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Kultur Pipilotti Rist und Nan Goldin erforschen Körper
Mehr Welt Kultur Pipilotti Rist und Nan Goldin erforschen Körper
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20:26 18.06.2015
Klassische Vorlage, aktuelle Pose: „Odalisque“ von Nan Goldin – und Pipilotti Rist in ihrer Installation „Sleeping Pollen“.
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Hannover

Zirpen, Tröpfeln, Zischen, Gluckern - dieses Werk ist, schon bevor es in Sicht kommt, ein akustisches Ereignis. Denn während man sich barfüßig auf weichem Boden durch einen dunklen Gang seinen Weg zur Kunst bahnt, hört man sie schon - die Klanginstallation, die Teil von „Du wirst sorglos sein“ ist, der gigantischen, zwei Wände mit üppig dahinfließenden Bildern flutenden Videoinstallation der Künstlerin Pipilotti Rist.

Deren Werke sind jetzt in der neuen Doppelausstellung der Kestnergesellschaft in Hannover zu sehen - zusammen mit Fotografien der US-Künstlerin Nan Goldin. Fließende Filme, stehende Bilder - wie passt das zusammen?

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„Beide Künstlerinnen befassen sich mit dem Körper, bei beiden geht es um Intimität und auch um Emotionen“, sagt Christina Végh bei der Präsentation dieser Ausstellung, die noch ihr Vorgänger Veit Görner auf den Weg gebracht hat. Für die wie Pipilotti Rist aus der Schweiz stammende neue Direktorin der Kestnergesellschaft schwingen dabei emotionsbesetzte Erinnerungen mit. „Über Pipilotti Rist musste ich im Studium meine erste Kunstkritik schreiben - das war gar nicht so leicht.“

Tatsächlich lässt sich die explosiv sinnliche Vielfalt dieser Installationen nicht so leicht in Worte fassen. Bei „Du wirst sorglos sein“ dürfen sich die Betrachter zwar auf weichen Decken niederlassen, sind dann aber einem opulenten Bild- und Klangrausch ausgesetzt. Um die Objekte kreisend, hält die Kamera das Adergeflecht grüner Blätter, eines blauen Flussdeltas oder von rosafarbener Haut fest. Zeigt Rillen in Fingerkuppen oder von Ackerfurchen. Hält Tautropfen auf Gräsern oder Spinnweben, Luftblasen im Wasser oder Sterne am Himmel fest.

Man merkt: Pipilotti Rist spürt - ziemlich spacig von der Erde bis ins Weltall - überzeitlichen Kontinuitäten nach. Nämlich dem Ebenmaß natürlicher Formen, dem Ernst Haeckel schon 1904 mit seinem Buch „Kunstformen der Natur“ huldigte. Nicht nur an dieser Harmonie liegt es, dass der zehnminütige Videoloop - allem Naturchaos zum Trotz - so harmonisch wirkt. Dazu tragen auch die stets gleichmäßigen Fahrten, Zooms und Schwenks und die zusammen mit dem Schweizer Musiker Anders Guggisberg entwickelte, dasselbe Ebenmaß wahrende Bild- und Klangchoreografie bei.

Einen Raum weiter demonstriert die 53-Jährige ein ganzes Videoraumkunstwerk. Darin wird der Betrachter zum Element solcher Raumkunst, erblickt sein verzerrtes Spiegelbild in den teils weit oben, teils in Kopf- oder Hüfthöhe hängenden Metallkugeln. Aus sieben dieser Kugeln werden Videos an die Wand projiziert, eine davon kreist überdies wie die Kristallkugel in einem Tanzsaal. Doch projiziert werden in „Sleeping Pollen“ lauter Pflanzenbilder, die, wie die Künstlerin vermerkt, ihren Pollen explosionsartig („pufff!“) in der Welt verbreiten und so den eigenen Zustand revolutionieren. In „Sleeping Pollen“ ist der begleitende Klangteppich von den Tönen einer Spieluhr durchsetzt. „Erkennen Sie’s?“, fragt Pipilotti Rist. „Da geht’s um ein Projekt, das im ersten Anlauf nicht geklappt hat, aber die Menschen leben schon seit 250 000 Jahren auf der Erde - und man kann’s ja mal wieder versuchen.“ Wer den unendlich langsam träufelnden Tönen nachspürt, erkennt irgendwann die „Internationale“. Da ist also die Rolle des Menschen im Raum gefragt. „Sleeping Pollen“, eine Installation mit Botschaft.

Und was ist die Botschaft von Nan Goldins Fotografien im Obergeschoss der Kestnergesellschaft? Die US-Fotografin präsentiert dort ihre Werkreihe „Scopophilia“, was so viel wie „Lust am Schauen“ bedeutet. Ihrer eigenen Schaulust ist die 62-Jährige im Louvre nachgegangen und hat dabei verblüffende Parallelen zwischen den dort vorgefundenen Malereikonventionen und den Posen bemerkt, die die von ihr Porträtierten gern einnehmen. Da die keinen künstlerisch geschulten inszenatorischen Blick haben, bleibt nur die Vermutung, dass auch die klassische Malerei einfach nur an ältere, anthropologische Konstanten der Selbstinszenierung anknüpft.

Um nahezu überzeitliche Dimensionen geht es also auch hier - diese Doppelschau rund um Mensch, Raum und Welt ist ein Höhepunkt unter den Ausstellungen der Kestnergesellschaft. Und sie dürfte ein Publikumsrenner werden.

„Nan Goldin“ und „Pipilotti Rist: Du wirst sorglos sein“. Bis 27. September in der Kestnergesellschaft Hannover, Goseriede 11.

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