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Kultur Ein typischer Woody Allen von John Torturro
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21:27 01.11.2014
Foto: Gigolo Fioravante (John Turturro) vor einer Kundin.
Gigolo Fioravante (John Turturro) vor einer Kundin. Quelle: dpa
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Hamburg

Ein verschrobener Jude in New York mit skurriler Geschäftsidee und viele New Yorker, die sich nach ein bisschen Zuneigung und Zärtlichkeit sehnen - nur alle auf sehr unterschiedliche Weise. Was nach einem typischen Woody Allen klingt, ist kein Woody Allen. Und doch irgendwie. Denn mit seiner leisen, hintersinnigen Komödie „Plötzlich Gigolo“ liefert John Turturro alles, was in der Tradition des „Stadtneurotikers“ steht - einschließlich eines großartigen Allen als kauziger Intellektueller mit grauem Haar, dunkler Hornbrille und trockenem Witz.

Dass ein gutes Aussehen noch längst keinen guten Liebhaber macht, ist hinlänglich bekannt. Ein gewisses Maß an Erfahrung, Unerschrockenheit und vor allem Einfühlungsvermögen ist da schon entscheidender. Eigenschaften, die Fioravante (John Turturro) mitbringt. Noch dazu ist der Florist eher einsam und sein Geldbeutel leer. Das gilt auch für seinen Freund Murray (Allen), der in Kürze seinen antiquarischen Buchladen mangels Kundschaft schließen wird. Da erfährt er wie zufällig von den sexuellen Wünschen seiner gut situierten Hautärztin Dr. Parker (Sharon Stone): eine Menage a trois mit ihrer Freundin Avigal (Sofía Vergara) und einem Mann für gewisse Stunden.

Geschäftstüchtig und pragmatisch wie Murray ist, schlägt er seinem Freund Fioravante den Deal vor: der Florist als Gigolo, der gescheiterte Buchhändler als Zuhälter. Schließlich sieht Mick Jagger auch nicht gut aus und hat trotzdem die schönsten Frauen, lautet Murrays Argument, der fortan als „Dan Bongo“ den Frauen die Dienste seines Freundes vermittelt. Mit Erfolg, denn die Menschen in einer Stadt wie New York sind einsam - auch die ungeküsste Witwe eines chassidischen Rabbiners Avigal (Vanessa Paradis).

Plötzlich verschiebt sich die Geschichte von den luxuriösen Penthouses der Upper Class in die kleine Küche der sechsfachen Mutter. „Sie verzaubern die Einsamen“, sagt die sanfte Frau, während sie einen Teig knetet und die Stimmung von knisternder Erotik (die Anspielungen auf „Basic Instinct“ sind in Stones Spiel unübersehbar) zu sinnlicher Zuneigung wechselt. Geschickt wählt Turturro Schauplätze, Figuren und Situationen. Mal arrangiert der einfühlsame Florist und Lover Blumen, mal streicht er mit seinen schönen Händen über einen Buchrücken.

Turturro erzählt in gemächlichem Tempo, gibt den Figuren Zeit und bedient sich dabei sehr subtil aller Klischees, die jegliche Woody- Allen-Filme so amüsant machen. Er bedient sich dessen Wortwitzes und setzt erfolgreich auf Allens Darstellung. Auch er habe schon mal einen flotten Dreier gehabt - damals bei dem legendären Stromausfall 1977 in einem New Yorker Fahrstuhl. Keiner habe etwas gesehen, aber es „war trotzdem sehr vergnüglich“, erzählt Murray, während er in einem Sexshop steht.

Sehr vergnüglich ist auch dieser Film. Natürlich könnte man Turturro in seiner fünften Regiearbeit plumpes Abkupfern von Allens Frühwerken vorwerfen. Man kann diese charmante Komödie aber auch als eine gelungene Arbeit in der Tradition seines Vorbildes verstehen. Letzteres wir „Plötzlich Gigolo“ sicher gerechter und sorgt vor allem für ein sehr viel amüsanteres Kinoerlebnis.

dpa

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