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Kultur Peter Gabriel überzeugt mit Orchester
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19:06 07.05.2012
Fagott statt Synthesizer: Peter Gabriel mit dem „New Blood“-Orchester in Wolfsburg. Quelle: dpa
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Wolfsburg

Peter Gabriel kann nur in Rot träumen. Das singt er in seiner Anti-Apartheid-Hymne „Biko“, und das bedrückt ihn sehr. Rot ist auch in anderen seiner Songs allgegenwärtig: Der Beat, der ihn in „The Rhythm of the Heat“ bis zum Kontrollverlust durchdringt, ist rot. Schmerz durchnässt ihn wie „Red Rain“. Man kann sich vorstellen, dass auch jeder der selbstquälerischen Gedanken, in die er sich in „Digging in the Dirt“ grübelt, rot ist. Vor Gabriels Rot kann man nicht fliehen. Rot ist bei ihm nicht die Farbe der Liebe, sondern die Farbe von Unterdrückung, Isolation und Depression.

Die Bühne bei seiner Orchestershow in Wolfsburg ist mehrfach in rotes Licht gesetzt. Gabriel spielt dort an zwei Abenden bei den „Movimentos“-Festwochen. Vor jeweils 1000 Fans, mehr passen in das ehemalige Kraftwerk der Autofabrik nicht hinein. So dicht dran ist man selten bei einem Konzert eines Weltstars. Exklusivität und PR-Effekt lässt sich Volkswagen etwas kosten. Auch für Gabriels Exband Genesis hat der Konzern schon einmal Geld ausgegeben: 20 MillionenD-Mark. Dafür brachte VW im Jahr 1992 zur „We can dance“-Tournee das Sondermodell „Polo Genesis“ auf den Markt.

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Seit zehn Jahren hat Peter Gabriel fast keine neuen selbstgeschriebenen Songs mehr veröffentlicht. Zuletzt erschienen zwei Alben, auf denen er sich von einem 48-köpfigen klassischen Orchester begleiten ließ: eins mit Coverversionen und eins mit alten eigenen Stücken. Gabriel nennt das Projekt „New Blood“, frisches Blut, manche Kritiker sehen es dagegen bloß als Eigenblutspende.

Der 62-Jährige, optisch halb Buddha, halb Busfahrer, verzichtet bei „New Blood“ auf die typischen Rockinstrumente. Das heißt: keine Gitarren, keine Drums, auch kein Fairlight CMI, also keine digitalen Samples von splitternden Fernsehbildschirmen oder Wind in der Dachrinne. Keine Technologie. Fagott statt Synthesizer.

Gabriel singt Songs aus seiner kompletten 35-jährigen Solokarriere. Doch nie kommt der Verdacht auf, dass es ihm hier ums Geldverdienen mit seinen Greatest Hits ginge. Denn Gabriel hat ein starkes Konzept. Mit Pauken und Posaunen entreißt er sogar die Hits seines meistverkauften Albums „So“ den Fängen der Belanglosigkeit. Es gelingt ihm, durchgedudelte Das-Beste-aus-den-Achtzigern-Nummern wie „Don’t give up“ oder „In your Eyes“ die Relevanz zurückzugeben, die diese Stücke früher einmal hatten.

„Sledgehammer“ bringt er erst gar nicht. Weil der Song nicht passt. Stattdessen singt er lieber eine Fremdkomposition, und zwar die düstere Ballade „My Body is a Cage“ von der kanadischen Indie-Rockband Arcade Fire. Dem verzweifelten Protagonisten des Stücks fehlt der Code zur Zuversicht. Von den eigenen bösen Gedanken gefesselt kann er noch nicht einmal tanzen, geschweige denn lieben. Das erinnert sehr an Kafkas Käfer.

Gabriel hört Arcade Fire und hat Franz Kafka gelesen, er kennt auch die Essays des Schweizer Psychoanalytikers C. G. Jung. Man erkennt schon an den Ansagen, dass es bei diesem Konzert auf die Inhalte ankommt: Gabriel erklärt die Stücke auf Deutsch. Unter anderem das von Jung inspirierte „The Rhythm of the Heat“. Das Original von 1982 beginnt mit einem per Computer verfremdeten Querflöten-Loop. Jetzt ist die Querflöte echt. Celli und Bässe staccato. Dauerton Tuba. Hitchcock-Thriller-Dramatik. Die Violinen rasten aus, der tolle Percussionist Joby Burgess auch. Am Ende alle durcheinander. Dissonanz. Alles klopft. Kakophonie.

Das „New Blood“-Orchester hat nichts mit Rondo Veneziano zu tun. Wer befürchtet hatte, dass Gabriel-Songs in der Orchesterfassung hohler Kitsch sein könnten, ist schon beim ersten Lied beruhigt. Es ist auch eine Coverversion: „Heroes“ von David Bowie. Das für den Song charakteristische Gitarrensolo lässt das Orchester einfach weg. Wie Gabriels Songs gewinnt auch das Bowie-Stück durch das neue Arrangement an Dunkelheit und Dramatik.

Mit „Solsbury Hill“ wird es gegen Ende des Konzertes heller im Kraftwerk. Gabriel hatte sich Mitte der siebziger Jahre aus der Progressive-Rock-Fabrik Genesis befreit. Das 1977 aufgenommene Stück verbreitet noch heute das Gefühl unendlicher Möglichkeiten. Einige im Publikum fühlen sich sogar so frei, dass sie aufstehen und tanzen. Drei Schläge auf die Kesselpauke. „My Heart going boom boom boom.“ Auch das Orchester jubiliert. Bei „Biko“, nach dem Mord an dem südafrikanischen Bürgerrechtler Steve Biko entstanden, soll man vom Sitz aus die Black-Panther-Faust machen, regt Gabriel an. Doch gegen Rassismus wollen nicht so viele demonstrieren. So viel Inhalt muss es dann doch nicht sein. Und so viel Pathos auch nicht.

Für die, die das Marimbaphon nur als iPhone-Klingelton kennen, ist es sogar lehrreich bei Peter Gabriel: Denn in Wirklichkeit ist es ein klassisches Schlaginstrument, mit dem man ganz wunderbar den Sound von roten Regentropfen nachempfinden kann.

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