenen Zwillingstöchter.

Türkische Nationalisten haben Drohungen gegen Akin losgelassen und angekündigt, die Aufführung von „The Cut“ in ihrem Land zu verhindern. Der Hamburger Regisseur scheint im Trend dieses Festivals zu liegen, das Politische könnte den 20 Filme umfassenden Wettbewerb dominieren: In „Loin des Hommes“ (Regie: David Oelhoffen) gerät „Herr der Ringe“-Star Viggo Mortensen als Dorflehrer in die Wirren des Algerienkrieges. Ethan Hawke gibt in „Good Kill“ (Regie: Andrew Niccol) einen an seinem Job zweifelnden US-Drohnenexperten in Afghanistan. Ramin Bahrani schildert in „99 Homes“ das Schicksal einer US-Familie (um Spider-Man Andrew Garfield), die ihr Haus wegen Immobilienspekulationen verliert.

Mit besonderer Spannung erwartet wird Abel Ferraras Biografiefilm „Pasolini“ mit Willem Dafoe, in dem er vom letzten Tag im Leben des ermordeten Regisseurs Pier Paolo Pasolini erzählt. Zuletzt hat Ferrara im Mai am Rande von Cannes mit seiner Kinoorgie über den Finanzpolitiker Dominique Strauss-Kahn zwiespältige Reaktionen ausgelöst, nun heizt er die Spekulationen an: Er wisse mehr über Pasolinis Tod, verkündet Ferrara.

Der Texaner Joshua Oppenheimer widmet sich in „The Look of Silence“ den Opfern der indonesischen Diktatur, nachdem er in der spektakulären Dokumentation „The Act of Killing“ die Täter ins Visier genommen hatte. Die beiden US-Regisseure David Fincher und Paul Thomas Anderson bleiben Venedig fern und präsentieren ihre neuen Werke lieber Ende September in New York. Außer Konkurrenz laufen am Lido Filme von Ulrich Seidl, Peter Bogdanovich, Barry Levinson und vom mittlerweile 105-jährigen Portugiesen Manoel de Oliveira. Lars von Trier reicht die Langfassung von „Nymphomaniac Volume II“ nach, dürfte selbst aber wohl nicht nach Venedig kommen.

Die Preise werden am 6. September vergeben. Dem Jury-Präsidenten und Filmkomponisten Alexandre Desplat („The King’s Speech“) steht auch der deutsche Regisseur Philip Gröning („Die Frau des Polizisten“) zur Seite. Bis dahin bleiben die Paparazzi in der Lagunenstadt in Alarmbereitschaft: Al Pacino, Jennifer Aniston, Bill Murray, James Franco, Ben Kingsley, Ethan Hawke und Catherine Deneuve mit Tochter Chiara Mastroianni tummeln sich die nächsten eineinhalb Wochen in Venedig.

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