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Kultur Peter Kraus: Generation Sugar Baby
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19:51 12.10.2009
Von Simon Benne
Topfit: Peter Kraus im Theater am Aegi.
Topfit: Peter Kraus im Theater am Aegi. Quelle: Frank Wilde
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Über eine Leinwand flimmert zur Einstimmung kuriose Reklame aus den Fünfzigern: Pfanni-Knödel-Werbung und der Sarotti-Mohr. Eine kleine cineastische Zeitreise in die Epoche von Adenauer und Elvis. Und dann sprintet er auf die Bühne, immer noch jungenhaft, die fleischgewordene Hemdsärmeligkeit, und röhrt sein „A wob bopa loom alop bam boom“ ins Mikro. Anno 1956 war die deutsche Version von „Tutti Frutti“ seine erste Platte. Im vergangenen März ist Peter Kraus, der „deutsche Elvis“, 70 geworden, aber er federt in den Knien und wiegt die Hüften und sieht aus wie der junge John F. Kennedy. Und er hat, na klar, flotte Sprüche auf Lager: „Hallo, Jungs und Mädels, gut, dass ihr eure Eltern zu Hause gelassen habt.“

Für die Jungs und Mädels im Publikum würden Soziologen heute wahrscheinlich ein Etikett wie „Generation Sugar Baby“ kreieren; im ausverkauften Theater am Aegi sitzen vornehmlich jene Jahrgänge, die einst das Jungsein zum Kult erhoben haben und das Jungbleiben zur Kunst. Peter Kraus beherrscht diese wie kaum ein Zweiter. Es kann sehr würdelos sein, wenn Männer in den Kleidern ihrer Jugend alt werden, doch Kraus führt vor, dass es funktioniert, wenn man es mit einem Augenzwinkern tut. Er schmachtet und kiekst wie ehedem, aber er grinst dabei, und angesichts altbewährter Zeilen wie „Susi, Baby, lass uns tanzen geh’n“ oder „Ich wär so gern dein Teddybär“ fällt das Grinsen gar nicht so schwer. So wird das Betuliche seiner Fünfzigerjahrehits zum Quell gemeinsamer Heiterkeit, und das Wilde bleibt dennoch wild.

Etwas pflichtschuldig liefert Kraus Kurzversionen alter Rock-’n’-Roll-Kracher ab. Bei dieser Tournee ist ihm anderes wichtig. Zum runden Geburtstag hat er sich einen Wunsch erfüllt, wie er selbst sagt: Auf seinem neuen Album „Nimm dir Zeit“ hat er, begleitet von der SWR-Bigband, Evergreens neu arrangiert und eingedeutscht. Ein Jazz-Swing-Boogie-Blues-Projekt: „Everybody loves somebody, sometimes“ wird dabei zu „Nimm dir Zeit und lass die Welt sich drehen“, „Save the last Dance“ zu „Ich bin doch nur ein Mann“. Seine 13-köpfige Bigband ist im Aegi extrem gut aufgelegt – und macht auf großes Kino: Die Schneebesen reiben über die Snare, die Saxofone glitzern, jeder Musiker bekommt sein Solo und dafür Szenenapplaus. In den Texten geht es um lässige Männer und schöne, einsame Frauen. Und Kraus gibt bei „Moon River“ („Verzeih’ mir“) oder „Crazy little Thing called Love“ („Ich werd’ noch verrückt mit dir“) im silbergrauen Anzug den lässigen Entertainer.

Das alles liegt irgendwo zwischen Götz Alsmann und Stefan Gwildis. Nach mehr als einem halben Jahrhundert hat sich Kraus noch einmal neu erfunden. Selten in seiner langen Karriere war der Elder Statesman des Rock ‘n’ Roll so weit weg von seinen Wurzeln, und nicht immer bringt er an diesem Abend das, was das Publikum erwartet. Aber was er bringt, ist gut und überraschend und mutig. Die Stones würden sich nie trauen, ihr „Satisfaction“ so neu zu arrangieren, wie er sein „Sugar Baby“ neu arrangiert hat, als coole Jazznummer.

Beim Finale furioso zeigt er, dass er noch jeden Tanzschuppen zum Wackeln bringen kann. Bei „Rock ‘n’ Roll Music“ steigt er auf den Flügel, er gibt eine schweißtreibende Version von „So wie ein Tiger“, und seine Band spielt „Rockin’ all over the world“ mit mehr Soli, als das Original von John Fogerty Akkorde hat. Am Ende gibt es unbändigen Applaus. Und man fragt sich, was wohl Robbie Williams in 35 Jahren so macht.

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